Van der Bellen: "Grüne wollen nicht, dass es anderen schlecht geht"

Interview17. Mai 2013, 18:42
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Alexander Van der Bellen über das Feel-good-Image der Partei und seine allfälligen Bedenken gegenüber einem Ministeramt

STANDARD: Laut jüngster STANDARD-Umfrage sind Grün-Wähler die glücklicheren Menschen - was meint der Wissenschafter dazu?

Van der Bellen: Das ist keine schlechte Nachricht, aber Umfragen haben sich auch schon öfter geirrt. Grundsätzlich glaube ich aber, dass grüne Sympathisanten eher nicht arbeitslosigkeitsgefährdet sind und trotz der Krise eine Perspektive sehen.

STANDARD: Sie selbst haben unlängst wieder zu rauchen begonnen. Derzeit nicht happy?

Van der Bellen: Die Sucht hat leider wieder zugeschlagen, obwohl ich in einem Seminar alles begriffen habe, was sich da im Gehirn alles abspielt und wie blöd das ist, zur Zigarette zu greifen. Aber ich bin zu schwach.

STANDARD: Ihre Partei ist auf dem Sprung in die fünfte Landesregierung. Kann und soll sich die Salzburger Landesgruppe auf eine Koalition mit der ÖVP und dem Team Stronach einlassen?

Van der Bellen: Ich würde das ernsthaft erwägen, auch wenn ich die handelnden Personen dort nicht kenne. Aus strategischer Sicht könnte man so die rot-schwarze Aufteilung des Landes, wenn schon nicht beenden, aber so doch etwas anknabbern.

STANDARD: Und auf Bundesebene? Wäre Frank Stronach für die Grünen ein Partner?

Van der Bellen: Ich bin Stronach vor Jahren in einer Fernsehdiskussion begegnet und muss feststellen, dass er sich seitdem kaum gebessert hat. Die anderen im Team kenne ich noch vom Parlament, damals waren alle noch beim BZÖ. Aber trotzdem: Auch auf Bundesebene muss man die Option mit Stronach im Auge behalten - ich würde das nicht a priori ausschließen und es im Fall des Falles einfach auf das Verhandlungsergebnis ankommen lassen.

STANDARD: Ihre Nachfolgerin Eva Glawischnig sieht das anders. Sie möchte Sie jetzt außerdem als besonders ministrabel positionieren. Glauben Sie, dass Sie in einem Regierungsamt glücklich werden könnten?

Van der Bellen: Denkbar ist vieles, aber meine Vorstellung vom persönlichen Glück ist davon weit entfernt.

STANDARD: Weil das Ministerdasein komplett Ihrer Wesensart widerspricht? Sie müssten oft schnell zuspitzen, statt lange abzuwägen.

Van der Bellen: Sie sprechen mir aus der Seele. Momentan fühle ich mich ja noch in Wien sehr wohl.

STANDARD: Apropos Wien: Maria Vassilakou würde hier am liebsten das 1223 Kilometer lange Radnetz grün einfärben - nicht etwas zu viel Aktionismus extra fürs Wahljahr?

Van der Bellen: Nein. Es ist nicht blöd, Fußgänger darauf hinzuweisen: " Achtung, hier ist ein Radweg!" Ich selbst bin ja übers Alter hinaus, in dem ich Radl fahre.

STANDARD: Täuscht das grüne Feel-good-Image nicht darüber hinweg, dass es bei Ihrer Regierungsbeteiligung viele neue Steuern für die eigene Wählerschaft gäbe - auf Vermögen, aufs Autofahren, aufs Rauchen?

Van der Bellen: Vorsicht! Erstens: Für die unteren und mittleren Einkommen wollen wir die Steuern senken. Und wo soll die Gegenfinanzierung herkommen? Durch Energiesteuern und/oder durch Besteuerung hoher Erbschaften. Zweitens: Die Grünen sind keine Klientelpartei wie die ÖVP. Grüne Wähler sind in hohem Maß gut situiert, haben sozusagen im Kapitalismus Fuß gefasst, wollen deswegen aber nicht, dass es anderen schlecht geht. Und wegen alledem sind bei uns solche Vorschläge weniger riskant als bei allen anderen Parteien. (Nina Weissensteiner, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Alexander Van der Bellen (69) war von 1997 bis 2008 Bundessprecher der Grünen. Im Juni 2012 wechselte er vom Parlament in Wiens Gemeinderat.Anders als die grüne Chefin Glawischnig würde Van der Bellen Stronach nicht als Koalitions-partner ausschließen - obwohl "er sich kaum gebessert hat".

  • "Auch auf Bundesebene muss man die Option mit Stronach im Auge behalten - ich würde das nicht a priori ausschließen und es im Fall des Falles einfach auf das Verhandlungsergebnis ankommen lassen."
    foto: der standard/corn

    "Auch auf Bundesebene muss man die Option mit Stronach im Auge behalten - ich würde das nicht a priori ausschließen und es im Fall des Falles einfach auf das Verhandlungsergebnis ankommen lassen."

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