Diplomatie und Realität: Syrien gibt es nicht mehr

Kommentar17. Mai 2013, 17:45
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In absehbarer Zeit wird niemand mehr Kontrolle über das gesamte Land ausüben können

Es sind zwei Parallelwelten: die Welt der Syrien-Di­plomatie und die andere – eine Hölle –, in der die Menschen in dem Bürgerkriegsland leben. Zwar hat die syrische Regimearmee zuletzt Terrain zurückgewonnen, gleichzeitig drehen sich die Zentrifugalkräfte immer schneller: Der Aufmacher der New York Times am Freitag etwa zitiert einen Experten, der das Zerbrechen Syriens als bereits vollzogen ansieht. In absehbarer Zeit wird niemand mehr Kontrolle über das gesamte Land ausüben können.

Gerade deshalb haben sich Russland und die USA darauf verständigen können, dass ein vielleicht letzter Versuch für eine diplomatische Lösung nötig ist. Das würde eine Einbeziehung – in irgendeiner noch nicht klaren Form – des Assad-Regimes und seiner Verbündeten in eine Übergangszeit bedeuten. Damit kann sich aber ein Teil der internationalen Gemeinschaft und vor allem aus guten Gründen der Großteil der Opposition nicht abfinden.

Das Dilemma aller kann als "israelisches"  bezeichnet werden, denn in Israel sind die beiden Denkschulen zu Syrien am schärfsten ausgeprägt: Die eine würde zwar Assad keineswegs nachtrauern, letztlich wäre er ihnen als Nachbar aber lieber als radikale sunnitische Islamisten. Die andere stellt über alles, dass durch den Untergang Assads die Achse Iran–Hisbollah–Syrien zerschlagen würde. Und während man sich nicht entscheiden kann, läuft die Zeit ab, in der man irgendetwas beeinflussen konnte. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 18.5.2013)

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