Was die Korbflechter den Vogelfängern voraus haben

19. Mai 2013, 17:00
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Vogelfang im Salzkammergut und Korbflechten im Steirischen Vulkanland zählen zum immateriellen Kulturerbe Österreichs - In der symbolischen wie in der praktischen Bedeutung liegen große Unterschiede

Von "Erzählen im Montafon"  bis "Schmieden in Ybbsitz" reicht die Liste des immateriellen Kulturerbes in Österreich, die derzeit 62 Einträge umfasst.

Die Dreistufenlandwirtschaft im Bregenzerwald findet sich da ebenso wie das Heilwissen der Pinzgauerinnen, das Maultrommelspiel oder Roman, die Sprache der Burgenland-Roma. Aber auch der Vogelfang im Salzkammergut, gegen den manche Tierschützer Sturm laufen. Als "Mittel zur Förderung von Annäherung und Verständnis zwischen den Menschen"  scheint er damit nur bedingt geeignet.

Fast vergessene Handwerkstechnik

Das war freilich nur eines der Motive des Unesco-Übereinkommens zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes. Es wurde 2003 von der Generalversammlung der UN-Kulturorganisation beschlossen und 2009 von Österreich ratifiziert. Dabei geht es vor allem um die Erhaltung der kulturellen Vielfalt unter dem Konformitätsdruck der Globalisierung, um nachhaltige Entwicklung, um die "Seele"  des materiellen Kultur- und Naturerbes. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber auch nicht gut von einem globalen kulturellen Einheitsbrei.

Erst vor kurzem wurde die Korbflechtkunst im südoststeirischen Vulkanland in die Liste aufgenommen. Diese uralte Handwerkstechnik war schon fast vergessen, als sie Ende der 1990er-Jahre durch einige ältere Korbflechter wiederbelebt wurde. Inzwischen machen auch immer mehr junge Leute mit, aus den wöchentlichen Flechterrunden haben sich weitere gesellschaftliche Aktivitäten entwickelt.

Korbflechten steht geradezu paradigmatisch für das, wozu immaterielles Kulturerbe genutzt werden kann: Aus nachwachsendem regionalem Rohstoff machen Menschen mit besonderen Fähigkeiten maßgeschneiderte Produkte.

Und genau darum geht es bei einem Projekt, in dem ebenfalls das Steirische Vulkanland eine Schlüsselrolle spielt: Mit seiner Erfolgsgeschichte in nachhaltiger Regionalentwicklung ist es führender Partner eines von der EU kofinanzierten Unternehmens: Cultural Capital Counts (CCC) vernetzt seit Mai 2011 zehn Regionen aus sechs Ländern (Österreich, Deutschland, Italien, Slowenien, Ungarn, Polen). Im Sichten und Sammeln des jeweiligen immateriellen Kulturerbes und im regelmäßigen Erfahrungsaustausch wird nach Wegen gesucht, dieses Erbe für die Regionalwirtschaft zu nutzen.

Art Handbuch für nachhaltige Regionalentwicklung

Die Erkenntnisse sollen in eine Art Handbuch für nachhaltige Regionalentwicklung einfließen. Im Haus der Regionen in Kornberg zieht Projektleiter Michael Fend für seine Region eine Zwischenbilanz. Eine der größten Überraschungen für ihn sei das viele, auch praktizierte Wissen der Menschen über Selbstversorgung. Daraus könne man viel für regionale Versorgung lernen, denn: "Je mehr wir uns von der globalisierten Lebensmittelproduktion abkoppeln, desto besser sind wir für die Zukunft aufgestellt."

Schon 2008 zeigte eine Umfrage im Vulkanland, dass nachhaltige Regionalentwicklung die Landflucht bremsen, wenn nicht stoppen kann. 32 Prozent aller zwölf- bis 18-jährigen Jugendlichen schickten den Fragebogen zurück. Von ihnen wollen 92 Prozent die Region nicht oder nur vorübergehend verlassen. Für Fend auch ein Beweis für die Zukunftsfähigkeit des immateriellen Kulturerbes – "wenn man das Feuer schürt und nicht die Asche konserviert". (DER STANDARD, Josef Kirchengast, 19.5.2013)

  • Mit einem riesigen Korb setzten sich die südoststeirischen Flechter in Gniebing bei Feldbach ein lebendiges Denkmal.
    foto: josef kirchengast

    Mit einem riesigen Korb setzten sich die südoststeirischen Flechter in Gniebing bei Feldbach ein lebendiges Denkmal.

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    Die Spanische Hofreitschule fällt in die Kategorie der "mündlich überlieferten Traditionen und Ausdrucksformen" .

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    "Wissen und Praktiken in Bezug auf Natur und Universum" : der nicht unumstrittene Vogelfang im Salzkammergut.

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