Die Zivilisierung der Stadt

Kolumne17. Mai 2013, 18:23
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Unsere Metropolen sind Wachstumstreiber einer globalen Weltwirtschaft, die sich aus dem Schatten der Finanzkrise erhebt

Die Hälfte der Menschheit - 3,5 Milliarden - lebt heute in Städten. Unsere Metropolen sind Wachstumstreiber einer globalen Weltwirtschaft, die sich aus dem Schatten der Finanzkrise erhebt. Bangalore, meine Heimatstadt, steht - mit Unternehmen wie Infosys und Wipro - an der vordersten Front des wirtschaftlichen Wandels Indiens. Laut Forbes ist sie eine der am schnellsten wachsenden Städte des nächsten Jahrzehnts, und die Investitionen fließen in Strömen.

Zwischen 1970 und 2010 wuchs die Stadtbevölkerung Indiens um 250 Millionen. Die nächste Viertelmilliarde wird nur die Hälfte der Zeit brauchen. 2030 wird wohl 70 Prozent des BIPs in den Städten erwirtschaftet.

Die Sorgen der Bürger Bangalores, die bald zu den Wahlurnen schreiten, sind allerdings nicht nur wirtschaftlicher Natur. Die Lebensqualität vieler Bewohner hat in den letzten Jahren abgenommen. Die Städte sind mit dem Zufluss von Migranten überfordert. Die wachsenden Metropolen bieten zwar Arbeitsplätze, aber es mangelt an Infrastruktur. Viele arme Stadtbewohner leben daher in Elendsvierteln ohne angemessene Gesundheitsvorsorge, Wasserversorgung und Elektrizität.

Oft hindern Korruption oder Unfähigkeit die Behörden daran, strenge Planungsrichtlinien aufzustellen. Die Ausgaben für Infrastruktur sind entweder zu gering oder zu wenig gezielt. Arbeiter kehren abends in dunkle, feuchte und deprimierende Wohnungen zurück. Auf schlecht beleuchteten Straßen fühlen sie sich unsicher und haben kaum Parks oder Freizeiteinrichtungen in ihrer Nähe. Die Morgen- und Abendstunden verbringen sie beim Pendeln auf verschmutzten Straßen.

Die schnellen wirtschaftlichen Verbesserungen für viele Stadtbewohner in Indien, China und anderswo hatten zur Folge, dass Regierungen die Auswirkungen schlechter Stadtplanung ignorieren konnten. In chinesischen Fabriken hat es bereits Streiks gegeben. Vor ein paar Jahren wäre dies noch undenkbar gewesen.

Von den zehn am dichtesten bewohnten Städten der Welt liegen sieben in Indien. Die städtische Verschmutzung trug im Vorjahr zu 620.000 Todesfällen in Indien bei, die meisten von ihnen unter den Ärmsten der Armen. Die Zahl der Inder, die in Elendsvierteln wohnen, hat sich im letzten Jahrzehnt verdoppelt und ist nun größer als die Bevölkerungszahl Großbritanniens.

Laut der Wirtschaftsberatung McKinsey muss Indien in den nächsten zwei Jahrzehnten mindestens 1,2 Billionen Dollar in die städtische Infrastruktur investieren, das entspricht pro Kopf jährlich 134 Dollar. Momentan beträgt dieser Wert nur 17 Dollar, verglichen mit 116 Dollar in China und 292 Dollar in den USA.

Will Indien seine Wettbewerbsfähigkeit beibehalten, müssen die Stadtgebiete dramatisch verbessert werden. Laut McKinsey benötigt Indien jährlich 700-900 Millionen Quadratmeter an neuer Wohn- und Geschäftsfläche, 350-400 km Untergrundbahnen (das 20-Fache dessen, was im letzten Jahrzehnt gebaut wurde) und 19.000-25.000 km zusätzliche Straßen.

Trotz aller Nörgelei möchten die Bewohner der indischen Städte eine Zukunft schaffen, in der ihre Lebensqualität zu den weltbesten zählt. Zu diesem Zweck habe ich den Nammu-Bengaluru-Preis ("Unser Bangalore") ausgeschrieben. Es gilt die zu würdigen, deren Vision einer Stadt nicht nur wirtschaftlichen Erfolg, sondern auch Lebensqualität beinhaltet. (Rajiv Chandrasekhar, DER STANDARD, 18.5.2013)

Rajiv Chandrasekhar ist unabhängiges Mitglied des Rajya Sabha, des Oberhauses des indischen Parlaments. Er war Gründer von BPL Mobile und ist Geschäftsführer des Risikokapitalunternehmens Jupiter Capital. © Project Syndicate, 2013. Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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