Vom falschen Leben im richtigen Lifestyle

Rezension22. Mai 2013, 05:30
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Doris Knecht erzählt in ihrem Roman "Besser", wie man sich fidel fadisiert

Antonia Pollak ist so etwas wie eine Madame Bovary im Bobo-Land. Frau Pollak liebt nicht ihren Mann Adam, wohl aber das wohltemperiert-luxuriöse Leben, das er ihr großzügig bietet. Sie hat die Aufgabe, zahlreiche Abendessen und Dachterrassenfeste für die vielen Freunde ihres Mannes auszurichten. Möglicherweise ist man schon nach den ersten Seiten geneigt, das Buch zuzuschlagen und die Bobos ihrem selbstinszenierten Schicksal zu überlassen. 

Aber der berühmt-berüchtigte knechtsche Duktus, der mitunter schon mit dem bernhardschen verglichen wurde, der schnelle Kolumnenstil gespickt mit Sprachwitz und haarscharfer Beobachtungsgabe, zieht den Leser unbarmherzig in seinen Bann, und so erfährt man recht bald, dass Antonia Pollak ja gar nicht so eine typische Vertreterin ihrer Zunft ist, wie es manche Attribute nahelegen könnten. Wie etwa die Wohnung am Brunnenmarkt, das riesige Atelier, in dem Antonia Pappmaché-Collagen faltet, wenn ihr gerade danach ist, der (fast) schwule beste Freund, der genauso zum Inventar gehört wie der aufreygende Liebhaber W und die polnische Putzfrau.

Nein, Antonia Pollak ist keine typische Latte-Macchiato-Bobo-Mutter, denn sie hat ein Geheimnis. Welches genau, lässt sich allerdings auch durch aufmerksame Lektüre nicht zweifelsfrei eruieren. Jedenfalls steht fest, dass Antonia das Leben auch von der weniger schönen Seite kennt, dass sie aus einer dysfunktionalen Familie stammt und also immer schon von jemandem gerettet werden wollte. Von Adam, einem Immobilienentwickler mit ausgeprägter sozialer Ader, wird Antonia tatsächlich durch Heirat gerettet, dennoch sieht Antonia in ihm nicht unbedingt ihren Märchenprinzen (siehe oben), sondern vielmehr die nächste missliche Lage, aus der sie gerettet zu werden begehrt, oder zumindest ein wenig abgelenkt. Denn das Leben an Adams Seite mit den beiden gemeinsamen Kindern ist eines, das Antonia "leben muss", während sie ihr "richtiges verpasst".

Kugelsicher

In der Tat ist es nicht lustig, wenn Freunde nur paarweise zu haben sind, die Millers, die Fricks, die Mosers, die Kaufmanns, die Mahringers, wenn die ideologischen Grabenkämpfe sich entlang der Friktionslinien "Fleischkonsum Ja oder Nein?" oder "Kindermädchen zum Abendessen bei Freunden mitnehmen Ja oder Nein?" abspielen und wenn Selbstinszenierung und Lifestyle die treibenden Handlungsmaximen sind. Ja, Antonia findet den Freundeskreis, in den sie eingeheiratet hat, manchmal auch nervig, dennoch will sie dazugehören und denkt nicht daran, Adam zu verlassen, schließlich verkörpert er Stabilität und Wohlstand, "er ist wie kugelsicher".

Eine kugelsichere Weste muss dagegen der Liebhaber W anlegen, wenn er in krisengeschüttelten Weltgegenden unterwegs ist. W ist nämlich Kriegsreporter. Für Antonia hat W, der nie beim vollen Namen genannt wird und als Mensch gar nicht in Erscheinung tritt, seine Funktion zu erfüllen, so wie jeder andere auch in Antonias Universum. W gleicht das ehebedingte "Romantikdefizit" aus, er ist das domestizierte, kalkulierbare Abenteuer, die abgesicherte Safari, der vertretbare Kick im Alltag. Die außereheliche Affäre wird insgesamt sehr schablonenhaft dargestellt und lässt kaum Rückschlüsse auf die Gefühlswelt der beiden Partner zu.

Alenka und Mirkan in der Kulturfalle

Vielschichtig nichtssagend ist auch das Verhältnis Antonias zu ihrer polnischen Putzfrau und Nachbarin Alenka, die mit dem ex-jugoslawischen Hausmeister Mirkan zusammenlebt und mit ihm ein kleines Kind hat. "Ich habe nichts gegen Ausländer, wir sind sehr gut mit Mirkan und Alenka", lässt die Autorin ihre Protagonistin sagen. Immerhin hat man nichts gegen Ausländer, denn es sei gar nicht so einfach, sich als "die weiße Frau" im Multi-Kulti-Dschungel des gentrifizierten Brunnenmarkts zu bewegen, wo man von dem einen oder anderen Metzger rüpelhaft behandelt wird, weil man "kopftuchlos" und "was weiß ich" unterwegs ist.

Alenka putzt bei Antonia, was bei dieser für wohldosierte Gewissensbisse sorgt, die jedoch nie die kritische Grenze überschreiten, ab der man selbst zum Besen greifen würde. So ist Antonia, die reiche Nachbarin, die einen Arbeitsplatz für Alenka schafft und ihr überdies den alten Kinderwagen überlässt, immer wieder hin- und her gerissen: Da ist einerseits das Gefühl, "Gutes zu tun", und andererseits das schlechte Gewissen, durch die hierarchische Überlegenheit als Ausbeuterin da zu stehen. Inkonsequenz scheint überhaupt die zweite Natur von Frau Pollak zu sein, aber das allein reicht über weite Strecken nicht aus, um den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten.

Dann sorgt jedoch ein  dramaturgischer Kunstgriff messerstichartig dafür, dass Mirkan und Alenka aus ihrem Schattendasein in Antonias Universum befreit und kurzfristig zu Hauptdarstellern befördert werden: Die häusliche Gewalt, die sich bereits abgezeichnet hat, kulminiert in einem Ehestreit, in dem Mirkan seine "katholische" Partnerin mit einem Küchenmesser ermordet. Mirkan ist demzufolge nicht katholisch, also muss er orthodox oder muslimisch sein, der äußerst seltene Name Mirkan erlaubt jedenfalls keinen Rückschluss auf die Nationalität des Trägers. Oder meinte die Autorin möglicherweise, Mirkan hätte etwas mit dem weit verbreiteten Namen Mirko zu tun?

Wie dem auch sei, angesichts des Unglücks im eigenen Wohnhaus erlebt Antonia, die  alles durchschauende Milieukritikerin, eine Katharsis und begreift, dass sie ihren Mann Adam wirklich liebt. Fremdes Unglück in unmittelbarer Nachbarschaft sorgt bei Frau Pollak für Selbstvergewisserung. "Wir sind, wie wir lieben. Und wen wir lieben", versteht Antonia auf einmal. W muss also aus ihrem Leben verschwinden, dem neuen, "besseren" Leben gewissermaßen als Opfer dargebracht werden.

Wenn es um die Interpretation der Gewalttat im Haushalt des Hausmeisters und der Putzfrau geht, exotisiert und kulturalisiert Antonia munter drauf los: "Und weil ich Alenka gern hatte, eine katholische Polin mit wilden, blonden Locken, mit der er zusammenlebte, was ich für einen ausreichenden Beweis hielt, dass kulturelle oder religiöse Differenzen für ihn keine Rolle spielten. Dass er sie überwunden hatte. War wohl nicht so." Aha. Kulturelle und religiöse Differenzen. Antonia sieht in ihren Nachbarn in erster Linie die Vertreter ihrer jeweiligen "Kulturen", Alenka ist und bleibt also "die Polin", Mirkan "der Serbe" (oder  vielleicht auch "der Bosniake"). Es ist Mirkans Unfähigkeit, seine Herkunft zu überwinden, die zur Tragödie führt. Dass ein gewalttätiger Ehemann am allerwenigsten an seine Kultur oder seine Religion denkt, während er seine Ehefrau misshandelt, kommt der staunenden Antonia nicht in den Sinn.

Selber schuld

Wie gesagt, alles und jedes hat eine Funktion in Antonias Universum, so auch der Leser. Er soll durch seinen Blick gewissermaßen der Protagonistin Tiefgang bescheinigen und sie durch die kathartische Glücklichwerdung, hin zu einem "besseren" Leben, hin zu einem "besseren" Ich begleiten. Wer sich nach 285 Seiten zugegebenermaßen guter Unterhaltungsliteratur ein wenig instrumentalisiert und erschöpft fühlt, möge sich in Erinnerung rufen, dass für ihn in Hinblick auf die Lektüre dasselbe gilt wie für Antonia Pollak im Hinblick auf ihren goldenen Lifestyle-Käfig: Selber schuld. (Mascha Dabić, 21.5.2013, daStandard.at)

Doris Knecht, "Besser". Roman, Originalausgabe. € 20,60 / 288 Seiten. Rowohlt-Verlag

Link:

Romanauszug: "Über das richtige Leben im falschen"

  • Es sei gar nicht so einfach, sich als "die weiße Frau" im Multi-Kulti-Dschungel des gentrifizierten Brunnenmarkts zu bewegen...
    foto: heribert corn, corn@corn.at

    Es sei gar nicht so einfach, sich als "die weiße Frau" im Multi-Kulti-Dschungel des gentrifizierten Brunnenmarkts zu bewegen...

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