Verachtete Homosexuelle

Blog18. Mai 2013, 19:10
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Gleichstellung und Öffnung der Ehe für Lesben und Schwule können nicht über die weiter massiven Vorurteile gegen Homosexuelle hinwegtäuschen – wie eine EU-weite Umfrage zeigt

In Frankreich ist am Samstag als 14. Land weltweit ein Gesetz in Kraft getreten, das Lesben und Schwulen zu heiraten erlaubt: Präsident Francois Hollande hat das Papier unterzeichnet. Im Vorfeld gab es erbitterten Widerstand Konservativer und Rechter: weit erbitterter, als es wohl viele in dem Land erwartet hatten, dessen BewohnerInnen lange der Ruf vorausging, in Sachen Liebe liberale Sitten zu pflegen. Aber vielleicht war ja auch das nicht viel mehr als ein Klischee.

Auf alle Fälle aber zeigen die massiven Proteste gegen die Einführung der Homo-Ehe in Frankreich, dass die Sache mit der Homosexualität auch in Europa alles andere als gegessen ist: Dass die seit Jahrzehnten vorangetriebene, von EU-Richtlinien zum Teil erzwungene Lesben-und Schwulen-Gleichstellungspolitik keineswegs die in Teilen der europäischen Gesellschaften bestehende Ablehnung der gleichgeschlechtliche Liebe beendet hat.

Denn auch, wenn die rechtliche Gleichstellung ein Meilenstein ist und die Öffnung der Ehe, so wie jetzt in Frankreich, weit mehr als ein Symbol. Die dicke Schicht von Vorurteilen gegen Homosexuelle wurde dadurch nicht beseitigt: in dezidiert konservativen, religionsnahen Milieus (christlichen ebenso wie muslimischen, jüdischen, auch buddhistischen) überhaupt nicht und in weiten Bereichen der gesellschaftlichen und politischen Mitte nur zum Teil.

Scheinbar "völlig wurscht"

Letzteres äußerst sich gar nicht so selten in einem nach außen gekehrten, scheinbar absoluten Desinteresse, einem "mir ist es völlig wurscht, ob jemand so herum oder andersrum lebt". Auch wenn sich das lässig anhört: Oft ist das vom Wunsch bestimmt, sich aus einem kniffligen Thema herauszuhalten, sich nicht damit zu konfrontieren.

Dass es falsch ist, kritiklos zu glauben, was in Positivberichten steht, die herausstreichen, wie selbstverständlich Homosexualität heutzutage vielfach schon gelebt wird, zeigen unterdessen die Resultate einer vor wenigen Tagen veröffentlichten unionsweiten Umfrage der EU-Grundrechtsagentur FRA: der ersten, bei der Lesben, Schwule und Transgenderpersonen zwischen Portugal und Schweden und zwischen Irland und Bulgarien ausführlich Auskunft über ihre Situation gaben.

Diese, so stellte sich heraus, ist von Glanz und Gloria weit entfernt, denn schon bei einer grundlegenden Voraussetzung für ein zufriedenes Leben - der Offenheit, wie man lebt – sieht sich eine große Mehrheit Homosexueller gezwungen, Abstriche zu machen. 79 Prozent halten ihre sexuelle Orientierung am Arbeitsplatz, 48 Prozent sogar ihrer Familie gegenüber geheim.

Ausreden, Notlügen ...

Was das bedeutet, muss man sich praktisch vorstellen: Ausreden, wenn Mutter, Vater oder Geschwister wissen wollen, warum man noch immer solo ist – auch wenn es in Wirklichkeit eine/n gleichgeschlechtliche/n PartnerIn gibt, der/die damit verleugnet wird. Peinliche Ausflüchte im KollegInnengespräch über das vergangene Wochenende oder den letzten Urlaub. Kurz: Es bedeutet, aus Angst zu lügen, wobei die Furcht wohl oft berechtigt ist: Immerhin gaben 47 Prozent der Befragten an, im vergangenen Jahr wegen des Schwul- oder Lesbischseins Diskriminierungserfahrungen gemacht zu haben.

Daraus ist zu schließen, dass Homosexuelle in der EU im echten Leben nach wie vor oftmals offen abgelehnt werden. Verachtung von Lesben und Schwulen –  also Homophobie – ist in ganz Europa weiter endemisch. Fast scheint es, als wäre die rechtliche Gleichstellung nur ein erster Schritt gewesen, der jetzt erst das Ankommen der dadurch verbreiteten Message in der breiten Bevölkerung  folgen müsste.

Und in Österreich? Österreich liegt bei allen abgefragten Werten im Mittelfeld, doch das ist angesichts der Resultate insgesamt keine gute Nachricht. Und auch der Umgang der politisch Verantwortlichen mit dem Umstand, dass hier nach wie vor Handlungsbedarf besteht, ist unzureichend:  Immerhin steht für die kommende Woche der Beschluss einer Gleichbehandlungsgesetz-Novelle an, die wieder keine Angleichung des Schutzes Homosexueller gegen Diskriminierung bei Dienstleistungen (z.B. beim Wohnungsmieten) vorsieht. Die ÖVP hat sich dagegen gestemmt. Offenbar hat man in deren Reihen mit fortgesetzter Lesben- und Schwulenbenachteiligung kein Problem. (Irene Brickner, derStandard.at, 18.5.2013)

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    Die massiven Proteste gegen die Einführung der Homo-Ehe in Frankreich, zeigen, dass die Sache mit der Homosexualität auch in Europa alles andere als gegessen ist.

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