"Ohne Migranten gäbe es nur noch Hälfte der Vereine"

19. Mai 2013, 12:00
150 Postings

Im Unterhaus des Wiener Fußballs spielen die verschiedensten Kulturen zusammen. Beim hundert Jahre alten WS Ottakring führt die Mischung zuweilen zu Reibung. Das erzeugt aber auch Wärme

Wien - Es war ein wenig schade, dass am Donnerstagabend über das Treffen zwischen dem WS Ottakring und dem FC Polska nach der Halbzeit beim Stand von 3:0 für die Gastgeber der Mantel des Flutlichtausfalls gebreitet wurde. Die Partie zwischen dem Zehnten und dem 15. der Oberliga A, die mit ihrer transdanubischen Entsprechung (Oberliga B) die zweithöchste rein wienerische sowie fünfthöchste österreichische Spielklasse im Fußball darstellt, war vor dem Abbruch nämlich durchaus ansehnlich - leicht einseitig, aber ansehnlich.

Weshalb es auch fast einer Zumutung gleichkam, dass einer der 20 Zuseher auf dem Kunstrasenplatz des Trainingszentrums des Wiener Sportklubs sein Eintrittsgeld zurückverlangte. Manfred Modli, geistig schon mit den möglichen Folgen des Abbruchs beschäftigt, gab dem Begehren mit einem Seufzer statt, wies also die Kassiererin an, die fünf Euro "meinetwegen" auszuzahlen.

An Modli, seit 1994 Obmann des Wiener Sportvereins Ottakring, verweist der Landesverband, wenn man sich dafür interessiert, wie eine Fußballmannschaft jenseits des Profitums funktioniert, deren Spieler vielfältigen migrantischen Hintergrund haben.

Engagement und Anliegen

Nicht immer problemlos, aber insgesamt gut funktioniert so eine Mannschaft, sagt der 67-Jährige, der auch Präsident des Wiener Kanuverbandes und noch für einige Wochen Vizepräsident des Wiener Sportklubs ist. Unwissende könnten das auf gut Wienerisch Gschaftlhuberei nennen, Modli nennt es Engagement. Und für dieses Engagement wird ihm auch Respekt gezollt. 42 Jahre, bis zu seiner Pensionierung, wirkte Modli in der Postsparkasse, seit 32 Jahren ist er Funktionär, "und es war mir immer ein Anliegen, die Jugend zum Sport zu bringen."

Dass das zunehmend zu einer Integrationsaufgabe wurde, liege an der Wandlung der Bevölkerungsstruktur im Bezirk. Modli sagt, dass ihm jede Nationalität im Verein willkommen ist, nur Disziplin und ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl fordere er ein. "Wer sich nicht einfügt, marschiert."

Dass seine Spieler aus unterschiedlichen Kulturen und zudem aus allen möglichen Schichten kommen, helfe, eine Gemeinschaft zu bilden. "Ohne die Migranten", sagt Modli, "gäbe es in Wien außerdem nur noch die Hälfte der Vereine."

Zug der Zeit

"Für viele Spieler ist diese kurze Zeitspanne, sind die 90 Minuten auf dem Rasen die einzige Chance, ihrem schwierigen Alltag zu entkommen", sagt Mehmet Akagündüz. Der selbstständige Rechtsanwalt erlernte den Fußball wie sein Bruder, der ehemalige österreichische Teamstürmer Muhammet Akagündüz, beim WS Ottakring. Mehmet Akagündüz, der selbst auch die Bundesliga (Ried, FC Tirol, WSGS Wattens) schmückte und unverdrossen für seinen Stammverein stürmt, neigt nicht zu Romantisierungen. Die WS Ottakring, über den Vorläuferverein ASK Graphia mehr als hundert Jahre alt, wurde nämlich im Gegensatz zu vielen Wiener Vereinen gleicher Preisklasse nicht von Migranten gegründet. "Es gab immer eine österreichische Führung", formuliert Akagündüz relativ unscharf. In den vergangenen zehn Jahren sei der "Ausländeranteil beim Klub wie im ganzen Bezirk sehr hoch" geworden.

Dass der Fußball Kulturen vereine, kann Akagündüz, der gegen Polska sein achtes Saisontor erzielte, unterschreiben. Innerhalb der Mannschaft seien die türkischen, kroatischen, albanischen, slowenischen oder mazedonischen Wurzeln, die im Kader des WS Ottakring zu finden sind, flott einmal vergessen. Der kulturelle Mix wirke sich dagegen nach außen hin aus. "Wir sind als Gruppe sicher emotionaler als andere." Das schlage sich zuweilen in unnötigen roten Karten nieder. Auch Spielabbrüche soll es schon gegeben haben.

Zwischen Erfolg und Ramadan

Seine Spieler seien aus ihrer Kultur heraus auch leichter zu provozieren, sagt Trainer Thomas Wasserrab zur Verteidigung. "Die gegnerischen Spieler wissen schon, welche Worte da besondere Reaktionen hervorrufen." Und seine Leute würden schnell einmal zur Rudelbildung neigen.

Wasserrab spielte lange Jahre bei Post SV, beendete beim WS Ottakring seine Karriere und ist seit 2011 Cheftrainer. Hin und wieder muss er allerdings in der Reserve einspringen. Der 44-Jährige wird von seinen Spielern für das Gespür gelobt, mit dem er die eigentlich inhomogene Gruppe zusammenhält. "Es gibt natürlich auch Spannungen, aber Erfolg macht vieles leichter." Zuweilen muss der Coach ein Auge zudrücken, etwa wenn türkischstämmige Spieler nicht zum Training erscheinen, weil gerade Fenerbahce Istanbul im Fernsehen zu sehen ist. "Oder wenn im Ramadan abends das Essen und Trinken wichtiger als das Kicken ist. Ich stell mich dann eben dazu und esse auch etwas."

Bedenklich findet Wasserrab, dass es im Wiener Unterhaus die Tendenz gibt, Mannschaften mit Spielern nur aus einer Nation zu bilden. Der FC Polska ist da ein Beispiel, Royal Persia (2. Klasse B) ein anderes.

Höhere Gewalt

Ein Statement für die Vielfalt gibt dagegen der WS Ottakring wie mittlerweile fast 60 weitere Vereine mit der Unterstützung der von der Stadt-SP ins Leben gerufenen Aktion "Fußball hat viele Gesichter" ab. Das zweite von drei unter diesem Titel firmierende Turnier haben bei den Herren Wasserrabs Ottakringer gewonnen.

Die Chance, die abgebrochene Partie gegen den FC Polska auch noch zu gewinnen, stehen gut. Obmann Modli hofft, dass nicht zum Nachteil der Gastgeber strafverifiziert, sondern zu einem anderen Termin fertig gespielt wird. "Schließlich ist der Ausfall des Flutlichts ja höhere Gewalt." Eintrittsgeld gab's trotzdem zurück. (Sigi Lützow, DER STANDARD, 18./19. Mai, 2013)

  • Artikelbild
    foto: der standard
  • Coach Thomas Wasserrab gibt den Spielern des WS Ottakring einiges zu bedenken.
    foto: corn

    Coach Thomas Wasserrab gibt den Spielern des WS Ottakring einiges zu bedenken.

  • Und Stürmer Mehmet Akagündüz gibt den Gegnern einiges zu bewachen.
    foto: corn

    Und Stürmer Mehmet Akagündüz gibt den Gegnern einiges zu bewachen.

  • Manfred Modli ist Obmann des WS Ottakring und auch sonst aktiv.
    foto:corn

    Manfred Modli ist Obmann des WS Ottakring und auch sonst aktiv.

Share if you care.