Im Frühling hängen Hochdruckgefühle in der Luft

17. Mai 2013, 17:39
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Die New Yorker Philharmoniker mit Dirigent Alan Gilbert

Wien - Hat es auch Methode, so ist es doch auch mit ein wenig Wahnsinn behaftet: Mehr als zwei Wochen lang war das New York Philharmonic bei seiner Frühjahrs-Europatour unterwegs. Am Dienstag war es noch in Dresden; die nächsten drei Tage dann gab es drei Programme im Konzerthaus: mit Mozart, Bruckner, Tschaikowsky, Mussorgski, Bernstein und dem Zeitgenossen Christopher Rouse.

Dass den Orchestermitgliedern bei all dem ein wenig schwindlig geworden wäre, war nicht zu beobachten, wohl aber die perfekte Routine, die einen solchen Betrieb erst ermöglicht. Am Donnerstag also bot man eines jener Programme, mit denen Chefdirigent Alan Gilbert für frischen Wind sorgen möchte, wobei die symphonischen Welten von Bernstein und Tschaikowsky durch ein hohes Maß an Pathos verbunden waren.

Nichts weniger als Platons Symposion hat Bernstein 1954 in seiner Serenade in Töne setzen wollen. Aber weder die vibrierende Kantabilität des Geigensolisten Joshua Bell noch das präzise Räderwerk des Orchesters konnten das zwischen Hochdruckgefühlen und Tonsatzübungen changierende Stück ausreichend dringlich erscheinen lassen - auch wenn sich Bell sehr bemühte, seinen Part als zwingend darzustellen. Ansonsten exekutierten der Dirigent und seine Musiker das Stück mit einem geradezu beängstigenden Grad an Akkuratesse.

So war das auch bei Tschaikowskys 6. Symphonie (Pathétique): Technisch gab es da praktisch nichts zu bemäkeln, es sei denn, dass die Linien dort, wo sie von einer Instrumentengruppe zur nächsten übergehen, zuweilen wie verloren in der Luft hingen. Aber das ging wohl mehr auf die grundsätzliche Annahme zurück, dass sich aus der Reproduktion der Noten das Stück dann schon ergeben würde.

Stattdessen jedoch erhoben sich sowohl luxuriöse Kantilenen der Streicher als auch die mit der Genauigkeit eines Lasergewehrs abgefeuerten Blechbläsersalven, als wüssten sie nicht, wo vorn und hinten ist: So ergab das eher eine Symphonic Library mit fein säuberlich schubladisierten Einzelelementen als ein lebendiges Ganzes. Manchmal kann es auch im Frühling ganz schön kalt sein.  (Daniel Ender, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

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