Kein Revolutionszwitschern

28. Mai 2013, 18:23
9 Postings

Mit falschen Erwartungen und einem zu wenig akzentuierten Programm kämpft "What Would Thomas Bernhard Do". Mit Fazit

Wer will, kann sich dort jedoch von brillanten Köpfen - etwa Philosoph Byung-Chul Han - anregen lassen.

Wien - "Einfältige Narren. Aufgeblasene Egos. Poser. Gemeine Intriganten. Zweifler. Arschlöcher." Oder: "Liebende. Denker. Macher." Weltumarmende Begrüßungsformeln in großen Lettern, von denen sich jeder angesprochen - und auch herausgefordert - fühlen durfte. Aus dem zwischen Beschimpfung und Schmeichelei kippenden Hybrid hat Barbara Kruger das Bühnenbild zum Diskurs-Festival What Would Thomas Bernhard Do , kurz: WWTBD, gewoben. Aber selbst an diesen zärtelnden Zuschreibungen nagt der Zweifel, dass hinter ihm eine ausgeklügelte Boshaftigkeit lauere. Genau darin kommt Kruger einem Bernhard'schen Prinzip bereits sehr nahe.

Es ist aber mehr ein Streifen an der Form des vom Aufreger zum Nationalheiligen avancierten Schriftstellers. Denn, daran halten Skeptiker fest: Thomas Bernhard würde nichts tun - außer schreiben. Und falls doch, dann wäre es vielleicht eher so was wie "seine Gummistiefelsammlung sehr ordentlich aufstellen und der Umwelt keine Beachtung schenken", als zu theoretisieren oder Diskurse zu führen, wie man bei Facebook-Freunden lesen konnte.

Aber Monologisieren, das würde er - in seinem unverkennbaren schleifenziehenden Sprachrhythmus, den sich Autorengäste wie Barbara Markovic und Curt Cuisine aneigneten, um der schönen Form von Gehen und Holzfällen andere Inhalte einzupflanzen. "Worüber er heute monologisieren würde", so Kunsthallen-Dramaturgin Vanessa Joan Müller zum Auftakt, sei die Frage. "Bernhard war kein großer analytischer Autor. Es geht immer mehr um eine Reaktion des Ichs auf etwas", betoniert Literaturwissenschafter Manfred Mittermayer den Verdacht, dass der Festival-Patron nicht zum Revolutionär getaugt hätte. Ein Tiefschlag zum Start, hatte sich WWTBD doch zumindest den Versuch einer Gegenwartsanalyse zum Ziel gesetzt.

Die Eröffnungsperformance Auch im Suhrcamp wollen wir auf Sex nicht verzichten. Suhr- statt Dschungelcamp - Lungen- statt Surbraten von Julius Deutschbauer und dem Theater des Verhinderns begann noch während der Diskussion mit dem Platznehmen von Akteuren und Gästen an einer reich gedeckten Tafel. Der gleitende Übergang von der Debatte zum Drama mit Deutschbauer als Nietzsche hatte dadaistische Qualitäten: Dosenbeuschel und Punschkrapfen, laut vorgetragene Texte, aufgesetzte Hörner und ein goldener Overall mit Schweinsmaske garnierten ein " Tafelbild" aus lässiger Verweigerung. Das ist der Anti-Bernhardianismus von heute: Wo Kritik und Beschimpfung nichts mehr versprechen, wird ironische Verwirrung geliefert; selbstverständlich ohne gefälligen Skandalservice.

Das WWTBD-Programm zerfällt in Vielfalt, das - egal ob Vortrag oder Film - Aufführungen aneinanderreiht und wechselnde Publikumsgruppen anspricht, die man konkurrierenden Festwochenveranstaltungen abgerungen hat. Für übervolle Ränge sorgten bisher nur Zugpferde wie Sloterdijk, Weibel und Menasse.

Theorie statt Zündeln

Ins Netz gezwitschert wurde jedoch eine Ansage von Tim Jackson (Wohlstand ohne Wachstum): "Wenn die Welt wirklich erkennt, wie Banken arbeiten, gäbe es eine enorme Revolution." Aber auch Jackson gab nicht den Zündler. Vielmehr versicherte er unerwartet esoterisch, man rede den Menschen nur ein, ego- und konsumorientiert zu sein. In der Besinnung auf den Mitmenschen läge die Lösung. "Zu viele Vorträge gehört, ich will endlich etwas tun", seufzte eine Zuhörerin. Das Eingeständnis der Festivalmacher, womöglich gar keine Antworten zu finden, enttäuscht eine Handlungsanweisungen erhoffende Zielgruppe. (Anne Katrin Feßler; Helmut Ploebst, DER STANDARD, 22.5.2013) 

Bis 26. 5.

Fazit:

Nach zehn Tagen Festivalbetrieb und damit mehr als 100 Veranstaltungen zwischen Vortrag und Party erging es der zentralen, interpunktionsfrei gestellten Frage #WWTBD genauso, wie jenen Buchstabenfolgen, die auf Flaschen, T-Shirts und Papier-Servietten gedruckt waren: "Würde Thomas Bernhard aus der Flasche trinken?", "Mir das Duwort anbieten?", "Sich nach dem Verzehr den Mund abwischen?" und soweiter. Sie blieben offen. Abkürzungs-Spiele, die wohl nicht nur auf den schnellen Gag abzielten. Man durfte sie wohl auch ein wenig als Symbol dafür verstehen, dass es letztlich nicht auf die eine, letzte, gültige Antwort ankommt, sondern auf das Dazwischen - den Diskurs. Und so blieben auch die Zwischenräume zwischen den großen, rosafarbenen Lettern - D, T und O - in Heinrich Dunsts Installation für "WWTBD" bestehen: Es wurde weder ein "to do" noch ein finales "T O D" daraus.

In einer produktions- und ergebnisorientierten Welt ist es schwer zu akzeptieren, dass in der Kunsthalle Wien ein sehr weites Feld beackert wurde, das sich einmal eng an den "intellektuellen Bombenleger und sprachspielenden Spinner" anschmiegte, andere Male weit vom "philosophierenden Dauerquengler" entfernte. Aber trotz aller Abstriche und Kritik, die man an der zeitlichen Platzierung während der Festwochen, einem zu breiten Themenspektrum oder dem Patron "Thomas Bernhard" vornehmen kann, muss man den Mut zu Experiment und neuem Festivalformat anerkennen. Warum sollte die Aufgabe "Ausstellung" nicht auf einer Bühne als serielle Abfolge verschiedenster Einzelbeiträge stattfinden können. Dieses Öffnen eines festgefahrenen Terrains, diese Art Neudefinition ist zu begrüßen. Und: Nicolaus Schafhausen hatte mit seiner Feststellung, dass in Wien der Diskurs fehlt, sehr wohl Recht. "WWTBD" füllte diese Lücke und fand auch ein täglich wachsendes Publikum dafür, selbst wenn dieses mitunter das Gebotene kontroversiell diskutierte. Aber stete Harmonie und Einigkeit sind ja vom Prinzip her langweilig, ob nun im Format Festival oder in einerklassischen Ausstellung. (Anne Katrin Feßler, 28.5.2013)

  • Statt Ausstellung eine Bühne für das Suchen nach Antworten - und Fragen.
    foto: foto: wyckoff, bühnenbild: kruger

    Statt Ausstellung eine Bühne für das Suchen nach Antworten - und Fragen.

Share if you care.