Die Sprachretter und der Führer-Erlass

Kommentar der anderen17. Mai 2013, 18:55
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Soll man wirklich "Nietenhosen" statt Jeans sagen? Anmerkungen zur Anglizismenangst

Wovor haben die Sprachretter Angst? Der "Verein Muttersprache Wien", der seit Jahren gegen die "Veranglisierung" der deutschen Sprache zu Felde zieht und dem - allerdings nicht deswegen! - Verbindungen zur rechtsextremen Szene nachgesagt werden, hat erstmals am sogenannten Anglizismen-Index mitgearbeitet. Das ist ein Verzeichnis aus dem Englischen stammender Ausdrücke, die der "Verein Deutsche Sprache" seit Jahren sammelt, erklärt und mit einem verdeutschenden Ausdruck versieht. Mittlerweile enthält diese Liste 7500 Wörter - Begriffe wie Boxershorts, Ketchup, Sandwich, PC usw., die man doch bitte schön besser "deutsch" ausdrücken möge. Also "Netzpost" statt E-Mail, "Prallkissen" statt Airbag, "Schundfraß" statt Junkfood ...

Woher rührt diese Angst, dass Fremdwörter aus dem Angelsächsischen dem Charakter der deutschen Sprache gefährlich werden könnten? Hat es etwa im 19. Jahrhundert eine ebensolche Angst vor französischen Ausdrücken gegeben, die damals die Alltagssprache nicht minder bestimmten? Man stelle sich nur etwa vor, wie manche Nestroy-Dialoge klingen würden, wenn ein "Verein Muttersprache Wien" damals schon umtriebig, geschweige denn durchsetzungsfähig gewesen wäre.

Überhaupt wäre das Deutsche (wie jede Sprache!) ohne Fremdwörter eine ziemlich armselige Angelegenheit: Es gäbe keine Kekse mehr, keinen Sport, keinen Sex, kein Klosett, keinen Tipp und keinen Trick, auch keine Banknote, kein Radio, keinen Punsch und kein Pony, wenn man nicht mehr "Denglisch" sprechen dürfte.

Erst recht wäre das Wienerische seiner Vielfalt und seines Charmes beraubt, würde man alles "Fremdsprachliche" daraus verbannen. Fußballer könnten dann z. B. nicht mehr kicken, dribbeln, den Out-Wachler (Linienrichter) beschimpfen, das Wiener Derby könnte nicht mehr stattfinden. Wir dürften nicht mehr Hetschepetsch (für "Hagebutte") oder Knickerbocker sagen. Wir dürften nicht flippen, keinen Punsch trinken, niemanden mehr Gockel nennen. Und natürlich stünde auch der britisch-indische - also gleich doppelt verdächtige - Pyjama-Import auf der roten Liste. Was wäre schließlich eine Leitkultur ohne Schlafanzug?

Ja, man könnte nicht einmal mehr fesch sagen, denn das, ach Gott!, kommt ja auch aus dem Englischen (als Abkürzung von fashionable nämlich). - Und, ist das so furchtbar? Ist es so identitätsgefährdend, Wörter wie Sprit, Ketchup oder tipptopp zu verwenden? Dem "Verein Muttersprache Wien" sei freundlich angeraten, einmal einen Blick in Maria Hornungs Wörterbuch der Wiener Mundart zu werfen oder bloß das Österreichische Wörterbuch zu durchforsten, um sich zu überzeugen, wie viel doch " heimisch" ist, was so manchem als "artfremd" erscheinen mag.

Sendungsauftrag

Die Abwehr von Fremdwörtern ist nicht nur kleinkariert, sie ist völlig widersinnig, hat sich doch jeder Sprachschatz, historisch betrachtet, durch Entlehnungen, durch Austausch entwickelt.

Und apropos "artfremd": Gerade jene, deren Abwehrhaltung ideologisch motiviert, also von deutschnationaler Gesinnung geprägt ist, haben ihren kulturellen Sendungsauftrag offenbar völlig missverstanden. Es mag wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheinen - aber gerade die Nazis waren alles andere als fremdwörterfeindlich: Im Dezember 1940 erließ Hitler eine Weisung, die im Jahr darauf unter dem Betreff "Unschöne Verdeutschung von Fremdwörtern" allen amtlichen Stellen per Runderlass bekanntgegeben wurde:

"Dem Führer ist in letzter Zeit mehrfach aufgefallen, dass - auch von amtlichen Stellen - seit langem in die deutsche Sprache übernommene Fremdwörter durch Ausdrücke ersetzt werden, die meist im Wege der Übersetzung des Ursprungswortes gefunden und daher in der Regel unschön sind. Beispielsweise erwähnte der Führer, dass amtlich jetzt an Stelle von Souffleuse die Bezeichnung 'Einsagerin' gebraucht werde.

Dem Deutschen Gewalt antun

Der Führer hat angeordnet, die zuständigen Stellen davon zu unterrichten, daß er derartige gewaltsame Eindeutschungen nicht wünscht und die künstliche Ersetzung längst ins Deutsche eingebürgerter Fremdwörter durch nicht aus dem Geiste der deutschen Sprache geborene und den Sinn der Fremdwörter meist nur unvollkommen wiedergebende Wörter nicht billigt."

Mit anderen Worten, liebe Abwehrkämpfer: Der "Führer" wäre mit Nietenhosen oder Schundfraß alles andere als happy gewesen! (Gerhard Zeillinger/DER STANDARD, 18.5.2013)


GERHARD ZEILLINGER (47), Germanist und Historiker, lebt als freier Publizist in Amstetten (NÖ).

  • Gerhard Zeillinger: "Denglisch" als Bedrohung? Foto: privat
    foto: privat

    Gerhard Zeillinger: "Denglisch" als Bedrohung? Foto: privat

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