"Machen Sie mal Österreich! – Soll ich da jodeln oder Walzer tanzen?"

Gespräch18. Mai 2013, 12:00
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Muttersprachenlehrerin Maja Jurčić, Sozialarbeiterin Manuela Synek und Jugendforscher Manfred Zentner über migrantische Rucksäcke, transkulturellen Unterricht, bunte Nationalflaggen und "Heimfahren" in zwei Richtungen - Moderiert hat Olja Alvir

STANDARD: Haben wir in Österreich eine Multikulti-Schule?

Jurčić: Ja, haben wir. Zum Beispiel unsere Schule, die Neue Mittelschule Schopenhauerstraße 79. Die ist ein Beispiel für eine multikulturelle Schule – ich nenne sie eine internationale Schule. Da kommen jeden Tag Schülerinnen und Schüler aus circa 24 verschiedenen Nationen und fünf Religionen in eine Klasse mit durchschnittlich sechs, sieben anderen Muttersprachen als Deutsch zusammen. Wir erleben diese Multikulturalität täglich als Normalität und Selbstverständlichkeit.

STANDARD: Es gibt aber auch genug Schulen, wo dies nicht so selbst­verständlich ist und in denen es Schwierigkeiten mit derlei Vielfalt gibt. Was sind die größten Herausforderungen, die eine Migrationsgesellschaft an die Schule stellt?

Zentner: Meines Erachtens ist eine der größten Herausforderungen, sich überhaupt als Migrationsgesellschaft akzeptieren zu können. Wir sind längst in der Phase der Transkulturalität angekommen, in der es zwischen den Kulturen Vermischungen gibt, die unreflektiert gelebt werden. Als Aufnahmegesellschaft müssen wir lernen, mit der Vielfalt umzugehen und nicht die "Einfalt"  zu suchen.

STANDARD: Spielen diese Fragen nach Transkulturalität und Migration denn auch im Alltag der Jugendlichen eine Rolle?

Synek: Sehr unterschiedlich. Erst müssen wir uns überlegen: Von welchem Alter sprechen wir? Es gibt ein Alter, wo sich diese Fragen nicht stellen, wo's ganz andere Herausforderungen im Leben gibt, wo es um Identitätsfindung geht. Meine Erfahrung mit Jugendlichen ist: Je älter sie werden, desto mehr wird "Kultur"  zum Thema. Was sie sehr wohl beschäftigt, ist, dass sie sich teilweise hier fremd fühlen. Da ist die Aufnahmegesellschaft gefragt, die Jugendlichen willkommen zu heißen und ihnen eine Heimat zu bieten. Sie sind ein Teil unserer Gesellschaft, und sie gehören hierher, und es ist gut, dass sie da sind.

Zentner: Migration hat früher geheißen: Ich gebe den Kulturkreis, aus dem ich gekommen bin, auf. Das passiert heute nicht mehr. Man ist tagtäglich über alle möglichen Netzwerke mit der "Heimat"  verbunden und ist mobiler.

Jurčić: Unsere Kinder haben oft zwei Heimatländer und nicht nur eines. Weil sie zum Beispiel in den Ferien nach Kroatien, Bosnien, Serbien fahren und dann sozusagen aus beiden Richtungen, je nachdem, wo sie sind, sagen können: "Ich fahre jetzt heim."

STANDARD: Wie kann Schule damit sensibel, affirmativ und nicht trennend – jedem Kind sein Fähnchen umhängend – umgehen?

Jurčić: Bei uns gibt es da beispielsweise ­trilingualen Unterricht in Deutsch/Türkisch/BKS (Bosnisch/Kroatisch/Serbisch). Auch fächerübergreifend. Es wird außerdem so unterrichtet, dass die Individualität der Kinder und ihre Stärken betont werden.

STANDARD: Man muss durch einen Betonungsprozess, um zur Selbstverständlichkeit zu kommen?

Zentner: Nein, das müsste man nicht. Nur aufgrund der Tatsache, wie sich die politische Lage seit den 1990ern entwickelt hat: mit einer "Das Boot ist voll" -Propaganda. Aber gleichzeitig möchte man ja die besten Köpfe von überall, damit Europa führende Wirtschaftsmacht wird. Damit wird nicht nur nach Herkunft unterschieden, sondern auch noch eine soziale Abstufung gemacht. Grundsätzlich wäre es nicht notwendig, die Vielfalt per se zu betonen. Man nehme Kindergärten, wo dergleichen noch keine Rolle spielt, und da funktioniert das perfekt. Die Kinder lernen drei, vier Sprachen einfach dadurch, dass sie miteinander spielen.

STANDARD: Wann fängt die Trennung der Kinder im Hinblick auf den sogenannten Migrationshintergrund an?

Zentner: In der Volksschule vielleicht. Man macht dann so etwas, wie die Fahnen der Herkunftsländer aufzuhängen oder Leute zum interkulturellen Tag einzuladen – mit der Bitte, sie sollen etwas aus ihrer Heimat mitnehmen. Das ist katastrophal. Was soll man denn da mitnehmen? Aus dem 16. Bezirk irgendwas? Das ist lächerlich. Ich frage mich das auch immer wieder, wenn ich unterwegs bin und man quasi sagt: "Machen Sie mal Österreich!"  Bitte, was soll ich darstellen? Soll ich jodeln? Oder Walzer tanzen? Was tun? Wofür soll das stehen?

STANDARD: Woran liegt es, dass dieses Denken noch da ist? Ist das ein Mangel der Lehrerausbildung?

Synek: Wenn man sich die Lehrer – gerade im AHS-Bereich – anschaut, dann sind das meistens Menschen, die selbst gute Schüler, gute Schülerinnen waren, und die keine Schwierigkeiten in der Schule hatten. Wenn wir von bilingual sprechen, dann sprechen wir noch immer von Deutsch/Englisch oder Deutsch/Französisch – nicht von Deutsch/Türkisch, Deutsch/BKS, Deutsch/Arabisch: der anderen Bilingualität. Die Qualität dieser Zweisprachigkeit wird in der Lehramtsausbildung nicht gesehen. Hinzu kommt, dass die meisten Lehrer aus schulbildungsnahen Familienverhältnissen kommen und nichts mit dieser Problematik und der Lebenswelt migrantischer Jugendlicher anfangen können.

STANDARD: Wie viele der "Probleme" , die Migration in der Schule verursacht, sind soziale Fragen (Einkommen, Wohnsituation etc.)?

Zentner: 95 Prozent. Ich glaube, dass die große Mehrheit über die sozioökonomische oder soziokulturelle Schicht läuft und nicht ­darüber, welche Migrations­geschichte in der Familie vorherrscht. Bildungsherkunft und Bildungsaspiration sind stärkere Faktoren. Da können sich zum Beispiel eine bildungsnahe tsche­tschenische und österreichische Familie ähnlicher sein, als man glauben möchte.

STANDARD: Die Elterngeneration hat ja einige Konflikte "importiert" . Jugoslawienkrieg, Türken-Kurden-Problem etc. Tragen die Jugendlichen diese Konflikte auch aus? Inwiefern tragen sie, die zur Vielfalt der Gesellschaft beitragen, auch zur Vielfalt der Konflikte bei?

Synek: Ich habe das Gefühl, dass Jugendliche stärker durch Medien beeinflusst sind als durch die Eltern. Aber es kommt darauf an, ob die Kinder selbst aus Krisengebieten kommen und entsprechende Erlebnisse haben oder nicht.

Jurčić: Ich stimme zu. Bei uns in der Schule spürt man diese Pro­bleme jedenfalls überhaupt nicht, auch nicht, dass etwas vom Elternhaus ausginge, eher von problematischem Medienkonsum.

STANDARD: Alles auf die Medien zu schieben – damit macht man es sich aber auch etwas einfach.

Zentner: Ich denke, dass diese Jugendlichen einen besonderen Rucksack mit sich tragen und wir als Gesellschaft auch die Pflicht haben, uns damit auseinanderzusetzen.

STANDARD: Ist dieser "Rucksack"  daran schuld, dass bei migrantischen Jugendlichen auch eine vermeintlich "patriotische"  Radikalisierung zu beobachten ist, eine Orientierung nach außen, mit Blick auf die fremde Heimat?

Zentner: Ja, und was man auch sieht, ist ein Punkt, der ganz massiv gekommen ist: die Bedeutung der Religion. Die Rückbesinnung auf traditionelle Werte, teilweise auf stark beeinflussende Ideologien, die unsere säkulare Haltung ablehnen. Ich glaube, dass die Eltern selbst manchmal überrascht sind, das zu beobachten. Das ist ein Zeichen für das Phänomen der Heimatsuche. Man findet keinen Platz und sucht eine Stütze.

Synek: Je niedriger die Bildung und je weniger die Jugendlichen sich selbst als Teil dieser Gesellschaft begreifen, desto mehr dienen Religion, Tradition, Kultur der "Heimat"  als Anker für die Identitätsfindung.

STANDARD: Wie kommen wir von dieser "österreichischen Lösung"  zu einem sinnvollen Umgang mit Vielfalt in der Schule und unter den Jugendlichen?

Synek: Ius soli. Geburtsortprinzip. Hier geboren, österreichischer Staatsbürger, wenn ich mich auf einen Punkt beschränken müsste.

Zentner: Migrationspädagogik für Österreicher. Am Willkommenheißen arbeiten – wir haben zu viel Angst.

Jurčić: Mehr Lehrerinnen und Lehrer für muttersprachlichen Unterricht und den von Anfang an. (DER STANDARD, 18.5.2013)

Manfred Zentner (47) ist am Institut für Jugendkulturforschung in Wien für Forschung und Fortbildung sowie internationale Kooperationen zuständig.

Manuela Synek (53) ist Diplomsozialarbeiterin und leitet des Projekt "Back Bone – Mobile Jugendarbeit im 20. Bezirk" (Brigittenau) in Wien.

Maja Jurčić (42) ist Muttersprachenlehrerin für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch in der Neuen Mittelschule in der Schopenhauerstraße 79 in Wien.

  • Jugendforscher Manfred Zentner, Sozialarbeiterin Manuela Synek und Lehrerin Maja Jurčić (re.) kennen jugendliche Lebenswelten mit und ohne sogenannten Migrationshintergrund, die Konflikt­zonen und Bewältigungsstrategien.
 
    foto: heribert corn

    Jugendforscher Manfred Zentner, Sozialarbeiterin Manuela Synek und Lehrerin Maja Jurčić (re.) kennen jugendliche Lebenswelten mit und ohne sogenannten Migrationshintergrund, die Konflikt­zonen und Bewältigungsstrategien.

     

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