Ahmadi-Nejad setzt auf einen "Abweichler"

20. Mai 2013, 22:46
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Esfandiar Rahim-Mashaei will Irans Präsident werden

Ob einer, der für den religiösen Führer als Vizepräsident untragbar war, zumindest theoretisch iranischer Präsident werden kann? Der Testfall Esfandiar Rahim-Mashaei wird es zeigen: Die Entscheidung des Wächterrats, der über die Kandidaten für die Präsidentenwahl am 14. Juni befindet, wurde mit Spannung erwartet.

Die Konservativen aller Schattierungen erregen sich jedenfalls über die Frechheit des "Abweichlers" . Für sie handelt es sich um die ultimative Provokation des scheidenden Präsidenten Mahmud Ahmadi-Nejad, der die Kandidatur Rahim-Mashaeis als persönliche Mission betreibt. Er setzt seine eigene politische Zukunft auf die Karte Rahim-Mashaei.

Die Freundschaft der beiden Männer begann 1984 im Westiran: ­Mashaei arbeitete für das Geheimdienstministerium an der Kurdenfrage, während Ahmadi-Nejad Gouverneur in Khoy war. Mashaei wechselte ins Innen­ministerium und, als Ahmadi-Nejad Oberbürgermeister von Teheran wurde, in dessen Büro.

Als Ahmadi-Nejad 2005 die Präsidentschaftswahlen gewann, wurde Mashaei, nunmehr Tourismusminister, bald der wichtigste Mann im Kabinett. Als ihn der Präsident jedoch 2009 zu seinem Ersten Vizepräsidenten machte, stornierte die oberste Instanz der Republik, Ali Khamenei, diese Ernennung.

Ahmadi-Nejad versüßte Mashaei den Verzicht mit einer Liebeserklärung: Es sei eine besondere Gnade Gottes, diesen großen, ehrlichen, frommen Mann kennengelernt zu haben. Mashaei sei wie eine Quelle klaren Wassers, sein Herz wie ein Spiegel ... Danach machte er ihn zu seinem Bürochef. Heute ist Mashaei Sekretär der Blockfreien-Bewegung, deren Vorsitz der Iran gerade innehat.

Laut Konservativen ist Mashaei, dessen Tochter mit dem ältesten Sohn Ahmadi-Nejads verheiratet ist, aber ein Ketzer, Hexer und Freimaurer: Viele seiner Ansichten – etwa zur Musik, auch zu Frauen, sogar zu Israel – weichen von der strengen Linie ab. Er gilt auch als der Erfinder der "Iran zuerst" -Politik Ahmadi-Nejads, die für manche einer Minimierung der Rolle des Islams und der panislamischen Berufung des Iran gleichkommt.

Am "gefährlichsten"  jedoch sind seine protestantisch anmutenden Aussagen zu einer neuen "Ära des Islam"  – in dem die Rolle des Klerus zugunsten der persönlichen Beziehung zum verborgenen schiitischen Mahdi zurückgedrängt wird. Das stellt das iranische System der "Herrschaft des Rechtsgelehrten"  infrage.  (Gudrun Harrer  /DER STANDARD, 21.5.2013)

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