Scheich Saadi und die unzufriedenen irakischen Sunniten

22. Mai 2013, 14:30
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Die Hoffnungen auf einen Dialog zwischen der schiitisch-geführten irakischen Regierung von Nuri al-Maliki und der sunnitischen Protestbewegung sind rasch zusammengebrochen. Laut Shafaq hat die geistliche Galionsfigur der unzufriedenen irakischen Sunniten, Abdel Malik al-Saadi, am Wochenende das Ende seiner „Initiative des guten Willens" verkündet. Die Regierung habe nicht adäquat auf seinen Vorschlag geantwortet.

Saadi hatte Gespräche in der al-Askari-Moschee in Samarra vorgeschlagen: Die Stadt liegt in der mehrheitlich sunnitischen Provinz Salahuddin, aber die berühmte Moschee von Samarra birgt die Schreine zweier schiitischer Imame, des zehnten und des elften, Ali al-Hadi und sein Sohn Hassan al-Askari (auch die „Askariyain" genannt, die beiden Askaris, gestorben 868 und 874, beide angeblich auf Initiative der sunnitischen Kalifen vergiftet). Die Moschee mit der berühmten goldenen Kuppel wurde im Februar 2006 bei einem Bombenanschlag schwer beschädigt, der die Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten endgültig in den Bürgerkrieg abgleiten ließ. Was von der Anlage übriggeblieben war, zerstörte ein Anschlag im Juni 2007. Aber 2009 wurde die wiederaufgebaute Moschee wieder geöffnet. Ein symbolträchtiger Ort also – den jedoch offenbar auch die staatliche schiitische Verwaltung als Verhandlungsort ablehnte. Auf beiden Seiten sollten laut Wunsch Saadis nicht nur Politiker, sondern auch Geistliche und Mitglieder der Zivilgesellschaft teilnehmen.

Aus den Reihen der Demonstranten folgten recht kriegerische Töne. Laut Al-Hayat lautet die Linie der Protestbewegung, die sich unter dem  Namen „Anbar Coordination Committee" (ACC) versammelt, nun: entweder eine eigene autonome Provinz oder Krieg. Saadi sprach in seiner Erklärung von „schlimmen Konsequenzen". Schon jetzt sind die Todeszahlen durch meist konfessionell geprägte Anschläge im Irak wieder auf bürgerkriegsähnliche Ausmaße gestiegen – im April waren es mehr als 700, im Mai wird, wenn es so weiter geht wie in den vergangenen Tagen, diese Zahl überschritten werden.

Zwischen Amman und Ramadi

Abdel Malik al-Saadi hat bisher einen eher mäßigenden Einfluss ausgeübt. Der spirituelle Führer der Demonstranten lebt eigentlich in Jordanien im Exil, in der letzten Zeit pendelte er jedoch zwischen Amman und Ramadi, der Protest-Hochburg. Ursprünglich weigerte er sich, mit Politikern auch nur zusammenzutreffen und zu reden, die Dialoginitiative, die ihn früher oder später mit Politikern zusammengebracht hätte, war deshalb eigentlich ein persönlicher Kurswechsel.

Auch wenn man bei irakischen Sunniten eher auf eine Saddam-Nostalgie trifft als bei Schiiten, stimmt die Formel nicht, dass alle, die jetzt gegen Maliki sind, früher auf der Seite Saddam Husseins standen. Das trifft gleich auch mehrere Exponenten des „Anbar Coordination Committee" zu, und auch auf Abdel Malik al-Saadi. Sein Clan stammt als Samarra, er selbst wurde in Hit in der Provinz Anbar geboren. Ali Abel Sadah schreibt in Al-Monitor, dass Saadi 1988 verhaftet wurde, weil er in seinen Predigten gegen das Regime wetterte. Aus dem Gefängnis kam er mit Knochenbrüchen zurück – dass er überhaupt zurückkam, war vielleicht auch seinem regimetreuen Bruder Abdul Alim zu verdanken. Dieser ließ sich in den 1990er Jahren vom Regime für seine Glaubenskampagne einspannen: Saddam Hussein begann, den salafistischen sunnitischen Islam zu fördern, um ein Gegengewicht zu den religiösen Schiiten aufzubauen, aber wohl auch, um den religiösen Sunniten in den schweren Sanktionsjahren entgegenzukommen.

Gegen Saddam und gegen Al-Kaida

2001 verließ Abdel Malik al-Saadi den Irak und war fortan in Amman als Theologe an der Mutah Universität aktiv. 2007 wurde ihm die Stelle als Großmufti – die höchste sunnitische Position – im Irak angeboten, aber er nahm sie nicht an. Gleichzeitig setzte er sich jedoch ein, um seine sunnitischen Landsleute von Allianzen mit Al-Kaida abzubringen. Saadis Saddam-treuer Bruder wurde 2010 von Al-Kaida umgebracht. In der heutigen Protestbewegung hat übrigens auch der Neffe jenes Scheich Ahmed Abu Risha eine prominente Rolle inne, der 2007 aus den zuvor aufständischen sunnitischen Stämmen in der Provinz die Sahwa-Miliz aufstellte, die gemeinsam mit US- und irakischen Truppen Al-Kaida verjagte.

Als sich Saadi 2012 der sunnitischen Protestbewegung anschloss, betonte er stets, dass der Friede im Irak nur durch eine Koexistenz zwischen Sunniten und Schiiten zu erreichen sei, und erteilte der Saddam-Nostalgie unter den Demonstranten eine Absage. Auch den separatistischen Tendenzen der Sunniten schloss er sich ganz ausdrücklich nicht an. Nachdem Ende Jänner jedoch in Falluja Demonstranten von irakischen Sicherheitskräften erschossen wurden, änderte sich der Ton Saadis, und er drohte erstmals mit einem gewaltsamen Aufstand gegen Maliki. Aber dann versuchte er es doch noch mit einem Dialogangebot. Dass es geplatzt ist, könnte eine neue Tragödie für den Irak bedeuten. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 21.5.2013)

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    Sunnitenproteste in Ramadi

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