"Haben Sie Billacard?"

17. Mai 2013, 18:34
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Was Sprache in Österreich über räumliche und soziale Herkunft aussagt

Wien - Wien ist anders. "Der Dialekt in Wien wird einerseits stigmatisiert, in bestimmten Kontexten aber auch idealisiert. Seit geraumer Zeit werden hier Kinder aber nicht mehr im Dialekt sprachlich sozialisiert", erklärt Manfred Glauninger, Soziolinguist und Dialektforscher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Was den Dialekt ersetzt, sei auch keine "echte" Standardsprache, sondern ein intendiertes "Hochdeutsch", eine Annäherung. "In der nächsten oder übernächsten Generation wird in Wien der Dialekt im heutigen Sinn in der Alltagskommunikation nicht mehr da sein."

Migrationssprachen verändern - anders als in früheren Tagen - die gesprochene Sprache derzeit unauffälliger. Im 19. Jahrhundert war das noch anders: Die Einwanderungswelle Tschechisch und Slowakisch sprechender Menschen hat das Wienerische damals relativ rasch stark verändert. Im 20. Jahrhundert laufe das anders ab: "Die Zuwanderergruppen sind oft per se stigmatisiert." Übernommen werde vor allem aus dem prestigeträchtigeren Englisch. Wenn Einwanderer aus der Türkei oder vom Balkan einen Einfluss auf den Sprachgebrauch haben, kommen die Veränderungen möglicherweise erst nach einigen Generationen zum Vorschein. Und dann vielleicht weniger lautlich, sondern in grammatischen Strukturen: "Ich fahr mit Bus." "Haben Sie Billacard?" Zunehmend höre man mögliche Hinweise, aber das sei noch nicht untersucht.

Der starke Abbau des Dialekts in Wien stellt jedenfalls einen wesentlichen Unterschied zum restlichen Österreich dar. "Selbst wenn die Leute hochsprachennahe sprechen, kann man gewisse regionale Merkmale erkennen, die eine Kärntner, steirische oder Tiroler Herkunft verraten." Trotzdem verändert sich auch in den Bundesländern der Dialekt laufend. Kleinräumige Dialekte transformieren sich zu großräumigeren Ausgleichsformen.

Ein regionales Selbstbewusstsein, das sprachlich kodiert ist, unterliegt offenbar einem West-Ost-Gefälle. Allein Oberösterreich fällt aus dem Rahmen: "Trotz der Nähe zu Wien und hohen Industrialisierungsgrads ist die regionale Identität sehr stark ausgeprägt." In Linz hört man Jugendliche in der Straßenbahn Dialekt sprechen. In Wien sei das fast ausgeschlossen, in Graz nicht mehr selbstverständlich. Dem West-Ost-Gefälle entsprechend wird Dialekt im Westen Österreichs auch viel weniger mit sozialer Herkunft assoziiert. "In Vorarlberg und Tirol ist Dialekt nicht unbedingt ein sozialer Marker", sagt Glauniger. "Je weiter man nach Osten kommt, desto stärker ist eine gewisse soziale Markierung über Sprache da." Standardsprache sei aber nicht mehr prinzipiell mit "sozial oben" assoziiert.

Auch Politik und Technik hinterlassen Spuren in der Sprache: "Die Globalisierung scheint eine Gegentendenz ausgelöst zu haben, die kleinräumigere Formen, Identitäten, Rahmen sucht", sagt Glauninger. Die Digitalisierung führe mit Chats und SMS zu einer "geschriebenen Mündlichkeit". Auch da komme viel Regionales hinein. Angst, dass sprachliche Vielfalt im globalen medialen Rahmen des Internets verschwindet, sei unbegründet. "Es werden immer wieder Formen gefunden werden, die sich einer vermeintlichen Einheitssprache entgegensetzen." Man werde immer Möglichkeiten finden, um Sprache zu variieren und dabei zusätzliche Informationen, etwa Gruppenzugehörigkeit, zu kodieren.

Einem Sprachpurismus steht Glauninger skeptisch gegenüber. Es gebe ohnehin "eine ganz spezifisch österreichische Ausprägung der Standardvarietät der deutschen Sprache". Die verschiedenen Varianten, selbst in der "Hochsprache", böten ein zusätzliches Spektrum an Möglichkeiten. Man verstehe "Januar" oder "Blumenkohl" auch in Österreich. Mehrere Formen könnten nebeneinander existieren. " Sprachliches Nationalisieren lehne ich ab." (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 18.5.2013)

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