"Wie Schnitzler ohne Zuckerguss"

Interview17. Mai 2013, 19:51
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Martin Kusej entreißt mit der Trilogie "In Agonie" des Kroaten Miroslav Krleza ein Schlüsselwerk zum Verständnis des Ersten Weltkriegs dem Vergessen - Der Regisseur über die Modernität des Festwochen-Projekts

Wien - Die Theatertrilogie "In Agonie" des großen jugoslawischen Modernen Miroslav Krleza (1893-1981) erzählt von Bürgern und Patrioten, deren Leben an der Klippe des Ersten Weltkriegs zerschellen. Martin Kusej nimmt sich im Rahmen der Festwochen eines in unseren Breiten vergessenen Autors an, Premiere ist am 23. Mai im Volkstheater, 18 Uhr.

STANDARD: Krlezas "Glembay"-Trilogie enthüllt den Untergang einer Gesellschaftsschicht. Inwiefern lässt sich die dargestellte Situation mit unserer heutigen vergleichen?

Kusej: Mich interessiert das vor allem historisch. Die Beschreibung der gesellschaftlichen Bedingungen und die Zeitdiagnostik Krlezas sind ziemlich genau, und das ist der Grund dafür, dass sich einfache Analogiebildungen oder "Aktualisierungen" nicht anbieten. Das besonders spannende, gerade für eine Premiere in Wien, ist, dass die Perspektive auf die traumatischen Geschehnisse rund um den Ersten Weltkrieg bei Krleza eine ganz andere ist als in den österreichischen Stücken oder Romanen der Zeit. Auch wenn den Autor formal viel mit der Wiener Literatur verbindet.

STANDARD:  Was ist die Besonderheit der kroatischen Perspektive?

Kusej: Von Zagreb aus ist der gewaltsame Zerfall Österreich-Ungarns nicht in erster Linie ein Verlust. Natürlich schon für die geschilderte Gesellschaftsschicht, aber nicht in den Augen eines linken Autors mit europäischer Perspektive. Außerdem hat Krleza den Ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern in Galizien selbst erlebt. Seine Schilderungen gründen also nicht auf Zeitungslektüre und sind von erschreckender Radikalität.

STANDARD:  Das Interesse an den Jahren unmittelbar vor 1914 ist augenfällig. Es gibt Coffeetable-Bücher zum Thema et cetera.

Kusej: Es verbindet uns heute schon viel mit dieser Mischung aus Höhenflug und Krisenbewusstsein, aus rasantem technologischem Fortschritt und gesellschaftlichem Stillstand, aus Revolutionsrhetorik und politisch wirksamen Ressentiments. Natürlich handelt es sich um eine Zeit, in der Europa nach Orientierung sucht, unter ganz anderen Vorzeichen als heute, aber mit ähnlich verwirrenden Implikationen.

STANDARD:  Insbesondere der erste Teil der Trilogie, "Die Glembays", lässt sich als südosteuropäische Version von Schnitzler-Stoffen lesen. Bildet Ihre Beschäftigung mit Krleza die Fortsetzung von "Das weite Land"?

Kusej: Man macht sich vielleicht falsche Vorstellungen: Krleza war absolut gesamteuropäisch orientiert. Er hat über Rilke und George genauso geschrieben wie über Karl Kraus, hat die Proust-Rezeption in Jugoslawien angestoßen und Kontakt mit Sartre gehabt, war in der englischen Literatur zu Hause wie natürlich in der russischen, polnischen und ungarischen. Aber es stimmt schon, ich lese ein Drama wie "Die Glembays" selbstverständlich auch vor dem Hintergrund meiner eigenen literarischen Prägungen. Und da erscheinen mir diese Stücke fast wie ein Teil der österreichischen Dramatik, aber eben nicht so schnitzlerisch edel, sondern irgendwie dreckiger und provinzieller. Weiter entfernt vom eigentlichen Zentrum der Macht, rauer und unverstellter. Die Emotionen der Figuren liegen näher an der Oberfläche, da ist nicht so viel vergifteter Zuckerguss aus Form und Konvention.

STANDARD:  Ist es an der Zeit, die Schätze der südosteuropäischen Literatur zu heben?

Kusej: Natürlich will ich so eine Gelegenheit auch nutzen, um einem Autor hierzulande ein Publikum zu verschaffen, dessen Name nicht sofort jedem etwas sagt. Im Fall von Krleza habe ich seit 25 Jahren auf diese Gelegenheit gewartet. Er hat neben den Dramen auch großartige Romane und Novellen geschrieben, in denen der Erste Weltkrieg, der Alltag in der Etappe, das langsame, unspektakuläre Sterben mit großer Intensität geschildert sind. Vieles von dem, was wir hier seit Jahrzehnten in den Schulen lesen, reicht da nicht heran.

STANDARD:  Ihr Zwischenfazit nach zwei Saisonen Residenztheater? Sie mussten zuletzt eine Mozart-Regie wegen Ermüdungserscheinungen zurückzulegen.

Kusej: Es läuft gut, vielleicht sogar ein bisschen besser als geplant. Wir fassen Fuß, die Zahlen sind mittlerweile auch ganz gut. Wir werden noch erkennbarer, klarer, politischer werden. Ich habe gelernt, ein so großes Haus als einen stetigen Prozess zu begreifen, das geht nicht im Hauruck-Verfahren. Für mich persönlich ist diese Trilogie die dritte Inszenierung in der Spielzeit, und ich musste sagen, so geht es nicht auf Dauer weiter.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Martin Kusej (52) ist Kärntner und führt seit 1987 weithin beachtet Regie. Er leitet seit 2011 das Münchner Residenztheater.

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    Ab Donnerstag im Wiener Volkstheater zu sehen: Martin Kusejs Beschäftigung mit kakanischen Wölfen und Schafen.

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