Die Freude am Kleinkarierten

17. Mai 2013, 21:17
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Klein und unschuldig, geschichtslos und provinziell. So, haben wir gelernt, soll Österreich sein. Wie österreichisch ist Österreich?

Mit großem Aufwand wurde in Österreich 1946 der Tatsache gedacht, dass vor 850 Jahren erstmals der Name Ostarrichi in einer Urkunde auftauchte. Auf einem Schenkungsdokument über ein Stück Land rund um das heutige Neuhofen an der Ybbs an das Bistum Freising. Auch in unserer Schule wurde das Jubiläum gefeiert. Hier wurde eine Tradition begründet, die im Wesentlichen bis heute fortlebt: Österreich als kleines Ländchen ohne Verbindung zur großen deutschsprachigen Kultur und ohne Verbindung zum Erbe des großen habsburgischen Vielvölkerstaats. Das Ostarrichi-Papier als Gründungsdokument.

Aus der Nachkriegserfahrung heraus erscheint das verständlich. Die damals Regierenden wollten um jeden Preis deutlich machen, dass das neue Österreich nichts, aber auch gar nichts, mit dem besiegten Nazideutschland zu tun hatte. Und möglichst auch nichts mit der vergangenen Donaumonarchie. Klein und unschuldig, geschichtslos und provinziell, mit einem historisch bedeutungslosen Aktenstück als Anfangserzählung. So haben wir es in der Schule gelernt. Österreich? Neuhofen an der Ybbs und Umgebung.

Ein fernes Echo dieses Geistes klang noch in späteren Jahren an, als etwa behauptet wurde, Österreich sei kein Einwanderungsland oder der einstige ÖVP-Bundeskanzler Josef Klaus sei "ein echter Österreicher", im Gegensatz zu seinem damaligen Herausforderer, dem jüdischen Sozialdemokraten Bruno Kreisky mit seinen familiären Wurzeln in Mähren.

Hält diese Idee von Österreich einem Reality-Check stand? Gibt es auch andere österreichische Traditionen, die nach wie vor wirksam sind? Und sollten wir uns möglicherweise öfter an sie erinnern und sie sichtbar machen?

In meinem Wiener Innenstadt-Grätzel gibt es in meiner unmittelbaren Nähe ein griechisches, ein persisches und ein tschechisches Restaurant neben zwei Lokalen mit traditioneller österreichischer Küche. Ferner einen russischen Kosmetikladen, einen italienischen Eissalon, eine polnische Schneiderin, einen türkischen Imbiss, eine griechisch-orthodoxe, eine römisch-katholische und eine griechisch-katholische Kirche, in der sich die Wiener Ukrainer versammeln. Die meisten von ihnen stammen aus der Westukraine, dem ehemaligen österreichischen Kronland Galizien. Meine Putzfrau, nebenbei Studentin der Pädagogik, kommt aus Bosnien, zeitweise ebenfalls Teil von Österreich-Ungarn, und der Mann, der meine Wohnung ausgemalt hat, aus dem einst österreichischen, später deutschen und dann polnischen Schlesien.

All das ist durchaus nicht nur das Resultat der jüngsten Zuwanderungswelle, in der manche die Gefahr der "Umvolkung", der Überfremdung und des Verlustes der österreichischen Identität sehen. Das tschechische Lokal, einem alteingesessenen Hotel angefügt, im Besitz des tschechischen Turnvereins Sokol, gibt es seit hundert Jahren. Die griechische Kolonie in unserem Viertel existierte schon im 19. Jahrhundert, als Griechenland unter türkischer Herrschaft stand und Wien Sammelpunkt der Exilgriechen war. Im Wien-Museum wird ein Bild eines türkischen Kaffeehauses in unserer Straße aufbewahrt, ebenfalls aus dem 19. Jahrhundert, auf dem würdige Herren mit Turban zu sehen sind, die Kaffee trinken und Wasserpfeife rauchen. Türken gibt es hierzulande keineswegs erst seit dem Zustrom türkischer Gastarbeiter in den letzten Jahrzehnten. Nach dem endgültigen Friedensschluss mit Konstantinopel war Wien ein bedeutender Handelsplatz für den Warenaustausch mit dem Orient, und türkische Kaufleute spielten dabei eine wesentliche Rolle.

Nur den Sisi-Kitsch behalten

Kürzlich hat mir jemand eine alte "Feldpostkorrespondenzkarte" zukommen lassen, die im Ersten Weltkrieg an meinen Vater an die Front geschickt wurde. Das Wort Absender ist darauf in acht Sprachen abgedruckt: Odesilatel, Nadawed, Mittente, Dosiljatel, Posiljac, Presentator und eine Bezeichnung in kyrillischer Schrift. Das waren die anerkannten Landessprachen in der Donaumonarchie. Sie wurden von den Soldaten gesprochen, die damals für Österreich kämpften und starben.

Haben wir mit all dem wirklich nichts mehr zu tun? Sind die Ausländer, die zu uns kommen, wirklich alle völlig Fremde? Ist im kleinen Österreich überhaupt nichts mehr da von dem großen Österreich, dessen Teil es über Jahrhunderte hinweg war? Vom Erbteil des Habsburgerreiches haben wir offenkundig nur den Sisi-Kitsch behalten, nicht die Spuren des Vielvölkerstaats. Und von dessen Untergang nicht das republikanische Selbstbewusstsein, sondern die Freude am Kleinkarierten und Provinziellen.

Ähnliches gilt für den zweiten Strang, der sich durch die österreichische Geschichte zieht, die Zugehörigkeit zum reichen Schatz der deutschen Kultur. In den Nachkriegsjahren lernten wir, als Zeichen der Abgrenzung vom deutschen Täterstaat, in der Schule nicht mehr Deutsch, sondern das Fach "Unterrichtssprache". Grillparzer war plötzlich wichtiger als Goethe, und die Loslösung vom Deutschtum schien dringender als die von der Naziideologie.

Auch hier zeigt die österreichische Realität ein anderes Bild. Längst sind deutsche Zuwanderer ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft geworden. Das Burgtheater mit seinen vielen hervorragenden deutschen Schauspielern ist eine der wichtigsten deutschsprachigen Bühnen. An den Universitäten gibt es einen regen Austausch von Studenten und Professoren zwischen Deutschland und Österreich. Wien und Berlin sind in engem Kontakt, nicht wenige Menschen, vor allem Intellektuelle, pendeln zwischen den beiden Städten. Beiden tut das gut.

Also wie österreichisch ist Österreich nun? Meine Antwort lautet: Es ist sehr österreichisch, nicht obwohl, sondern weil es tausend Fasern sowohl mit seinem deutschen Nachbarn als auch mit seinen östlichen und südlichen Nachbarn verbinden. Diese in einer jahrhundertelangen Geschichte geknüpften Verbindungen sind kein Fremdkörper in der österreichischen Identität, sie sind ein Teil von dieser. Wir tun derzeit nur alles, um sie zu verleugnen.

Und wie steht es mit mir selber? Wie österreichisch bin ich? Gute Frage. Ich habe einen Migrationshintergrund. Ich bin in Prag geboren und erst als Teenager nach Österreich zugewandert. Unter meinen Vorfahren finden sich polnische und ungarische, deutsche und niederländische, griechische und italienische und sogar japanische Menschen. Bin ich ein Resultat der "Umvolkung"? Nicht wirklich einheimisch? Oder bin ich trotzdem eine "echte Österreicherin"? Ich denke: ja. Und mit mir Hunderttausende, die im Laufe der Geschichte irgendeinmal von anderswo gekommen und ihren Teil zu dem beigetragen haben, was Österreich heute ist.

In seinem schönen Buch "Der letzte Glanz der Märchenstadt" beschreibt der Autor Otto Friedländer das Wien der Jahrhundertwende. Da trifft man auf der Straße türkische Hausierer mit dem Fez auf dem Kopf, Huzulen im weißen Rock und mit Lammfellmütze, polnische Juden im zobelverbrämten Kaftan, armenische Mechitaristenpriester mit violettem Seidengürtel über der Soutane. Eben diese Vielfalt machte laut Friedländer den Glanz der Märchenstadt aus. Dass sie nicht österreichisch sein könnte, wäre dem Hofrat nicht einmal im Traum eingefallen.

Diese Vielfalt gibt es heute auch. Wir haben jetzt maronitische, serbisch- und rumänisch-orthodoxe Kirchen, jüdische und muslimische Bethäuser verschiedener Richtungen. Wir haben afghanische Internetcafés, türkische Änderungsschneider und nigerianische Musikklubs. Diese Vielfalt war damals nicht unproblematisch und ist es auch heute nicht. Aber österreichisch ist sie allemal.

Es schadet nicht, wenn wir uns gelegentlich an die Urkunde mit der Bezeichnung "Ostarrichi" erinnern. Aber dass Österreich mehr ist als Neuhofen an der Ybbs und Umgebung - das sollten wir mittlerweile gelernt haben.   (Barbara Coudenhove-Kalergi, Album, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Barbara Coudenhove-Kalergi, geb. 1932 in Prag, ist Journalistin. Zuletzt erschien von ihr "Zuhause ist überall. Erinnerungen" (Zsolnay-Verlag, 2013).

  • Eine "echte Österreicherin" - mit Migrationshintergrund: Coudenhove-Kalergi ist in Prag geboren, als Teenager nach Österreich gekommen. Unter ihren Vorfahren finden sich polnische, ungarische, deutsche und niederländische, griechische und italienische und sogar japanische Menschen.
    foto: standard / heribert corn

    Eine "echte Österreicherin" - mit Migrationshintergrund: Coudenhove-Kalergi ist in Prag geboren, als Teenager nach Österreich gekommen. Unter ihren Vorfahren finden sich polnische, ungarische, deutsche und niederländische, griechische und italienische und sogar japanische Menschen.

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