Die Tücken der Ausgewogenheit

21. Mai 2013, 17:11
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Bizets "Carmen" an der Wiener Staatsoper mit Mezzostar Elina Garanca

Wien - Was an sich schon in der Ära Ioan Holender geplant war, hat also nun stattgefunden: Elina Garanca gab an der Staatsoper Carmen. Und man hört: Sie verfügt über eine der ausgewogensten Mezzostimmen der Gegenwart. Ihr Vortrag hat Raffinement, Klarheit, an expressiven Stellen blüht ihre Stimme als luxuriöser Schönklang auf. Auch die Rollengestaltung ist hochgradig flexibel und differenziert. Garancas Carmen hat Charme, hohe Selbstachtung und das nötige Maß an Ausgelassenheit und grausamer Verspieltheit, also all das, was die freiheitsbesessene Figur ausmachen soll.

Auch der Kontakt mit Don José war alles andere als zaghaft. Schon im ersten Akt wälzt sich das Pärchen am Boden herum, als gäbe es keine Außenwelt. Und intensiv bleibt der Kontakt bis zum Schluss, wenn Roberto Alagna das Messer zückt und Carmen die Kehle durchschneidet. Dennoch seltsam - wirklich abheben wollte die Aufführung nicht. Vielleicht ist bei Garanca alles doch zu ausgewogen, fehlt ihr im Dramatischen die direkte Durchschlagskraft. Vielleicht war aber auch Dirigent Bertrand de Billy zu sehr darum bemüht, auch die Schönheit der Partiturfußnoten deutlich zu machen. Das klang interessant und bisweilen lebendig.

Aber elastischerer Umgang mit Agogik und spontanes Anstacheln der frei werdenden Bühnenenergie hätten für mehr Sogwirkung und Magie gesorgt. So wurde es eine solide Aufführung, in der Alagna robust wirkte, die dramatischen Momente effektvoll brachte (die Blumenarie vielleicht etwas kühl) und in Summe ein respektabler Don José war. Etwa schwammig klang hingegen Massimo Cavalletti (als Escamillo), intensiv hingegen Anita Hartig (als Micaela). Natürlich Applaus. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 22.5.2013)

23., 26., und 30. 5., 18.30

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