Topfenstrudel: Wenn nationale Identität ins Strudeln kommt

17. Mai 2013, 19:19
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Weltweit wird Strudel als Aushängeschild unserer einzigartig wunderbaren Mehlspeisfertigkeit gerühmt

Wurscht, ob er Apfel, Topfen oder Milirahm in sich birgt: Strudel ist in jeder seiner Anschauungsformen ein Anlass, die Brust in sattem Nationalstolz zu schwellen. Weltweit (na, echt jetzt?) wird er als Aushängeschild unserer einzigartig wunderbaren Mehlspeisfertigkeit gerühmt – vom Fleisch-, Kraut- oder gar Lungenstrudel ist da noch gar nicht die Rede.

Der große und in kulinarischen Fragen gemeinhin als unfehlbar geltende Larousse Gastronomique jedenfalls definiert Strudel ganz unzweifelhaft als "Wiener Gebäck" . Das diesbezüglich schon fragwürdigere Wikipedia weist ihn als Hervorbringung des "Habsburgerreiches"  aus und verortet das älteste überlieferte Rezept in einem Werk mit Namen Koch Puech, welches in der Wiener Stadtbibliothek verwahrt wird und aus dem Jahr 1696 stammt. Ha!

Das Datum weckt bei näherem Hinsehen einen gar dunklen Verdacht, den auszusprechen es einiger Krummbärtigkeit bedarf: Kaum dreizehn Jahre nach der glorreichen Zurückschlagung der Türken also "erfindet"  Wien den Strudel und verleibt ihn sich ganz buchstäblich ein. Dass die Türken ihre Böreks und Baklavas zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahrhunderten in hauchdünnen, aus nichts als Mehl, Wasser und Öl bestehenden Teig hüllten, dass gerade Börek bis heute in jene charakteristische Schneckenform gelegt wird, die aus etymologischer Sicht die Bezeichnung "Strudel"  nach sich gezogen hat: All das weist doch überdeutlich darauf hin, dass wir den angeblich so kulturfremden Invasoren aus Kleinasien nicht nur den Kaffee und das Kipferl schulden – sondern auch das Wissen, wie Teig so kunstvoll gezogen wird, bis sich durch ihn die Zeitung (oder das Koch Puech) lesen lässt.

In einem weiter gefassten Zusammenhang freilich steht die Geschichte der Strudelwerdung für eine erst in jüngerer Zeit verlernte Fähigkeit des austriakischen Wesens, die für seine Größe und Beständigkeit im Lauf der Geschichte von nicht zu überschätzender Bedeutung war: die Lust an der Befruchtung durch fremde Einflüsse und Kulturen, das gierige Aufsaugen guter Ideen und ihre prompte Verwurstung als genuin österreichische Wesensform. Das Resultat ist ein äußerst vielseitiger Küchenstil, der durchaus als symbolisch für die austauschende und integrative Kraft von Essen und Genuss betrachtet werden kann. In diesem Sinne: Soll noch einer sagen, dass mit unsereins Mehlspeiskaisern nicht gut Kirschenstrudel essen sei!  (Severin Corti, DER STANDARD, 18.5.2013)

 

  • Getürkt? Der Strudel als Beutegut und Zeugnis kultureller Vielfalt.
    foto: derstandard.at/dabu

    Getürkt? Der Strudel als Beutegut und Zeugnis kultureller Vielfalt.

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