Chillen und kochen im Einkaufszentrum

20. Mai 2013, 18:03
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Wachsender Onlinehandel lässt die Betreiber von Shoppingcentern zusätzliche Standbeine suchen. BAI Bauträger überlegt, das G3 und The Mall zu verkaufen

Wien - In den Köpfen der Kreativwirtschaft sind die Tage des traditionellen Einkaufscenters gezählt. Wachsender Onlinehandel droht gut ein Viertel der stationären Flächen obsolet zu machen, was die Branche neue Standbeine suchen lässt. Handelsforscher wie Regioplan machen sie in Orten für Chillen, Feiern und Kochen aus. Pop-up-Stores sollen als temporäre Geschäfte von Center zu Center ziehen. Spiegel mit eingebauten Kameras könnten anprobiertes Outfit über Social-Media-Plattformen veröffentlichen. Handel und Gastronomie verschwimmen, kleinere Flächen werden kurzfristig mietbar, große dienen als Showrooms.

Die zunehmende Verschiebung der Geschäfte in das Internet stellt auch Kostenkalkulationen auf den Kopf. Regioplan erwartet, dass die Handelsmieten zukünftig weniger an den Umsatz als an die Kundenfrequenz gekoppelt werden.

"Die Geschwindigkeit der Veränderung erhöht sich", sagt Marcus Wild, Chef der zur Spar-Gruppe gehörenden SES, mit 26 Standorten größter österreichischer Betreiber von Einkaufszentren. Sinkende Handelsflächen sieht er jedoch trotz der Konkurrenz der Onlineshops nicht. Motor seien Markenhersteller, die sich von ihren Vertriebspartnern verstärkt emanzipierten und eigene Läden eröffneten. "Monobrandstores sind auf dem Vormarsch, und das braucht eine große Zahl an Geschäften."

Die SES verbuchte in ihren Centern in Österreich im Vorjahr um 4,4 Prozent höhere Umsätze. 70 Mio. Euro sollen nun in ein innerstädtisches Quartier in Ried fließen. Als Nächstes wird in Bregenz gebaut, in Krems ist die Eröffnung 2014 geplant. Ziel sei, die Zahl der gemanagten Häuser weiter zu erhöhen. "Marktmacht ist wichtig."

Spar läuft mit der Ekazent, Unibail-Rodamco und ECE um hochfrequentierte Lagen um die Wette. Der jüngste und letzte Handelskoloss auf der grünen Wiese geht auf das Konto der BAI Bauträger Austria, die hinter der Ekazent steht: das G3 in Gerasdorf. Dass das Center schwer wochenendlastig ist und ansonsten eher schwächelt, wie einzelne große Mieter beklagen, weist Thomas Jakoubek, Chef der BAI, entschieden zurück.

"Grob unterschätzt"

"Wir haben im Schnitt täglich 15.000 Kunden einkalkuliert. Derzeit sind es 18.500." Die Frequenz sei nach Weihnachten gesunken, der Umsatz pro Kunde dafür gestiegen. "Es läuft gut."

Zu 95 Prozent vermietet ist The Mall in Wien Mitte, ein über Jahrzehnte bautechnisch umstrittenes Projekt. Mittlerweile gilt der BAI-Standort in der Handelsbranche als begehrt. "Viele haben ihn grob unterschätzt, doch alle Ingredienzien stimmen", sagt Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Einkaufscenter-Verbands. Wien Mitte profitiere von tausenden Ar- beitsplätzen und wenigen großen Shoppingarealen rundum.

Der Anstieg der Einkaufsfläche überstieg in Wien zuletzt freilich jenen der Kaufkraft. Mayer-Heinisch sieht durch die hohe Zahl an Pendlern in Wien Mitte breit gestreute Kannibalisierung, die sich nicht an einzelnen Centern festmachen ließe. Große Handelsketten konkurrenzierten sich selbst. Andere Experten zählen die Lugner-City zu den Verlierern: Kunden seien innerhalb Wiens eben mobil. Überraschend gut an die Mariahilfer Straße angedockt habe das Shoppingcenter der ECE am Wiener Westbahnhof, sagt Mayer-Heinisch. In Gerasdorf sei Geduld gefragt. Ob derartige Großprojekte aufgehen, zeige sich nach drei bis vier Saisonen. Die BAI, die auf einer Stiftung der Bank Austria fußt, hält sich die Türen für einen Verkauf von Wien Mitte wie für Gerasdorf offen. Man führe laufend Gespräche, sagt Jakoubek. Es gebe keinerlei Druck, doch sei der Wind günstig, werde verkauft. Gewissheit darüber soll es bis Jahresende geben.

Österreichs Einzelhandel hat heuer im ersten Quartal laut Statistik Austria real um 1,4 Prozent weniger umgesetzt als im Vorjahreszeitraum. Für das Gesamtjahr rechnen Branchenvertreter in der Kammer mit Stagnation. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 21.5.2013)

  • Jahrelang hart umstritten, seit kurzem eröffnet: The Mall in Wien Mitte. Die Einkaufsfläche ist zuletzt stärker gestiegen als die Kaufkraft, Handelsketten kannibalisieren sich selbst.
    foto: matthias cremer

    Jahrelang hart umstritten, seit kurzem eröffnet: The Mall in Wien Mitte. Die Einkaufsfläche ist zuletzt stärker gestiegen als die Kaufkraft, Handelsketten kannibalisieren sich selbst.

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