Tücken der Erinnerung als Spielantrieb

20. Mai 2013, 18:08
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Oliver Frljic gibt mit "Mrzim istinu! (Ich hasse die Wahrheit!)" eine Zusammenfassung seiner Jugend vor dem Ausbruch des Krieges

Wien - Auf der Bühne herrscht Unzufriedenheit. So war das nicht, so geht das nicht, und was fällt Oliver Frljic, dem Autor und Regisseur von Mrzim istinu! (Ich hasse die Wahrheit!), überhaupt ein? Nun, es geht dem 1976 in Bosnien geborenen, heute in Kroatien lebenden Theatermacher um eine Zusammenfassung seiner Jugend im einstmals existenten Elternhaus, die in seinem 16. Lebensjahr durch den Ausbruch des Krieges und Frljics Flucht nach Split jäh unterbrochen wurde. Da scheint Widerspruch vorprogrammiert.

Vier Schauspieler (Ivana Roscic, Rakan Rushaidat, Filip Krizan und Iva Viskovic) sitzen im Bühnenbereich des Brut-Künstlerhauses an einem Esstisch, um Episoden vom Kennenlernen der Eltern über die Geburt der beiden Kinder bis zur Verfestigung ethnischer Spannungen in Exjugoslawien durchzuspielen. Die Darsteller agieren dabei auf drei Ebenen. Zum einen verkörpern sie eine erinnerte Familie Frljic der Vergangenheit, zum anderen eine Familie Frljic der Gegenwart, die mit der kritischen Zurschaustellung ihres Privatlebens gar nicht einverstanden ist, sowie darüber hinaus Schauspieler mit eigener Meinung zum Stück.

Obwohl das sehr konstruiert ist, verkommt das Gastspiel von SC, Teatar &TD aus Zagreb dennoch nicht zu einer öden Lehrstunde in Theatertheorie, sondern zeigt äußerst kurzweilig, wie individuell und mitunter auch trügerisch sowohl Erinnerungen als auch Wahrnehmungen der Gegenwart sind. So offenbart sich im Zentrum des Einstünders auch dessen politischer Charakter, wenn die Meinungen der Familienmitglieder über die im Zuge einer Volkszählung anzugebende Volksgruppenzugehörigkeit divergieren.

Oliver Frljic, der bereits 2010 mit Turbofolk bei den Festwochen gastierte, lässt es dabei gern krachen und seine Darsteller wie aus dem Nichts explodieren, während einstige Prügelstrafen und ungewollte Schwangerschaften durchexerziert werden. Das Stück vermittelt eine Ahnung von jenen Gräueln der Geschichte, die am Mittagstisch beim Schnitzel nicht verhandelt werden können. (Dorian Waller, DER STANDARD, 21.5.2013)

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