Der Hercules von Hütteldorf

    Glosse21. Mai 2013, 10:58
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    In der Schule werden wir Kumpel weil er sich über meine Schwester beschwert. Er sagt, sie sei ein unglaublicher Geizhals, der sich nicht einmal mit dem Hinweis auf die Solidarität unter uns Tschuschen anschnorren lässt. Oder anbaggern. Ich nicke stumm und biete ihm eine Zigarette an

    Es ist nun 35 Jahre her, das Georg und ich vor der Schule rauchen. Heute telefonieren wir fast jeden Tag und erörtern die Welt wie sie sein sollte, wenn man uns fragt. Aber wir werden nie gefragt. Zum Glück für die Welt.

    El Greco

    Die Griechen teilen einander in Festlandgriechen und Inselgriechen ein. Georgs Vater kommt von der kleinen Insel Paros nach Wien, studiert Maschinenbau, wird Dipl.Ing. und heiratet die junge Erna aus der Steiermark. Somit ist Georg genaugenommen ein Mischling, aber weil er so sehr ein griechischer Übermensch sein will, zählt nur Vaters Blut. Außerdem entwickelt er die Theorie, dass Nietzsche nur den Griechen meinen kann, wenn er vom Übermenschen spricht.

    Aber wir sind erst sechzehn und dürfen so verblödet sein, wie wir wollen, weil es dem wundervollen Ungeheuer Jugend eh wurscht ist. Und außerdem lesen wir fleißig Kazantzakis, Miller (Henry, nicht Arthur) und Marx. Man wolle mich nun fragen, soviel man mag, doch ich weiß bis heute nicht wie das alles mit Nietzsche zusammenpasst. Dann fahren wir gemeinsam nach Griechenland. Im Rucksack ist ein Zelt, wir sind siebzehn, der Sommer riecht nach Salz und Abenteuer.

    Working Class Blues

    Auf Paros ist es so heiß, dass wir es bald aufgeben, das Zelt aufzustellen. Stattdessen schlafen wir auf einem Strand, den Touristen meiden, weil er schmutzig ist. Ein paar Meter weiter ist trotzdem eine Imbissbude mit Souvlaki, Tintenfisch und Gyros. Wir mieten zwei Motorräder und brausen durch die staubige Baumlosigkeit, von einem Ende der Insel an das andere. Dann haben wir ihn endlich in Sichtweite: Den Ferienaufriss.

    Sie ist eine protestantische Religionslehrerin aus Deutschland, die mit zwei ihrer Schülerinnen auf Paros zwei Wochen der Sommerferien verbringt. Die Schülerinnen sind in unserem Alter, was sie für uns Pubertätstrottel zur Beute entmenscht. Und die Religionslehrerin zum Hindernis. Oder zur lästigen Mutterkuh, die erst verscheucht werden muss, damit wir an die Kälbchen können.

    Wir entwickeln den Plan, als Mischlinge zwischen dem nietzscheischen und dem sozialistischen Übermenschen aufzutreten. Also Nazis mit menschlichem Arbeiter-Antlitz sein zu wollen. Wir glauben fest, dass unser grobhändiges Sendungsbewusstsein, die religiösen Tanten erotisieren wird. Doch die Lehrerin setzt uns mit der protestantischen Arbeiterbewegung und dem protestantischen Arbeitsethos zu. Das sind die Augenblicke die Georgs wahre Größe hervorbringen. Um die Beute geht es ihm nicht mehr. Sondern darum, der Religionslehrerin einen reinzuwürgen. "Da war doch noch dieser eine Typ da..." - sagt Georg. Die Lehrerin nennt ein Dutzend Namen, die Georg alle verneint. Nach einer Weile beginnt das Schweigen. Plötzlich schnippt Georg mit den Fingern und sagt: "Jetzt fällt´s mir ein! Jesus Christus! So hat der Typ geheißen!"

    Am nächsten Tag fahren die Drei nach Kreta weiter. Georg und ich brausen auf gemieteten Motorrädern über das kahle Paros.

    Darf ich vorstellen: Mein Tier

    Georg ist dreizehn als ihm sein Vater ein Akkordeon schenkt. Doch Georg spielt es nicht, sondern stemmt es, weil er ein fetter Bub ist. Mit neunzehn, bedingt durch Bartwuchs ist Georg endgültig Herkules geworden. In diesem ersten Sommer nach der Matura verschwindet Georg spurlos und taucht erst im Herbst wieder in Wien auf.

    Am Anfang des Sommers ist Georg in der Bucht von Preveli wo eine ganzjährig bewohnte Hippi-Kommune von Porridge und einer kleinen Grasplantage vegetiert. Unter den abgemagerten Hippies ist Georg ein Koloss. Allerdings einer, der seinen Spieltrieb entdeckt. Georg beginnt die Macht in der Kolonie zu übernehmen indem er unter Prügeldrohung Bob Marley zum entarteten Künstler erklärt und Miles Davis zum Gott der Musik. Nach einer Weile raffen sich die Hippies jedoch auf, sammeln sich zu einem Dutzend, klauben auf dem Weg zu Georgs Zelt Holzknüppel auf und bitten ihn anschließend, die Bucht zu verlassen. Wenige Tage später ist Georg in Paris.

    Die Wohnung von Juliette ist ein Loft im Dachgeschoß in einem noblen Viertel dessen Namen Georg nicht aussprechen kann. Juliette ist Kuratorin einer großen Galerie, fast dreißig und kennt jeden und alles in Paris. In ihren Kreisen ist man sich einig, dass Marley ein Dilettant ist, Miles Davis hingegen ein Gott und Rodrigo auch, sonst hätte Miles ihn nicht gecovert. Nietzsche ist ein Vollidiot, Foucault ein Hirnriese. Man feiert Partys in anderen Lofts, in Kellern und auf Türmen. Man raucht Opium und Gras. Und Georg ist Juliettes Mitbringsel aus Kreta, das neunzehnjährige Manntier mit einem Körper aus Stahl.

    Die nächsten zwei Monate ist Georg Juliettes Mandingo, den sie ihren Freundinnen herumzeigt und sie auch wissen lässt, was er leistet. Dann, am Ende des Sommers, drückt sie ihm ein Ticket für einen Flug nach Wien in die Hand und geht wortlos in die Galerie.

    Sekude um Sekunde

    Nichts ist außergewöhnlich an unserer Freundschaft. Unsere tumben Jugendabenteuer erleben viele, wenn das Leben als sorglose Kette von Augenblicken empfunden wird. "You are young and life is long. And there is time to kill today. And then one day you find ten years have got behind you."

    Dazwischen sind Georg und ich Kumpel, die gemeinsam durch ihre Zwanziger segeln ohne einen Kompass an Bord zu haben. "So you run and you run, to catch up with the sun, but it´s sinking." Heute sind wir Väter und Georg ruft fast jeden Tag an. "The sun is the same in a relative way, but you´re older, shorter of breath and one day closer to death."

    Beim Kochen höre ich manchmal Pink Floyd. Marley ist noch immer ein Dilettant. Es gibt Bessere als Miles. Und nachmittags, wenn Georg aus Langeweile auf der Höhenstraße zu seinem Handy greift und mich anruft, erörtern wir wieder mal die gerechte Welt, fragte man uns bloß. In unserem Entwurf ist Georg der gütige Diktator und ich der grundgütige Papst. Wir schreiben Verfassung und Heiliges Buch gemeinsam als Wille Gottes. Den Rest kann sich jeder ausmalen.

    Was soll´s! An diesen Nachmittagen sind wir kurz wieder die sechzehnjährigen Vollidioten mit Lizenz zur Blödheit, lassen die Sonne ziehen und husten ein wenig beim Reden. Und wie gesagt – wir werden eh nicht gefragt. Zum Glück für die Welt. (Bogumil Balkansky, 21.5.2013, daStandard.at)

    • Die nächsten zwei Monate ist Georg Juliettes Mandingo, den sie ihren Freundinnen herumzeigt und sie auch wissen lässt, was er leistet.

      Die nächsten zwei Monate ist Georg Juliettes Mandingo, den sie ihren Freundinnen herumzeigt und sie auch wissen lässt, was er leistet.

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