Institut für kulturresistente Güter: "Alles infrage stellen, aber nicht verarschen"

18. Mai 2013, 17:16
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Wenn eine Wienerin und ein gebürtiger Tscheche ihre Tätigkeit als kulturresistent bezeichnen, heißt das keineswegs, dass sie dem Banausentum frönen

Wien - Auf dem WC hängt der offizielle Partezettel des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger (1844-1910), eines der antisemitischen Lehrmeister Hitlers. Daneben, nicht ohne innere Logik, die Sonderausgabe des Kurier vom April 1955: "Österreich wird frei". Dass auch Anleitungen zu gutem Benehmen auf dem Häusl stehen, passt gleichfalls zur Philosophie des Hauses: Alles kann infrage gestellt werden. Wir befinden uns im Institut für kulturresistente Güter im 18. Wiener Bezirk.

Kulturresistent? "Wenn wo Kultur oder Kunst steht, interessiert das niemanden. In dem Moment, wo man kulturresistent sagt, fragt jeder: Was ist das?" Aber was es ist, außer einer Provokation, kann auch Abbé Libansky nicht sagen: "Das ist genauso konkret wie Kunst. Wir haben die Vorzeichen nur umgedreht, um die Leute zum Nachdenken zu bringen. Es gibt 100.000 verschiedene Definitionen von Kunst und Kultur. Ob da auch Dinge dazugehören, die man als Kitsch bezeichnet, ist Interpretationssache." Ergo zeigt das Logo des Instituts einen Gartenzwerg mit Vollbart und weiblichen Zügen: Nichts ist, was es scheint.

Emigration nach Österreich

Libansky verkörpert eine Hälfte des Instituts. Die andere ist Barbara Zeidler. Die beiden kennen einander seit 25 Jahren. Libansky, Mitbegründer und -unterzeichner der tschechoslowakischen Bürgerrechtsbewegung Charta 77, emigrierte 1982 nach Österreich. Als Layouter und Fotograf arbeitete er für den Wiener ÖH-Express. Für eine Titelgeschichte über Studenten als Heimwerker suchte er eine Studentin - und traf zufällig auf die damals 14-jährige Barbara. Die tauchte dann als Covergirl im Overall mit großer Bohrmaschine unter dem Titel "Mach's dir selber" auf. Zeidler: "Das kam in meiner Schule nur bedingt gut an."

Respektlosigkeit gegenüber scheinbaren Tabus und Lust am Provozieren offenbarten eine Art Seelenverwandtschaft, aus der dann auch eine künstlerische Beziehung wurde. Wobei Zeidler betont: "Die menschliche Würde ist tabu." In den Worten ihres Partners: "Alles infrage stellen, aber nicht verarschen."

Ein Kunstwerk zu genießen sei auch okay, meint Libansky. "Aber ich hab es gern, wenn ich noch eine zweite und dritte Ebene suchen muss." Seine Collagenserie "Ahnengalerie" mit teilskelettierten Porträts ist ein makaber-ironisches Beispiel für diesen Zugang.

Kunst im politischen Kontext

Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Arbeit ist Kunst im politischen Kontext, Umgang mit politischen Symbolen im öffentlichen Raum. Das führt zur Geschichte des Instituts. Sie ist, wie jene von Barbara und Abbé, eine mitteleuropäische. 2003 tauchte die legendäre Czernowitzer Austria, die nach 1918 spurlos verschwunden war, wieder auf, als Torso ohne Kopf und Arme. Zu Monarchiezeiten hatten Czernowitzer Bürger die allegorische Statue aufstellen lassen, als Zeichen ihrer Verbundenheit mit Wien. Emil Brix, damals Leiter der kulturpolitischen Sektion im Wiener Außenministerium, animierte Libansky und Zeidler zu einem künstlerischen Projekt auf Basis des Austria-Torsos. Die Orange Revolution in der Ukraine gab dem Ganzen unerwartete politische Aktualität.

Zehn Künstlerinnen und Künstler aus fünf Ländern erhielten eine Kopie des Austria-Torsos mit der Einladung, ihn unter den Aspekten von kultureller und nationaler Zugehörigkeit, Identität und Symbolik zu interpretieren. Die Werke wurden unter anderem im Wiener Völkerkunde-Museum ausgestellt und stehen heute in der Aula der Universität von Chernivtsi, dem einstigen Czernowitz.

Die originale Austria-Statue soll restauriert und auf dem Patz im Stadtzentrum aufgestellt werden, der wieder Austria-Platz heißen wird. Von einer Monarchie-Nostalgie selbst unter 16-jährigen Czernowitzern berichtet Libansky. Er und seine Partnerin Barbara sehen die Austria lieber als Symbol einer Multikulturalität, die in dieser Stadt gelebt worden sei wie kaum woanders. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

  • Barbara Zeidler und Abbé Libansky: Respektlosigkeit, die nur ein Tabu kennt - die menschliche Würde.
    foto: regine hendrich

    Barbara Zeidler und Abbé Libansky: Respektlosigkeit, die nur ein Tabu kennt - die menschliche Würde.

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