Notenbanken sitzen auf Milliarden-Risiken

20. Mai 2013, 18:04
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Der IWF lobt die Notenbanken, die mit einem Kraftakt eine Depression verhindert hätten. Die Risiken in den Büchern sind aber gewaltig

Washington/Wien - Sie haben Zinsen auf Rekordtiefs gesetzt und Rekordsummen in die Märkte gepumpt, um die Wirtschaft wenigstens nicht ganz einbrechen zu lassen. Die Rolle der internationalen Notenbanken wurde nun vom Internationalen Währungsfonds (IWF) analysiert. Der findet zwar viel Lob, weil die Maßnahmen Schlimmeres verhindert hätten. Allerdings werden auch die Risiken beleuchtet, die sich insbesondere durch den Ankauf von Wertpapieren ergeben.

Dieses "Quantitative Easing" wurde ergriffen, weil von den niedrigen Zinsen keine stimulierende Wirkung auf die Konjunktur ausging. Egal ob Staatsanleihen, Immobilienkredite oder andere Schuldverschreibungen: Insbesondere die Notenbanken der USA, Japans und Englands nahmen so ziemlich jedes Papier in ihre Bücher, um die Wirkung der niedrigen Leitzinsen sicherzustellen, und trieben damit die Kurse dieser Wertpapiere nach oben. Wenn die Zinsen bei einer Erholung der Wirtschaft steigen und die sich gegenläufig dazu bewegenden Kurse absacken, wird das die Währungshüter treffen.

Szenarien

Der IWF hat dabei mehrere Szenarien erstellt: Ein Worst Case, bei dem die kurzfristigen Zinsen um sechs Prozentpunkte, die langfristigen um 3, 75 Prozentpunkte steigen, würde beispielsweise die japanische Notenbank mit bis zu 7,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts belasten. Die Fed sähe sich mit Verlusten von mehr als vier Prozent, die Bank of England von knapp sechs Prozent des BIP konfrontiert. Addiert man die Zahlen, kommt man in diesem Szenario auf ein Ausfallsrisiko von umgerechnet knapp einer Billion Euro. Die EZB wurde nicht einbezogen, da sie nur in sehr geringem Ausmaß als Wertpapierkäufer, dafür umso stärker als Geldverleiher für die Banken auftrat.

Laut IWF handelt es sich dabei nicht nur um Buchverluste, sondern um realisierte Abgänge. Die aufgekauften Wertpapiere seien nämlich großteils mit langen Laufzeiten versehen. Sie müssten also bei einem Anziehen der Konjunktur auf den Markt geworfen werden, um die Expansion der Geldpolitik umzukehren. Da diese Abschichtung nicht kurzfristig erfolgen kann, wären die Notenbanken mit weiterhin niedrigen Zinsen auf die bereits angeschafften Schuldscheine konfrontiert. Gleichzeitig müssen sie zur Reduktion der Geldmenge Liquidität von den Banken einziehen und auf diese Reserven zu hohen Zinsen bedienen.

Einbußen für Staaten

Auch in einem realistischeren Szenario, das die Periode 1993 bis 1995 als Vergleich heranzieht, sind die Verluste beachtlich: Sie beliefen sich auf zwei Prozent (USA) bis 4,3 Prozent (Japan) des Bruttoinlandprodukts. Die Einbußen wären für die betroffenen Staaten von Bedeutung, blieben doch die üppigen Gewinnabführungen der Notenbanken aus. Zudem würde diese Entwicklung wohl auch Rekapitalisierungen der monetären Zentralstellen erforderlich machen. Zudem befürchtet der IWF, dass die Beendigung der Geldschwemme zu Turbulenzen an den Märkten führen könnte, indem große Schwankungen bei Kapitalflüssen und Wechselkursen auftreten.

Nicht zuletzt wird der Ausstieg aus der expansiven Politik für die hoch verschuldeten Staaten zur Herausforderung. Die niedrigen Zinsen waren nicht gerade ein Anreiz dafür, die öffentlichen Finanzen zu sanieren. Um die Stabilität der Haushalte nicht zu gefährden, könnte der politische Druck auf die Zentralbanken steigen.

All diese Gefahren beschreibt der Internationale Währungsfonds ausführlich. Um dann doch zu dem Schluss zu kommen: Die positiven Effekte der unkonventionellen Maßnahmen überstiegen die potenziellen Kosten des Nichtstuns deutlich. (as, DER STANDARD, 18.5.2013)

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    IWF-Chefin Christine Lagarde hat Zuckerbrot und Peitsche für US-Notenbanker Ben Bernanke parat: Seine Eingriffe bisher waren nützlich, doch jetzt sitzt er auf einem gewaltigen Berg an Risiken.

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