Die Zurückgestuften

17. Mai 2013, 20:00
4 Postings

Peter Turrini gibt den Menschen, die um ihre Existenz kämpfen, eine Plattform. In "Aus Liebe" dürfen sie ihre Wut und ihre Ängste artikulieren.

Herbert Föttinger inszenierte die Uraufführung im Theater in der Josefstadt als rasanten, unterhaltsamen Thriller.

Wien - Peter Turrini soll, eigenem Bekunden nach, 37 Fassungen erstellt haben, bis er Aus Liebe zur Uraufführung freigab. Die schwere Geburt merkt man dem straffen, von einem wahren Mordfall inspirierten Stationendrama aber nicht an: Es ist nachgerade raffiniert gebaut. Denn die wahre Intention erschließt sich erst nach und nach.

Herbert Föttinger, der Direktor des Theaters in der Josefstadt, hat das strikt chronologische Konzept noch verstärkt: Er präsentiert das Stück, das an einem Tag in Wien spielt, als Thriller in der Machart von 24. Vor Beginn jeder Szene weist eine Laufschrift über der neutralen Bühne (ein abstraktes Gemälde von Die Schichtarbeiter) auf die exakte Uhrzeit und den Ort hin. Schnelligkeit vermittelt auch die pulsierende elektronische Musik von Christian Brandauer.

Vordergründig geht es um einen vom Glück begünstigten Mann namens Michael Weber. Scheinbar ohne Grund erschlägt er seine Frau mit der Axt, danach bringt er auch die Tochter um. Es gibt aber noch einen zweiten Handlungsstrang: Eine Witwe, ebenfalls gutbürgerlich, futtert fremden Männern in Aida-Filialen deren Mehlspeisen weg. Einmal kommt es - zumindest in Föttingers Inszenierung - zu einer zufälligen Begegnung zwischen Witwe und Weber. Wirklich verknüpft sind die beiden Stränge aber durch eine Polizeiwachstube und deren Personal.

Der Verlust der Liebe

Auch wenn der eine Fall eher absurd, der andere tieftraurig ist: Die Protagonisten haben ihre Taten, wie sie eingestehen, "aus Liebe" verübt. Denn früher analysierte die Witwe mit ihrem Mann bei Kaffee und Kuchen klassische Konzerte. Und diese Erinnerung will sie lebendig halten. Weber hingegen spürt, dass seine Frau ihn zu verlassen gedenkt. Föttinger hat daher einen bereits gepackten Koffer neben sie stellen lassen.

Mit dem Verlust der Liebe gehen die Protagonisten gegensätzlich um: Mundräuberin Marianne Nentwich plappert unaufhörlich; Axtmörder Ulrich Reinthaller hingegen ist in erster Linie stumm.

Turrini vermeidet aber Küchenpsychologie. Warum sich die Eheleute Weber nichts mehr zu sagen haben, interessiert ihn nicht. Er erweist sich lieber als Anwalt der kleinen Leute, verschafft ihnen eine Bühne. Waren es früher die "Minderleister", sind es heute die "Zurückgestuften". Weber begegnet diesen Menschen, die allesamt um ihre Existenz kämpfen, im Laufe des Tages, oder sie hängen sonst wie mit dem Geschehen zusammen: die Sozialhilfeempfängerin, der Baumax-Verkäufer, der News -Fotograf, ein Sandler, die gekündigte Personalreferentin und so weiter. Deren bis zum Wutausbruch oder in die Verzweiflung gehende Monologe sind das Herzstück von Aus Liebe. Als Auflockerung hat Turrini auch ein paar extrem witzige beziehungsweise derbe Passagen eingestreut.

Weil jeder und jede eine Facette darstellt, sitzt das gesamte Ensemble die 80 Minuten hindurch auf der schmalen Bühne. Seiner Leistung ist denn auch der mit zu wenig Applaus bedachte Erfolg zu verdanken. Einige stachen trotzdem hervor: Susanna Wiegand als energische Prostituierte, die ihren Standplatz wieder haben will, oder Martin Zauner als kettenrauchender Kriminalinspektor.

Leider sind Föttinger, der eine Sexszene entschärfte, und Turrini etwas kitschanfällig. Kurt Sobotka als lieber Gott im weißen Frack kann aber nichts dafür: Er tänzelt nur, wie ihm geheißen.  (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Termine: 18., 19., 23., 27. u. 28. 5.

Nachtkritik: Der Anwalt der kleinen Leute

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Spätabendlicher Showdown in der Polizeiwachstube (v. li.): Marianne Nentwich, Ljubisa Lupo Grujcic, Susanna Wiegand, Heribert Sasse und Ulrich Reinthaller.

Share if you care.