Da hilft nur noch singen

20. Mai 2013, 18:07
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Uraufführung von Christoph Marthalers "Letzte Tage" im Parlament, wo das Ensemble mit seiner speziellen Form der Verfremdung Politikerreden wiedergibt

Wien - Die Demokratie ist in Reparatur. Der für die Festwochen-Uraufführung Letzte Tage. Ein Vorabend als Baustelle drapierte Historische Sitzungssaal des österreichischen Parlaments (Raum: Duri Bischoff) macht es erkennbar: Kabel hängen von den Decken, die Galerieränge sind von Pressspanplatten vernagelt, und einige Karyatiden dieses einst 512 Abgeordnete der Kronländer beherbergenden Plenarsaals sind in Plastikfolien gewickelt.

An diesem historischen Schauplatz gibt das Ensemble von Christoph Marthaler mit seiner speziellen Form der Verfremdung Politikerreden wieder. Josef Ostendorf verpackt beispielsweise eine antisemitische Ansprache von Karl Lueger (gehalten 1894) in eine kuschelige Gutenachtgeschichte. Die historischen Reden stellt Marthaler den nicht weniger erschreckenden Pamphleten heutiger (ungarischer) Parlamentarier gegenüber, die auf schamlose Weise Rassismus propagieren. Standard-Korrespondent Gregor Mayer hat sie recherchiert.

Bei Letzte Tage geht es um die Musik jüdischer Komponisten aus Tschechien, Polen und Österreich. Marthaler konfrontiert die vielfach in Konzentrationslagern entstandenen Musikstücke mit jenem Ort, dem Parlament, an dem über sie und ihre Schöpfer entschieden wurde. Es sind neun Komponisten mit den Geburtsjahren 1875 bis 1901, die von den Nazis verfolgt und meist ermordet wurden: Erwin Schulhoff, Józef Koffler, Alexandre Tansman, Viktor Ullmann, Pjotr Leschenko, Fritz Kreisler, Ernest Bloch, Szymon Laks und Pavel Haas. Unter der Leitung von Uli Fussenegger lässt ein sechsköpfiges Ensemble die Musik mit dem Parlamentsraum kommunizieren. Es beginnt mit einem Blick aus der Zukunft auf uns zurück. Eine Putzkolonne in türkisen Schürzen wischt den Staub von zwei Jahrhunderten von den Holztischen und putzt den Wackeldackel-Abgeordneten Ohren und Brillen. Ein Präsident (Clemens Sienknecht) hält eine fingierte Rede an den "Kaiser von Habsburg Europa" und erhebt den Antisemitismus zum Unesco-Kulturerbe. Da hilft nur noch singen. Er schmettert eine grandios deformierte Variante des Temptations-Hits Stay (Just A Little Bit Longer).

Bis zur Schmerzgrenze

Selten wird an Marthaler-Abenden so viel gesprochen wie hier. Die fatalen Reden dehnen sich über die Schmerzgrenze hinaus aus. Eine Spitzenpolitikerin (Katja Kolm) speist ihr Publikum mit biologistischen Phrasen; eine Mutter (Bettina Stucky) klagt ihre Angst vor Zuwanderer-Armut. Der Populismus in Form frontaler Kundgebung wird im Verlauf von zweieinhalb Stunden auch platt. Den Textblöcken hätte man gern mehr Gegenwehr durch das Marthaler-Körpertheater gewünscht.

Diese übernimmt mehr und mehr die Musik allein. Bis schließlich mit Mendelssohns Chorlied Wer bis an das Ende beharrt (1864) jede Plattitüde weggefegt ist. Mit dieser Musik aus dem Elias löst sich alles auf. Der Chor, das Ensemble und alle Melodien begräbt das Parlamentsgebäude dann in sich. (Margarette Affenzeller, DER STANDARD, 21.5.2013) 

Bis 28. Mai

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    Zu den Klängen von Mendelssohn-Bartholdy übt das Marthaler-Ensemble (Bild) das Verschwinden im Wiener Parlamentsgebäude.

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