Die griechische Insel Chios

21. Mai 2013, 16:52
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Sonne, Sommer und Strand - das alles bietet das griechische Eiland Chios. Herzlichkeit findet man aber, ohne sie zu suchen

Die Lippen steuern mitten aufs Gesicht zu, verpassen einmal den rechten Mundwinkel des Fremden um höchstens einen Millimeter und einmal den linken Mundwinkel um einen halben Millimeter. Das Ganze ist gefolgt von einer Umarmung, die herzlicher nicht sein kann. Auf diese innige Verabschiedung der Chefin des Restaurants war der smarte Mitteleuropäer eindeutig nicht vorbereitet. "Meine Mutter kann nicht anders", sagt Despina Kaloupi. Wenig später sind die Augen der 45-jährigen Sofia beim Aufbruch der Besucher feucht. Der Gast weiß nur eines: Am üppigen Trinkgeld kann diese Herzlichkeit definitiv nicht gelegen haben.

In der Taverne Fabrika im kleinen Dorf Volisos im Nordwesten der griechischen Insel Chios finden viele Urlaubende das, wonach sie eigentlich gar nicht gesucht haben: Familie. Denn Distanz ist Sofia genauso fremd wie ihrem Mann Dimitris, der seinen Job als Bauarbeiter aufgegeben hat, um Ökobauer und Koch zu werden. Die drei Töchter Despina, Maria und Nikoleta sind Dolmetscherinnen ihrer Eltern, Küchenhilfen, Servier- und Putzkräfte in Personalunion. Außer den Kaloupis arbeitet niemand in der Taverne, es sei denn, er oder sie will. An Arbeit mangelt es im Familienbetrieb samt angeschlossenen heimeligen Appartements nicht.

Im Garten hinter dem alten Haus, das vor 150 Jahren als Olivenpresse und Weizenmühle errichtet wurde, wächst und gedeiht fast alles, was Dimitris vorn in seiner Küche verarbeitet. Dazu zählen Gewürze, Gemüse und Früchte genauso wie Schweine, Kühe, Hühner, Hähne, Ziegen und Lämmer. Kassandra, das alte Pferd, gilt als treue Gehilfin des Bauern. Und Meeresfrüchte checkt sich Dimitris vom lokalen Fischer seines Vertrauens. So viele verschiedenartige Düfte wabern durch die Gaststätte, Knoblauch vermischt sich mit süßen Zitronen, Olivenöl und Rosmarin. "Jamas!", ruft der verschwitzte Hausherr aus der Küche, und prostet mit Ouzo seinen Gästen zu.

Die Grenzen des Mitleids

Vor sechs Jahren, knapp vor der Wirtschaftskrise, hat Dimitris seine Taverne eröffnet. Für die älteste Tochter Despina hieß das auch: auf der Insel Lesbos studieren, am Freitag mit der Fähre heimtuckern, am Wochenende in der Taverne arbeiten. Jetzt sitzt die 24-Jährige 40 Kilometer entfernt im lokalen Tourismusbüro von Chios. Tagsüber. Am Abend hat sie sich Fabrika verschrieben. "Ich helfe der Familie", sagt sie müde. Das bisschen Mitleid des Gastes muss sie sich an diesem wunderschönen Ort, die Sandstrände von Limnia und Limnos sind nur einen Katzensprung entfernt, wirklich schwer verdienen.

Am Gang vor dem Aufgang zu den Appartements hängt ein Bild. "Ein Geschenk eines Gastes", sagt Despina. "Er ist Künstler und hat es uns aus den Niederlanden geschickt." Daneben hängen Dutzende Postkarten aus aller Welt. Besucher, die für Zimmer, Essen und Wein zahlen, schicken Geschenke? "Das kommt sogar oft vor", sagt sie. Dafür weint Mutter Sofia beim Abschied liebgewonnener Gäste. Despina: "Die kommen dann aber meistens wieder."

Chios ist mit 842 Quadratkilometern die fünftgrößte von Griechenlands 227 bewohnten Inseln. Was Tourismus angeht, gilt sie noch als Geheimtipp, von 6000 Fremdenbetten leben gerade einmal 15 Prozent der Bewohner. Natürlich finden sich auch auf diesem Eiland 08/15-Hotels, die der Ästhetik des Grauens anheimgefallen sind. Hotelburgen sind beim Anflug auf den kleinen Provinz-Airport Homeros aber keine auszumachen.

Weil sich der Secret-Spot in der Ostägäis touristisch gut verkaufen lässt, man sich von zu viel Geheimtipp aber nichts kau- fen kann, versuchen lokale Tourismusverantwortliche Chios als Alternative zu bekannteren Zielen wie Kreta, Rhodos und Kos zu positionieren. Einer der Hauptgründe: Viele Athener, die sich Ferienwohnungen auf Chios geleistet haben, bleiben wegen der Krise als Gäste aus. Früher sind sie ganze Sommer über in den kleinen Dörfern der Insel geblieben - und haben es tunlichst vermieden, diesen Geheimtipp weiterzuerzählen. Zu Recht, denn auf Chios lassen sich mittelalterliche Klöster, Geisterstädte und grüne, wilde Landschaften genauso entdecken wie einsame Buchten und bis zu 1300 Meter hohe Gipfel.

Für erste Eindrücke ist auch der Standpunkt auf der Insel entscheidend: Auf der Ostseite nahe Chios-Stadt, der einzigen größeren Ansammlung von Häusern mit rund 24.000 Einwohnern, ist der türkische Ferienort Çesme in Blickweite und nur eine Fährstunde entfernt. Izmir ist nur etwa 100 Kilometer weiter weg. Dafür sieht man im gebirgigen Nordwesten und im sanft hügeligen Süden, wenn man will, nichts anderes als das Mittelmeer.

Der türkische Einfluss auf der Insel wird vor allem im beeindruckenden Altstadtviertel Kastro von Chios deutlich. Innerhalb der alten Befestigungsmauern, die Ende des 10. Jahrhunderts von den Byzantinern erbaut wurden, leben noch heute Menschen, Cafés laden Besucher ein, auf Gemütlichkeitsmodus umzuschalten. Das Verhältnis mit den Nachbarn ist durch historische Gräueltaten hüben und drüben belastet, heutzutage aber eher entspannt als gespannt. Das beweist auch der rege Fährverkehr. "Sie machen bei uns Urlaub, interessieren sich für unsere Kultur. Und wir fahren zu ihnen hinüber", sagt eine Einwohnerin. In der Stadt präsente griechische Militärs erzählen auch andere Geschichten: Militärboote, die Seegrenzen missachten, in fremdes Terrain eindringen und für Wirbel sorgen - von dem der Tourist aber nichts mitbekommt.

Mit einem kleinen Mietauto und Reiseleiterin Ester Winkel auf dem Rücksitz geht es etwa 15 Kilometer durch enge Gassen und über für griechische Inselverhältnisse bemerkenswert steile Passstraßen zum Kloster Nea Moni. Im vergangenen August hat hier ein verheerender Waldbrand gewütet. Bis auf das im 11. Jahrhundert errichtete byzantinische Sakralbauwerk, das zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, und die Zypressenhaine ringsherum ist alles niedergebrannt. Einst Heimat von über 500 Mönchen, lebt heute nur noch eine einzige Klosterschwester innerhalb der Gemäuer. Schwester Mariam ist über 90 Jahre alt.

Einsiedelei auf Granit

Überhaupt ist man auf Chios, abgesehen von der Stadt, schnell einmal irgendwo allein - sofern man allein sein will. Smaragda etwa ist, bevor im Sommer einige wenige Urlauber wieder ihre Appartementhäuser beziehen werden, die einzige dauerhafte Bewohnerin des Dorfes Anavatos. Es wurde auf einem Granitfelsen errichtet, um Piraten abzuhalten, ehe türkische Eroberer 1822 den Ort zu einer Geisterstadt machten. Die gut erhaltenen Ruinen lassen sich mit George Missetzis wunderbar besteigen, während der Grieche die Geschichte des Dorfes erzählt. "Die neue Stiege da hinauf habt ihr bezahlt", sagt er. 75 Prozent der Gelder für die Restaurierung stammen von der EU, die Arbeiten mussten aber ruhend gestellt werden, weil die griechische Regierung kein Budget mehr bereitstellen kann.

Missetzis ist auch eine Art PR-Sprecher des nahen 25-Einwohner-Dorfes Avgonima und vermietet ursprüngliche Steinhäuser an Urlauber, die Trubel jedweder Art entkommen wollen. Die einzige Taverne weit und breit, To Asteri, bietet feine Hausmannskost, die Sonnenuntergänge hoch über der Westküste lassen sich bei einem Glas Wein und zwei Gläsern Ouzo fast exklusiv genießen.

Mastix und die Philosophen

Berühmt ist die Insel für Mastix, quasi das Kernöl dieser Region. Mastix ist das wohlriechende Harz, das der Mastixbaum, auch Wilde Pistazie genannt, absondert. Nur hier, im Süden von Chios, werden die Bäume angeritzt, dann wird das getrocknete Harz eingesammelt und großteils von Frauen in den 21 sogenannten Mastixdörfern, darunter Pyrgi und Mesta, von Dreck gesäubert. "Aus einem Baum lassen sich 200 Gramm Mastix gewinnen", erzählt Vassilis Ballas, der mit seiner Frau Roula die Ökoreiseagentur Masticulture betreibt. Ihre Kunden sind beim Einritzen dabei oder können das Naturharz kosten, das schon Philosophen als Naturkaugummi für die Zahnpflege verwendet haben.

"Ein kleiner Bauer macht 60 Kilogramm Mastix im Jahr", erzählt Ballas. Ein feiner Nebenverdienst - bei einem fixen Abnahmepreis von 70 Euro pro Kilogramm -, der obendrein steuerfrei bleibt. Hergestellt werden aus dem Harz, das antiseptisch wirkt und dem heilende Wirkung nachgesagt wird, unter anderem Körpercremen, Kaugummis, Autoreifen - oder Schnaps.

Der wird natürlich auch in der Taverne Fabrika zum Abschluss des Essens serviert. Restaurantchefin Sofia hat wieder Tränen in den Augen. Vielleicht hat sie einfach nur den unmöglichen Versuch des höflichen Gastes honoriert, alle Speisen auf der reich gedeckten Tafel aufzuessen. (David Krutzler, DER STANDARD, Album, 18.5.2013)

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    Das Kloster Nea Moni hat den verheerenden Waldbrand überstanden.

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    Die Insel Chios ist berühmt für Mastix. Tröpfchenweise quillt das duftende Harz aus dem Baum.

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    Agios Isídoros auf Chios.

    Flüge von Wien nach Chios zum Beispiel mit Austrian. Von 29. Mai bis zum 25. September werden einmal pro Woche jeweils am Mittwoch Direktflüge ab 119 Euro (one-way) angeboten. Kurios: Die Landebahn des Flughafens Homeros ist zwar klein, aber größere Flugzeuge können normal landen. Doch beim Start wird nur wenig Sprit getankt, um wieder abheben zu können. Eine Zwischenlandung nach dem Abflug ist daher Pflicht. Weiterführende Infos: Griechische Zentrale für Fremdenverkehr, EOT Austria, Opernring 8, 1010 Wien; www.visitgreece.gr

  • In Kambos südlich von Chios-Stadt wurden zahlreiche Herrenhäuser renoviert und zu Hotels umfunktioniert. Einige erinnern noch an die ehemaligen Herrscher aus Genua und Venedig. Der luxuriöse Landsitz Argentikon zählt zu den der teuersten Hotels in der Ägäis (Doppelzimmer etwa 400 Euro), dafür waren auch schon Prinzessinnen da. Günstiger lässt es sich in den Steinbauten Mavrokordatiko oder Mouzaliko (Doppelzimmer, Bed & Breakfast: 55 bis 90 Euro) wohnen. Und in Volisos frühstückt man bei Antigoni Maistrali mit Blick auf die Bucht: www.volissosholidayhomes.gr

    In Kambos südlich von Chios-Stadt wurden zahlreiche Herrenhäuser renoviert und zu Hotels umfunktioniert. Einige erinnern noch an die ehemaligen Herrscher aus Genua und Venedig. Der luxuriöse Landsitz Argentikon zählt zu den der teuersten Hotels in der Ägäis (Doppelzimmer etwa 400 Euro), dafür waren auch schon Prinzessinnen da. Günstiger lässt es sich in den Steinbauten Mavrokordatiko oder Mouzaliko (Doppelzimmer, Bed & Breakfast: 55 bis 90 Euro) wohnen. Und in Volisos frühstückt man bei Antigoni Maistrali mit Blick auf die Bucht: www.volissosholidayhomes.gr

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    Die kleine Ökotourismusagentur Masticulture hat neben Touren durch Mastixplantagen viele weitere Aktivitäten mit lokalen Partnern im Angebot - darunter Kochkurse, Segeltörns, Tauchtrips oder Ouzo-Verkostungen bei Bauern und Destillerien. Vernetzt ist Masticulture auch mit Giorgos Chalatsis, mit dem Wanderer und Kletterer auf ihre Kosten kommen. Der pensionierte Sportlehrer, der perfekt Deutsch spricht, hat auf Chios alte Wanderwege erschlossen. Zusätzliche Infos über Outdoor-Aktivitäten: www.chioscity.gr/chiosagenda

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