Wie Tiere im Käfig

21. Mai 2013, 17:05
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Wiener Festwochen: Simon Stones "The Wild Duck"

Wien - In einen Glaskasten steckt man normalerweise wilde Tiere, um sie ungestört beobachten zu können. Auch am Theater erweist sich die Verglasung als probates Mittel: Der australische Regisseur Simon Stone hat The Wild Duck, seine Version von Henrik Ibsens Wildente, in einen Glaskasten gesteckt - sie war bis gestern zu Gast bei den Wiener Festwochen. Das Original (1884) hat er beherzt auf die moderne Lebensrealität zugeschnitten: Wie bei Ibsen wird Hjalmar Ekdal (Brendan Cowell) von seinem Jugendfreund Gregers Werle (Damon Herriman) darüber aufgeklärt, dass seine Frau Gina ein Verhältnis mit Gregers wohlhabendem Vater (John Gaden) hatte und seine Teenager-Tochter Hedvig (grandios als frühreife Göre: Eloise Mignon) womöglich dessen Tochter ist. Auch hier steht am Ende Hedvigs Selbstmord. Die Gesellschaft aber, die bei Ibsen das private Drama einrahmt und in gewisser Weise bedingt, wird hier ausgeblendet.

Hier geht es in erster Linie um subjektive Befindlichkeiten. Es geht um Hjalmar Ekdals Unvermögen, der geliebten Frau zu verzeihen. Die Glaswand zwischen Schauspielern und Publikum lässt das Ganze anmuten wie eine antropologische Feldstudie: Was passiert, wenn man die Illusionen einer heilen Familie zerstört?

Auf jeden Fall wird laut und leidenschaftlich gelitten. Blazey Best rollt sich als verstoßen Gina nahe der Glaswand am Boden zusammen wie ein leidendes Tier. Das geht nahe, genau wie die schamvolle Hilflosigkeit von Hjalmars Vater (Anthony Phelan), der sich vergeblich an eine durchzechte Nacht zu erinnern versucht. Trotzdem bleibt eine Distanz, die nicht nur vom Glas zwischen Bühne und Zuschauer herrührt. Sie ist auch Effekt des humorvoll-ironischen Tonfalls, der gepflegt wird und das Ganze bisweilen fast wie eine Sitcom anmuten lässt.

In existenzielle Untiefen dringt die Inszenierung nicht wirklich vor, obwohl sie Fragen nach Liebe, Verrat, Treue und Idealen aufwirft. In unterhaltsamen, oft witzigen neunzig Minuten zeigt sie, wie Menschen aus ihrer Gefühlswelt keinen Ausweg mehr finden. Wie Tiere in einem Käfig. (Andrea Heinz, DER STANDARD, 22.5.2013)

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