Die Stoische kann auch Kurven: BMW R 1200 R

20. Mai 2013, 18:03
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BMW bringt zur Feier von 90 Jahren ein Sondermodell heraus. Die Kollegen sind begeistert. Aber bitte warum?

"Na, na, privat fahr ich eine R 1200 R." Die Aussage schmetterte mir nicht ein alter Bekannter meines Großvaters entgegen, sondern einer der ganz ambitionierten Test-Kollegen. Er fährt am Ring unglaubliche Rundenzeiten, wheelt von Wien bis Warschau, selbst wenn es aus den Wolken weint, und sein Bremspunkt liegt näher am Kurvenscheitel als man glaubt, dass es sich ausgeht. Und der hat sich eine R 1200 R gekauft? Die BMW, die keine Naked ist, kein echter Cruiser.

Und er liebt sie heiß. "Damit kann ich am Wochenende gemütlich eine Runde drehen – und wenn es einmal flotter über einen Pass gehen darf, dann macht sie das auch noch mit." Behalten wir im Hinterkopf, dass bei ihm ein bisserl flotter schon das ist, was andere Kollegen als "Knocking on heavens door"-Modus bezeichnen.

Und dann ist da noch der andere Kollege, hier, im gleichen Haus. Der fährt auch eine R 1200 R und ist ganz euphorisch. Dabei braucht er weder die niedrige Sitzposition, noch die aufrechte Sitzerei. Er kann sich eh noch gut rühren.

Grüner Tee? Falsches Fußpuder?

Bevor meine Welt endgültig unwucht zu laufen beginnt, habe ich bei BMW angefragt, ob ich genau dieses Motorrad nicht für ein paar Tage haben könnte. Nur so lange, bis ich wieder ohne Schlaftabletten zur Ruhe komme. Bis ich verstanden habe, ob die beiden Kollegen ihren Grünen Tee nicht vertragen, vielleicht komische Reaktionen auf ein falsches Fußpuder zeigen, oder ob vielleicht ich die Idee hinter der R 1200 R noch nicht gänzlich verstanden habe.

Denn für mich war die 12er R immer ein lässiger Bock für alte Herren, die sich nimmer weh tun wollen. Aber die beiden Kollegen sind noch nicht alt. Der eine ist deutlich jünger als ich – der andere zwar ein bisserl älter, schaut aber jünger aus als ich – was nicht weniger verheerend ist.

Sportlich-spitzer Kniewinkel

Nicht verheerend, aber seltsam ist im ersten Moment die Sitzposition. Man sitzt komplett aufrecht, erreicht, ohne sich nach vorne strecken zu müssen, den Lenker. Die Sitzhöhe ist serienmäßig bei 800 Millimeter – BMW hilft aber beim Abpolstern bis 750 Millimeter, wie auch beim Aufdoppeln bis 830 Millimeter. Ungewohnt ist auch, dass die Rasten direkt unter dem Körper angebracht sind – und nicht, wie man bei so einem Motorrad vermuten würde, weiter vorne. Dadurch ergibt sich ein sportlich-spitzer Kniewinkel.

Beim Zuckeln, aus der Stadt raus, da vermittelt die 12er R eine unglaubliche Ruhe. Man muss nicht wie gestört bei der Ampel wegfahren, sich nicht noch da und dort schnell reinzwicken. Stoisch lenkt man diese BMW durch die schlimmste Rush-hour. Aber wehe, die Kurven fangen an. Dann wächst der 110 PS starke Boxer – den wir eh von anderen BMW-Modellen schon kennen – über sich hinaus. Vorbei ist es mit der Ruhe. Die R spuckt die Beruhigungspulver aus und wird zum Adrenalingenerator. Mit der richtigen Blicktechnik fällt sie wie von selbst in die Kurve und hält die Schräglage wie arretiert.

Genussvolles Anbremsen

Aber nicht nur der große Boxer passt hervorragend zu diesem Motorrad. Mit dem Telelever ist jedes Anbremsen ein Genuss, weil der Bock vorne einfach nicht wegtaucht. Dazu offeriert BMW gerne auch noch das elektronische Fahrwerk ESA. ASC, das BMW Motorrad-ESP, gibt es auf Wunsch natürlich auch für die R 1200 R. Das kombinierte ABS ist aber serienmäßig verbaut.

Heuer ist die 12er R in der "90 Jahre BMW Motorrad"-Edition aufgelegt worden. Jetzt ist der vordere Koderer schwarz, Heckverkleidung, Tank, die Paralever-Strebe, Motor – alles schwarz. Dafür sind die Gabelstandrohre und die Bremssättel gülden eloxiert.

Wohlverdiente Anschaffung

Wem es gefällt, legt dafür ein paar Hunderter extra ab. 15.310 Euro kostet das Sondermodell, um 14.900 Euro bekommt man die normale R 1200 R – wie sie auch die beiden Kollegen fahren. Gut, jetzt versteh ich ihren Enthusiasmus – und kann mir ausmalen, was die Burschen verdienen.

Weil 15.000 Euro für eine nackerte Maschin, auf der man aufrecht und bodennah sitzt? Oder ist das nur, damit in der Kurve die Knie schneller mit dem Schleifpackl aufsetzen. Fein ausschauen tut so ein Kniekratzerl nämlich schon, auf genau diesem Motorrad. (Guido Gluschitsch, derStandard.at, 20.5.2013)

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BMW

  • Die BMW R 1200 R: Beruhigt nicht nur, sondern forciert auch das Adrenalin.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Die BMW R 1200 R: Beruhigt nicht nur, sondern forciert auch das Adrenalin.

  • Sehr nackt, sehr tiefe Sitzposition. Rote Ampeln sind also keine Gegner.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Sehr nackt, sehr tiefe Sitzposition. Rote Ampeln sind also keine Gegner.

  • Die Geburtstagsedition trägt feierliches Schwarz.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Die Geburtstagsedition trägt feierliches Schwarz.

  • Tempo 200 geht die R 1200 R sogar im Leerlauf. Unglaublich, das.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Tempo 200 geht die R 1200 R sogar im Leerlauf. Unglaublich, das.

  • Chrom und blankes Metall ersetzen Verkleidungs-Schnickschnack.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Chrom und blankes Metall ersetzen Verkleidungs-Schnickschnack.

  • Das Jubiläumsmodell der R 1200 R kostet 15.310 Euro. Zur Party kommen also vor allem solvente Gratulanten.
    foto: derstandard.at/gluschitsch

    Das Jubiläumsmodell der R 1200 R kostet 15.310 Euro. Zur Party kommen also vor allem solvente Gratulanten.

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