Erinnerungsprojekt: Badens jüdische Geschichte neu erzählt

19. Mai 2013, 09:00
34 Postings

Vier ehemalige Badener Schüler holen einen Teil der jüdischen Geschichte der Stadt virtuell in die Gegenwart zurück. Dieses Kapitel des Kurorts findet sich noch kaum im Stadtbild wieder

Baden – Die drittgrößte jüdische Gemeinde in Österreich vor 1938 war Baden. Und von den Urlaubern, die die Kurstadt bereisten, machten Touristen jüdischen Glaubens rund drei Viertel aus. Dann kam der "Anschluss". Zwei Jahre später galt die Stadt offiziell als "judenfrei". Heute stößt man in der Stadt kaum irgendwo auf Hinweise auf ihre jüdische Vergangenheit.

"Es ist, als ob wir niemals existiert hätten", schrieb die jüdische Emigrantin Fritzi Sen-Gupta einmal an Elie Rosen, Präsident der jüdischen Gemeinde Baden. Der Satz steht auf einer Broschüre eines Projekts, das am Freitag präsentiert wurde – und genau daran etwas ändern soll.

Vier ehemalige Badener Schüler, zwischen 22 und 25 Jahre alt, haben das Erinnerungsprojekt "Jewish History Baden" initiiert und umgesetzt. Erste Stiftung, Nationalfonds, Zukunftsfonds und Private unterstützten das Projekt finanziell. Herzstück ist eine Website, auf der die jüdische Geschichte der Stadt über verschiedene Medienkanäle erfahrbar wird: Da gibt es einen virtuellen Rundgang über den (nicht öffentlich zugänglichen) jüdischen Friedhof, alte Fotos von Badener Geschäftsleuten, Zeitungsausschnitte und Videos.

Dabei erfährt man beispielsweise etwas über Geschäftsleute wie die Milroms, die in der Mozart­straße einen Gemischtwarenhandel hatten. Das Geschäft bestand bis 1938. Nicht allen Familienmitgliedern gelang die Flucht, Regine Milrom wurde nach Litzmannstadt deportiert. Szame Milrom wurde in Jugoslawien ermordet.

Ergänzend zur Internetseite werden in der Stadt an wichtigen historischen Punkten Tafeln mit QR-Codes angebracht. Scannt man diese Codes mit dem Smartphone, erfährt man mehr über den jeweiligen Ort oder die Person, die dort gelebt hat. Vier Tafeln sind bereits montiert, es sollen noch mehr werden. Zum Teil stehen dazu aber noch Gespräche mit Privateigentümern an.

Die interaktiv präsentierten Materialien stammen aus Privatsammlungen, Büchern, alten Zeitungen und Archiven, die das ­Projektquartett zusammengetragen hat. Bei jedem Mausklick wird stets auch die Quelle sichtbar.

In einer sogenannten Schicksalsdatenbank können Nutzer auch nachverfolgen, was mit jüdischen Badenern geschehen ist. Auf einer Zeitleiste lässt sich zudem die gesamte Geschichte der jüdischen Gemeinde – von den ersten Ansiedlungen im 14. Jahrhundert bis zur Eröffnung der renovierten Synagoge Grabengasse 2005 – nachvollziehen. Es dauerte Jahre, bis die Finanzierung für deren Wiederaufbau stand.

Dass die Synagoge jahrzehntelang dem Verfall ausgesetzt war, sei als "Symbol für die Nicht-Aufarbeitung der Geschichte"  zu verstehen, hieß es laut Rosen einmal von der Historikerkommission. "Es freut mich", so Rosen, "dass man heute ein anderes Resümee ziehen kann."(Gudrun Springer, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

  • Die Familie Milrom betrieb in Baden ein Gemischwarengeschäft in der Mozartstraße 10. Ein Projekt erinnert an wichtige Adressen des jüdischen Gemeindelebens in Baden vor 1938.
    foto: privatsammlung rosen

    Die Familie Milrom betrieb in Baden ein Gemischwarengeschäft in der Mozartstraße 10. Ein Projekt erinnert an wichtige Adressen des jüdischen Gemeindelebens in Baden vor 1938.

Share if you care.