"Da muss irgendwann eine Blase platzen"

Interview17. Mai 2013, 17:48
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Ökonom und Autor Max Otte kritisiert die Zentralbanken für eine Politik gegen den Mittelstand und warnt vor Blasen als Konsequenz niedriger Zinsen

Standard: Am Anleihenmarkt gibt es aktuell eine regelrechte Rekordjagd. Selbst für spekulative Ramschanleihen sind die Zinsen in den USA etwa auf weniger als fünf Prozent gefallen. Droht eine Blase?

Max Otte: Die Zinsen sind lächerlich niedrig. Und die Finanzmärkte agieren wie so oft höchst irrational. Wenn man von einem natürlichen Zinssatz von ungefähr vier Prozent auf der Welt ausgeht, dann müsste selbst eine Qualitätsanleihe ungefähr sechs Prozent bieten. Wenn aber die Schrottanleihen nur fünf Prozent abwerfen, die zweistellige Renditen bieten müssten, dann wissen wir, dass da irgendwann eine Blase platzen muss.

Standard: Erst vor fünf Jahren hatten wir eine Kreditkrise. Woher kommt die Blase diesmal?

Otte: Die Notenbanken haben ja diese Blase befördert, weil sie die Märkte mit Liquidität versorgt. Beim Segelflug gibt es dazu ein passendes Phänomen. Wenn Sie den Anstellwinkel vergrößern, werden sie allmählich langsamer. Irgendwann kommt es dann zum Absturz. So eine Situation haben wir gerade.

Standard: Sie sehen also ein Ende der Fahnenstange für die Geldpolitik? Trotz der jüngsten radikalen Maßnahmen in Japan?

Otte: Hätten wir Marktwirtschaft, wäre das Ende schon längst erreicht. Wir haben aber einen schleichenden Übergang in die Planwirtschaft, in dem Sinne, dass Zentralbanken zu Geschäftsbanken werden und Ramschpapiere kaufen. Wenn diese nicht so tricksen würden. Eine Notenbank kauft Ramschpapiere, die sonst keiner mehr haben will. Sie greifen mit immer brutaleren planwirtschaftlichen Methoden in den Geldkreislauf ein und gerieren sich als Geschäftsbanken. Deshalb kann das niedrige Zinsniveau noch eine Zeitlang halten, aber irgendwann muss es platzen. Mit dem massiven Hineinpumpen bekommen sie die Kreditkanäle nicht auf.

Standard: Trotz extrem lockerer Zinspolitik werden kaum neue Kredite vergeben. Warum?

Otte: Wir haben eine Ordnungspolitik, die das spekulative Agieren von Hedgefonds, Family-Offices und toxischen Tradern erleichtert. Gleichzeitig werden über die Bankkapitalregeln Basel II und Basel III die Pipelines zum Mittelstand zugeschnürt. Das ist gewollte oder zumindest in Kauf genommene Politik. Banken können so viel Liquidität schaffen, wie sie möchten, und schaffen damit eine Inflation bei den Vermögenspreisen. Unterm Strich wird dennoch der Mittelständler bestraft. Die Geldmenge kommt nicht an.

Standard: Aber Unternehmen können sich doch über Anleihen immer billiger finanzieren.

Otte: Das ist ein Trend zu Großstrukturen. Ab einer bestimmten Größe können Unternehmen Anleihen emittieren. Der mittlere Mittelstand aber kann das nicht, über die Intervention der Notenbank und über Basel III wird eine brutale Anti-Mittelstands-Politik gemacht. Dabei hat ein kreditbasiertes System viele Vorteile. Es ist nachhaltiger und längerfristig ausgerichtet, es schwankt weniger, und die Banken müssen genauer rechnen.

Standard: Genauer rechnen?

Otte: Als Goldman Sachs in der Krise in eine Geschäftsbank umgewandelt wurde, hat man das Management gefragt, ob es auch ins Bankgeschäft einsteigen und Kredite vergeben möchte. Die Antwort von Bankchef Lloyd Blankfein lautete: "Too risky." Das schnelle Geld geht damit nicht. Das sind zwei unterschiedliche Betriebssysteme des Banking. Das angelsächsische System hat quasi gesiegt, aber das ist nicht unseres in Deutschland oder Österreich. Heute wird Kredit sehr leicht für Spekulation gegeben, aber für reale Investitionen ist es schwieriger.

Standard: Einerseits erreichen die Aktienmärkte neue Rekordstände, andererseits laborieren die Volkswirtschaften an der Finanzkrise. Wie passt das zusammen?

Otte: Sehr gut. Man muss die Rekorde qualifizieren. Denn viele Anleger unterliegen einer optischen Täuschung. Der Indexstand eines Aktienindex wie dem Dax heute ist nicht mit dem vor 13 Jahren zu vergleichen. 8300 Punkte heute sind anders zu bewerten als 8100 Punkte im Jahr 2000. Der Index ist das Preisschild, doch die Aktien sind der Wert. Da müssen sie sich Bewertungsdaten und Gewinne ansehen. Der Dax hat sich im Wert seit dem ersten Hoch im Jahr 2000 sicher verdoppelt oder verdreifacht. Daher passt die Entwicklung sehr gut. Der Dax ist heute gerade fair bewertet, der österreichische ATX unterbewertet.

Standard: Doch Aktien haben in einem Jahr 30 Prozent zugelegt.

Otte: Aber man muss sich Aktien auch im Vergleich mit anderen Vermögensklassen ansehen, wie Immobilien oder klassischer Geldanlage, also Anleihen und Festgeld. Der Dax hat ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 16 oder 17, aber Anleihen mit einem Zinssatz von zwei Prozent entsprechen einem KGV von 50. Alles, was Geldanlage ist, also verzinste Wertpapiere, ist brutal überbewertet, im Umkehrschluss zu den niedrigen Zinsen. Das ist die Folge der Geldschwemme. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 18.5.2013)

 

Max Otte (48) ist ein deutscher Ökonom und Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Seit 2011 ist er zudem Professor an der Universität Graz. Er ist selbstständiger Fondsmanager und Buchautor. In Wien war er auf Einladung des Kreditversicherers Coface.

  • Unterm Strich wird der Mittelständler bestraft. Die Geldmenge kommt nicht an.
    foto: wikipedia

    Unterm Strich wird der Mittelständler bestraft. Die Geldmenge kommt nicht an.

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