Slate 7 im Test: HPs enttäuschendes Tablet-Comeback

30. Mai 2013, 11:46
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Trotz niedrigem Preispunkt - Display und Kameras als größte Schwächen des Androiden

Knapp zwei Jahre nachdem Hewlett-Packard sein bislang einziges nicht-Windows-basiertes Tablet, das mit WebOS laufende "TouchPad" wenige Wochen nach Verkaufsstart in einem "Fire Sale" ausverkaufte, wagt der Computerriese nun mit dem "Slate 7" eine Rückkehr. Das Experiment mit WebOS ist mittlerweile Geschichte, das einst mit Entwickler Palm übernommene System lebt nun als Open Source-Projekt weiter. Stattdessen baut HP auf Googles Android und versucht sich im Einsteigersegment.

Wir haben den Siebenzöller, der seit kurzem in Österreich am Markt ist, einem Kurztest unterzogen.

Gut verarbeiteter Schönling

Nimmt man das Android-Tablet aus der Verpackung, entsteht durchaus der Eindruck, dass sich HP für sein Comeback Mühe gegeben hat. Das Unternehmen hat es geschafft, für das Slate 7 eine eigene Design-Note zu finden. Die Umrandung des sieben Zoll fassenden Displays (1.024 x 600 Pixel auf einer Bilddiagonale von 17,78 cm) ist relativ breit, wobei die längsseitigen Abgrenzungen etwas dicker ausfallen.

Auf der Seite trennt eine Alu-Umrandung die Vorderseite von der hinteren Abdeckung. Hier finden sich auch sämtliche Knöpfe und Anschlüsse. Hier bringt das Tablet einen microSD-Port mit, einen Ein-/Aus-Schalter und eine Lautstärkewippe. Auf einer der zwei schmaleren Seiten prangen die Stereolautsprecher und der microUSB-Anschluss.

Die Rückseite besteht aus mattem, wertig wirkendem Kunststoff, in welchen ein gänzendes HP-Emblem eingelassen ist. Die Gesamtkonstruktion macht einen gut verarbeiteten Eindruck. Ob das Design gefällt – so wie dem Autor dieser Zeilen – ist freilich Geschmackssache. Fehlende Mühe kann man dem Hersteller jedenfalls nicht vorwerfen. Das Slate 7 misst übrigens 197,1 x 116,1 x 10,7 mm Millimeter und wiegt rund 370 Gramm.

Getarntes China-Tablet

Im Innenleben des Slate 7 arbeitet ein 1,6 Ghz-Dualcore-Prozessor, die auf einen GB RAM zugreift und eine Mali-400-GPU zur Seite gestellt bekommen hat. Acht GB Platz bietet der Onboardspeicher, via microSD kann um bis zu 32 GB erweitert werden. Ins Netz geht das Gerät via WLAN. Vorinstalliert ist Android in der Version 4.1.1 "Jelly Bean". Bis auf die Beigabe der "HP ePrint"-App scheint das System unangetastet zu sein.

Das Datenblatt dürfte dem einen oder anderen Kenner chinesischer Hardware vertraut vorkommen. Und in der Tat, ein kurzer Blick mit "Android System Info" reicht, um die Vermutung zu bestätigen. Dort findet sich für die Platine die Bezeichnung "RK30Board". Defacto steckt in diesem Plattform der Rockchip RK3066-Chipsatz, wie man ihn in diversen Tablets bekannterer chinesischer Marken sowie unzähligen Whitebox-Produkten findet. Hier findet sich auch ein Großteil der Erklärung für die für westliche Verhältnisse recht niedrige Preisempfehlung von 149 Euro des Slate 7.

Solide Basis

Der RK3066 liefert allerdings nur bestimmte Kernkomponenten: CPU, GPU, Support für maximal einen GB RAM sowie einen Bluetooth-Chip der Version 2.1 des Protokolls beherrscht. Performancetechnisch reicht die Ausstattung für alle Alltagsanwendung, ein Gaming-Tablet ist das Slate 7 freilich nicht. Benchmarkseitig reiht sich das Tablet ungefähr auf dem Niveau des Galaxy Nexus ein.

Die restliche Ausstattung des Geräts wählt der Produzent. Und hier kommen die weniger erfreulichen Facetten des Slate 7 zu Tage.

Enttäuschendes Display

Ein kleinerer Eintrag in der Mängelliste ist das Fehlen eines HDMI-Ausgangs. Was Chinatablets mit sonst weitgehend identer Hardware und zweistellige Preisauszeichnung vor gut einem Jahr schon lieferten, bleibt dem Slate 7 verwehrt. Ist das für viele wohl noch verschmerzbar, so stellt sich spätestens beim Display Enttäuschung ein.

Dass bei 1.024 x 600 Pixel alles ein bisschen bröselig aussieht, war zu erwarten. Dass die Farben allesamt leicht verwaschen wirken, darf allerdings als dicker Minuspunkt angekreidet werden. Da hilft auch die hohe Blickwinkelstabilität nur bedingt weiter. Unter Sonnenlicht werden Inhalte auf dem Gerät sehr schnell unkenntlich, offenbar scheinen bei diesem Bildschirm – auch bei höchster Helligkeit - keine nennenswerten Maßnahmen hinsichtlich einer Entspiegelung gesetzt worden zu sein.

Auch auf grundlegende Optimierungsmaßnahmen als Beitrag zu Komfort und längerer Akkulaufzeit wurde verzichtet. Es gibt keinen Helligkeitssensor, mit dem Resultat, dass die Intensität der Hintergrundbeleuchtung stets manuell nachjustiert werden muss.

Schwache Kameras

Die Misere setzt sich leider bei den Kameras fort. Die Frontkamera für Videotelefonie schont mit 0,3 Megapixel (bzw. einer VGA-Auflösung von 640 x 480) die Verbindung, vernichtet dafür aber so ziemlich jedes Detail, das sich vielleicht in einem Bild finden könnte. Schade, ist dies doch bei einem Tablet das tendenziell wichtigere der beiden Aufnahmegeräte.

Die rückseitige Kamera liefert etwas mehr als drei Megapixel und beherrscht die Aufnahme von 720p-Videos, doch auch hier ist die Qualität der Resultate enttäuschend. Sowohl vorder- als auch rückseitig wird mit einem fixen Fokus hantiert, zeitgemäß sieht anders aus.

Passabler Klang

"BeatsAudio"-Technologie soll beim Slate 7 für schönere Klänge sorgen. Und in der Tat liefert das Gerät über Lautsprecher und Buchse angenehmere Klänge als viele Konkurrenzprodukte

Für eine Prüfung der Akkulaufzeit war in der kurzen Zeit nicht durchführbar. HP verspricht, dass die 3.500 mAh starke Batterie bis zu fünf Stunden durchhält. Für einen mobilen Begleiter nicht übermäßig spektakulär, angesichts der Erfahrung mit anderen Geräten auf Basis des RK3066 klingt ein Erreichen dieser Maximalzeit bei durchschnittlicher Nutzung aber plausibel.

Fazit: Schöne Schale, schwacher Kern

Hewlett-Packard ist die Überraschung geglückt. Dass der Computerriese für seinen Wiedereinstieg in den Mobile-Bereich de facto mit einem günstigen "Chinatablet" hinlegt, hätten wohl die Wenigsten erwartet. Immerhin geisterten im Februar noch Gerüchte herum, dass man ein Pad auf Basis von Nvidias Tegra 4 bauen will. Dafür ist freilich immer noch Zeit.

Das Slate 7 beweist jedenfalls, dass das Unternehmen in der Lage ist, optisch schicke und gut verarbeitete Geräte herzustellen. Bei der Wahl der Komponenten wurde man dann vom Fingerspitzengefühl aber grob verlassen.

Alternativen vorhanden

Der Rockchip RK3066 ist für ein günstiges Gerät als Basis eigentlich gar keine schlechte Wahl. Doch selbst für seinen niedrig angesetzten Preis enttäuscht das Slate 7 bei den Komponenten fast auf ganzer Linie.

Das Display ist das Kernstück eines solchen Gerätes und ausgerechnet hier will das Slate 7 so gar keine Freude bereiten. Das Fehlen einer automatischen Helligkeitsregelung sowie die enttäuschende Kameraperformance sind ebenfalls kein Grund für eine Kaufempfehlung.

Wer sich einen Tabletkauf überlegt, findet auch in diesem Preisbereich tauglichere Alternativen. Neben diversen Geräten aus China, die für das gleiche Geld mittlerweile deutlich mehr leisten, wären da etwa Samsungs Galaxy Tab 2 oder Amazons Kindle Fire zu erwähnen. (Georg Pichler, derStandard.at, 30.05.2013)

  • Durchaus ansehnlich gestaltet: Die Vorder- und...
 
    foto: derstandard.at/pichler

    Durchaus ansehnlich gestaltet: Die Vorder- und...

     

  • ...Rückseite des Slate 7.
    foto: derstandard.at/pichler

    ...Rückseite des Slate 7.

  • Auch der Aluminiumrand ist ein nettes optisches Detail und verstärkt den Eindruck wertiger Verarbeitung.
    foto: derstandard.at/pichler

    Auch der Aluminiumrand ist ein nettes optisches Detail und verstärkt den Eindruck wertiger Verarbeitung.

  • Unter dem schicken Äußeren verbirgt sich Hardware, wie sie in vielen Chinatablets ebenfalls zu finden ist.
    foto: derstandard.at/pichler

    Unter dem schicken Äußeren verbirgt sich Hardware, wie sie in vielen Chinatablets ebenfalls zu finden ist.

  • In mehrerlei Hinsicht enttäuscht leider das Display (hier: Makroaufnahme).
    foto: derstandard.at/pichler

    In mehrerlei Hinsicht enttäuscht leider das Display (hier: Makroaufnahme).

  • Niedrige Auflösung und fixer Fokus führen sowohl bei der rückseitigen, als auch...
    foto: derstandard.at/pichler

    Niedrige Auflösung und fixer Fokus führen sowohl bei der rückseitigen, als auch...

  • ...bei der frontseitigen Kamera zu enttäuschender Aufnahmequalität.
    foto: derstandard.at/pichler

    ...bei der frontseitigen Kamera zu enttäuschender Aufnahmequalität.

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