Wohngemeinschaft mit Krümelmonster

    19. Mai 2013, 20:56
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    Barbara Schlachter, Obfrau des Vereins Famos, lebt mit Lebensgefährtin und Sohn in ihrer umgebauten ehemaligen Studenten-WG

    Barbara Schlachter ist Obfrau des Vereins Famos, der sich mit Interessen von Regenbogenfamilien befasst. Mit Lebensgefährtin und Sohn wohnt sie in einer zu kleinen Wohnung in Wien, wie Wojciech Czaja erfuhr. 

    "Ich wohne hier schon seit fast 20 Jahren. Früher war das eine Studenten-WG mit vielen Minizimmern und ständigem Ein- und Ausziehen. Später dann habe ich hier allein gewohnt. Ich habe die Trennwand im Wohnzimmer abgerissen und das Ganze in eine schöne Single-Wohnung verwandelt. Ich hatte sogar ein eigenes Tonstudio mit Mischpult! Das war Luxus. Nun ist wieder alles anders. Seit 2008 lebe ich hier mit meiner Lebensgefährtin Sissi und unserem gemeinsamen vierjährigen Sohn Theo.

    Barbara Schlachter und kein Händchen fürs Wohnen: "Dass das Wohnzimmer wie ein Wohnzimmer ausschaut, ist meiner Freundin Sissi zu verdanken." (Foto: Lisi Specht; Bildansicht durch Klick vergrößern)

    Die Wohnung hat circa 80 Quadratmeter. Ich fühle mich hier nach wie vor wohl, vor allem aufgrund der Lage, mit Prater, Augarten und Donaukanal vor der Haustür. Aber ich muss gestehen: Zu dritt ist die Wohnung fast schon zu klein. Man kann sich nur schwer zurückziehen. Es fehlen 20 Quadratmeter und ein Balkon. Ich glaube, dann wäre die Wohnung perfekt! Das Zentrum ist das Wohnzimmer. Dass das Wohnzimmer auch wie ein solches aussieht, ist meiner Lebensgefährtin zu verdanken. Sie ist die Kreative von uns beiden. Sie kann mit Raum und Farbe umgehen und ist handwerklich geschickt. Das liegt wohl auch daran, dass sie Architektin ist. Jedenfalls profitiere ich sehr davon, denn ich habe einfach kein Händchen dafür.

    Dass die Bilder an der Wand hängen und nicht immer noch im Eck lehnen, ist ebenfalls Sissis Verdienst. Die Porträts sind von meiner Mutter. Seitdem sie in Pension ist, entdeckt sie ihre Leidenschaft fürs Malen. Eine lustige Anekdote: Als ich vor fünf Jahren regelmäßig nach Klosterneuburg zur Geburts­vorbereitung musste, haben mich immer meine Eltern gefahren, und meine Mutter nutzte die Zeit zwischendurch, indem sie nach Gugging ins Haus der Künstler fuhr und dort gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstler malte. Ich finde, sie hat einen guten, kräftigen Strich entwickelt. Passt gut zu uns.

    Der Rest ist zusammengetragen. Die meisten Möbel sind unaufregende Durchschnittsware aus diversen Möbelhäusern. Stolz bin ich auf den Couchtisch. Das ist eine Holztischplatte aus Peru. Sie stammt aus den Siebzigerjahren und ist mit inkaischen Mustern verziert und geschnitzt. Ich bin ja Halbperuanerin. Nur die provisorischen Tischbeine erfüllen noch nicht ihren stilistischen Zweck.

    Ansonsten leben wir wie jede andere Jungfamilie auch mit vielen bunten Kinderzeichnungen, mit Lego und Duplo überall und mit einem riesengroßen Krümelmonster auf der Couch. Generell ist die soziale und juristische Situation für Regenbogenfamilien in Österreich schon viel besser als noch vor einigen Jahren. Ein Kindergartenkind oder Schulkind mit zwei Müttern oder zwei Vätern? Das ist heute nicht mehr ganz so exotisch!

    Was ich mir für die Zukunft wünsche? Als Vereinsobfrau von Famos wünsche ich mir, dass sich die Situation in Österreich bald normalisiert. In den nächsten Monaten wird sich viel tun, Stichwort Stiefkindadoption. Der Entwurf für die Änderung des Adoptionsrechts befindet sich gerade in Begutachtung und soll am 1. Juli in Kraft treten. Ab dann werden auch homosexuelle, verpartnerte Paare ein Kind adoptieren können. Ein erster Schritt. Und als Familienmutter wünsche ich mir, dass wir bald umziehen! Ich will hier nicht alt werden. Wir halten bereits Ausschau nach einer neuen Wohnung mit Balkon, Terrasse oder Garten. Dann können wir an einem lauen Sommerabend endlich draußen sitzen und ein Glas Wein trinken." (DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

    Barbara Schlachter, geboren 1970 in Salzburg, studierte Publizistik und Musikwissenschaft. 1996 begann sie, für den ORF zu arbeiten, zunächst als Praktikantin bei Ö3, später dann als Produzentin. Seit 2000 ist sie Produzentin bei FM4. Nebenbei ist sie ehrenamtliche Vereinsobfrau von Famos, einer 2011 gegründeten Interessenvertretung für Regenbogenfamilien, also für homosexuelle Paare mit Kindern bzw. mit Kinderwunsch. Der Verein hat rund hundert Mitgliedsfamilien. Eine genaue Erhebung, wie viele Regenbogenfamilien in Österreich leben, gibt es nicht.

    Link

    regenbogenfamilien.at

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