Machen Benzodiazepine dement?

22. Mai 2013, 13:05
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"Ganz so ist es nicht", sagt Dietmar Winkler, Leiter der Gedächtnisambulanz im Wiener AKH

Wieder besser schlafen können. Keine Angst mehr haben. Die Panikattacken in den Griff bekommen. Benzodiazepine - wie das im Handel erhältliche Rohypnol - finden ihrer  anxiolytischen Wirkung wegen vor allem in der Behandlung von Angst- und Panikstörungen ihre Anwendung. Aufgrund der schlafanstossenden und muskelrelaxierenden Wirkung verschreiben Mediziner diese sedierend wirkenden Arzneimittel (Tranquilizer) auch oft bei Schlafstörungen und Muskelverspannungen.

Häufig wird dabei vom Konsumenten ignoriert, dass Benzodiazepine ein hohes Abhängigkeitspotential besitzen. Wissenschaftler schlagen nun noch aus einem anderen Grund Alarm: wer die Pillen längere Zeit schluckt, hat ein erhöhtes Risiko, dement zu werden.

Schon länger stehen Benzodiazepine unter Verdacht, Demenz auszulösen. Eine kürzlich im "British Medical Journal" veröffentlichte Studie hat ergeben, dass Menschen über 65 Jahren, die Benzodiazepine einnehmen, ein höheres Risiko besitzen an Demenz zu erkranken, als jene, die keinen dieser Tranquilizer schlucken.

Erhöhtes Risiko

Wissenschaftler der französischen Université Bordeaux Segalen untersuchten 1063 Männern und Frauen im Durchschnittsalter von 78,2 Jahren über einen Zeitraum von 20 Jahren. Alle Teilnehmer waren zu Beginn der Studie frei von Demenz. 95 Personen begannen ab dem vierten Jahr der Studie mit der Einnahme von Benzodiazepinen. 30 davon erkrankten an Demenz (32 Prozent), während unter den 968 Nicht-Anwendern 223 Probanden dement wurden (23 Prozent).

Wer längere Zeit Beruhigungsmittel einnimmt, setzt sich also einem erhöhten Risiko aus, an Demenz zu erkranken? Ganz so ist es nicht, sagt der Leiter der Gedächtnisambulanz im Wiener AKH, Dietmar Winkler. "Dass das Risiko steigt, kann man so nicht bedingungslos sagen".

Er kritisiert vor allem, dass die Gründe für die Medikamenteneinnahme der Studienteilnehmer nicht beachtet wurden. So erhöhen beispielsweise gewisse psychiatrische Erkrankungen, unter anderem schwere wiederkehrende Depressionen oder Angststörungen, die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken. Das Risiko steigt also, auch ohne die Einnahme von Benzodiazepinen. "Solche Erkrankungen werden aber unter anderem mit Benzodiazepinen behandelt. Da können die Forscher schnell einmal glauben, das Demenzrisiko der Probanden steigt aufgrund der Medikamente, aber in Wirklichkeit ist es aufgrund der Krankheit", sagt Winkler. Für ihn ist die Studie kein endgültiger Nachweis, dass Benzodiazepine das Demenzrisiko erhöhen.

Faktor Sucht

Auch wenn der Zusammenhang zwischen Benzodiazepinen und Demenz nicht endgültig nachweisbar ist, raten Experten schon seit Langem, die Beruhigungsmittel so niedrig dosiert und so kurz wie möglich einzunehmen, maximal zwei Wochen lang. Denn die harmlos scheinenden Beruhigungspillen machen innerhalb weniger Wochen süchtig, sodass beim Absetzen massive Entzugserscheinungen auftreten können. Diese reichen von Angstzuständen mit Schweißausbrüchen und Panikattacken über Wahrnehmungsstörungen bis hin zu Suizidgedanken.

Studiendaten des Hamburger Instituts für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung zufolge nehmen 800.000 Deutsche regelmäßig über einen längeren Zeitraum Benzodiazepine ein; rund 130.000 gelten als abhängig. Für Österreich gibt es keine offiziellen Daten - rechnet man die deutschen Zahlen um, so wären rund 13.000 Österreicher von Benzodiazepinen abhängig.

"Ja, Benzodiazepine können süchtig machen", sagt Winkler. Therapeutisch richtig eingesetzt ist diese Medikamenten- gruppe eine sehr sichere in Bezug auf Nebenwirkungen und Suchtpotenzial. "Wenn man genau darauf schaut, dass die Medikamente in der richtigen Dosierung möglichst kurz verordnet werden, dann ist die Gefahr, abhängig zu werden, gering", sagt Winkler und ergänzt abschließend: "Der süchtig-machende Effekt tritt dann auf, wenn die Medikamente eigenmächtig und unkontrolliert eingenommen werden." (Sarah Dyduch, derStandard.at, 22.5.2013)

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    Mediziner empfehlen generell die kurzfristige Einnahme von Benzodiazepinen.

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