Freiheit nach Plan

17. Mai 2013, 19:11
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Die Spannung zwischen Vereinheitlichung und Vielfalt ist in allen Gesellschaftsformen ein Thema. Über den politischen Umgang mit der Entscheidungsfrage "Frei sein oder gleich sein?"

Der österreichische Fußballer Marko Arnautovic fiel in der aktuellen Saison durch verschiedene Dinge auf: Er schoss einige wunderbare Tore für Werder Bremen, für die österreichische Fußballnationalmannschaft hingegen traf er an prominenter Stelle, nämlich bei einer sogenannten Hundertprozentigen gegen Deutschland, nicht. Mehrere Monate erschien er wie ein geläuterter Professional, neulich kam er dann doch wieder negativ in die Schlagzeilen, als er spätnachts auf einer deutschen Autobahn in eine Polizeikontrolle fuhr.

Arnautovic ist eine schillernde Figur. Dass er auch ein wahrhafter Vertreter der Moderne ist, das hat bisher allerdings niemand festgestellt. Und doch ist es so. Denn der Wanderprofi Arnautovic war einer der ersten Fußballer, die durch einen bestimmten markanten Haarschnitt auffielen. Sein "Irokese" trug ihm sogar einen neuen Spitznamen ein: Als HaArnautovic wurde er in deutschen Boulevardmedien einschlägig thematisiert.

Ob Arnautovic zu den Pionieren dieser Mode gehörte, oder ob der brasilianische Jungstar Neymar oder der Berliner Weltstar Kevin-Prince Boateng früher dran waren, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Aber es ist auch ohne Belang. Wichtig ist, dass heute fast jeder zweite Kicker zwischen der Stamford Bridge und Hütteldorf die Haare seitlich und hinten angeschoren trägt, oder anders gesagt: mit einem geschwollenen Haarkamm aufläuft.

Differenzierung als Arbeit

Der "Irokese" ist zu einer Mode geworden, und damit unterliegen seine Träger einer Dynamik, die sich in vielen anderen Bereichen auch beobachten lässt: Wo viele sich unterscheiden wollen, kommt oft dasselbe heraus. Vielfalt schlägt immer wieder in Monotonie um, und wo das nicht so ist, hört zumindest die Arbeit der Differenzierung nie auf.

Die Mode ist deswegen ein so interessantes Feld zur Beobachtung dieser Phänomene, weil sich in ihr individueller Ausdruck mit allgemeinen Umständen kreuzt. Ein Trend wird erst einer, wenn er geteilt wird. Und schon gehört er einem nicht mehr, sondern wird zur Signatur einer Gruppe oder gar eines neuen Mainstreams. Es gibt kaum ein Feld, auf dem sich dies nicht in bestimmten Entsprechungen ebenfalls erkennen ließe, ob das nun die Tomatenzucht oder der Tourismus, die populäre Kultur oder der Fußball ist.

In allen Bereichen entsteht aus dem Wechselspiel zwischen Vielfalt und Vereinheitlichung, Diversifizierung und Komplexitätsreduktion eine Dynamik, die geradezu als das grundlegende Momentum der Moderne erscheinen könnte, also jener aus Europa hervorgegangenen Epoche, die den Kapitalismus, die freie Marktwirtschaft und die Menschenrechte entwickelt hat, aber auch Totalitarismus und Faschismus, die Konzentrationslager und die Gulags.

Der Verweis auf die politischen Großexperimente im 20. Jahrhundert lässt bereits erkennen, dass hinter dieser Dynamik eine konstitutive Spannung menschlicher Gesellschaften steckt: Freiheit und Gleichheit lassen sich niemals vollständig miteinander vermitteln, es wird immer ein Rest bleiben, der nicht aufgeht, entweder kommt das eine zu kurz oder das andere.

In den westlichen Wohlstandsgesellschaften ist ein Lebensstil möglich geworden, der auf maximaler Individualität beruht: Zur Pasta gibt es eine Sauce mit Sortenminze aus dem Biomarkt, zur Rückenstärkung fliegt man zu einem Yoga-Retreat in den Süden, die prächtigen Kinder lernen schon mit drei Jahren Chinesisch. Es ist ein Lebensstil, der auf vielen sorgsam getroffenen Differenzentscheidungen beruht, der aber eine Schattenseite hat: Er ist, global gesehen, nicht vertretbar. Denn wenn alle so leben würden, wäre die Erde schon 2030 drei, vier Grad wärmer, und in 70 Jahren wäre sie unbewohnbar.

Die maximale praktische Freiheit, die sich in einer enormen Vielfalt von Optionen äußert, widerspricht also einer theoretischen Norm vertretbarer Gleichheit, die im Grunde allen Menschen ein jährliches Energiequantum zuteilen würde, das deutlich unter dem Verbrauch in den westlichen Ländern liegt. Das wäre dann aber Planwirtschaft oder Dirigismus, und würde dem Freiheitsideal widersprechen, auf dem nicht nur die Marktwirtschaft beruht. Sie gilt als das System, das am meisten Vielfalt hervorbringt, sowohl auf der Seite des Angebots als auch auf der Seite der Nachfrage, und zwar deswegen, weil diese beiden Faktoren einander wechselseitig auf Trab halten.

In den kommunistischen Systemen hingegen gab es eine Partei, einen Plan, und von den meisten Produkten eine bestimmte Version, zum Beispiel den Trabant, der für die meisten Menschen in der DDR gleichbedeutend mit dem Personenkraftwagen an sich war. Der Kommunismus befand sich mit dieser so ja gar nicht beabsichtigten Politik der Verknappung aber keineswegs in einer Gegenposition zur Moderne. Im Gegenteil stellten die planwirtschaftlichen Systeme in vielerlei Hinsicht eine Radikalisierung von deren Idealen dar. Effizienz ist eine der bestimmenden Ideen, die immer wieder auf Vereinheitlichung hinauslaufen. Das Fließband, an dem die Arbeiter in drei Schichten stehen und das niemals stillstehen muss, bringt eine unendliche Vielzahl von gleichen Produkten hervor - die Industrialisierung mit ihren Innovationen brachte den Kapitalismus erst so richtig in Schwung.

Der real existierende Sozialismus glaubte von sich, hier einfach den nächsten logischen Schritt zu machen: Was für die Produktfertigung galt, konnte doch auch für den neuen Menschen als solchen gelten. Er könnte gleichsam auch gesellschaftlich gefertigt werden wie ein Produkt, an dem nichts mehr zu beanstanden ist. Und für seine Bedürfnisse könnte durch planvoll angelegte Kombinate gesorgt werden.

Parzelliertes Interesse

Der vermeintlichen Rationalität dieses Modells standen die lebensweltlichen Realitäten entgegen, die eben immer komplizierter und vielfältiger waren, als es die Gesellschaftsingenieure jemals in den Griff hätten bekommen können. Die kommunistische Landwirtschaftspolitik ist ein besonders gutes Beispiel für die Spannungen, die sich hier zu erkennen geben: Aufgezwungene Monokulturen führten zu Hungersnöten, während die kleine Parzelle des tolerierten Eigeninteresses hinter dem Haus immer wieder das Überleben von Menschen sicherte.

In den freien Gesellschaften sind die Verhältnisse heute gar nicht so viel anders. Nun sind es die Agrargiganten, die durch Saatgutdominanz und Patentansprüche dafür sorgen wollen, dass auf der ganzen Welt die gleichen Tomaten gegessen werden. Und unweigerlich provozieren Monsanto und Syngenta aber Gegenbewegungen. Auf den Bauernmärkten ist die Vielzahl von "alten Sorten" beeindruckend groß, selbst bei den Diskontsupermärkten liegen inzwischen nicht mehr nur die roten Wasserbälle herum.

Der Kommunismus schuf übrigens auch auf dem Gebiet der Mode ein Paradigma für die vereinheitlichende Dynamik der Moderne. Die Mao-Uniform in China stellte den markantesten Versuch dar, das komplexe Ausdruckssystem Bekleidung auf eine einfache Form umzustellen. Gegen die Farbenpracht der feudalistischen, "reaktionären" Ordnung gab es hier Monochromie und Uniform, also neuerlich ein Ideal von Gleichheit, und einen Versuch, die Unterschiede von Geburt, Gestalt, Geschick hinter einer egalitären Anmutung aufzuheben.

Und auch dazu gibt es eine Entsprechung in den freien Gesellschaften: Der klassische Herrenanzug, die Business-Uniform par excellence, zu der es längst auch Entsprechungen für Frauen gibt, beruht ebenfalls auf einem Ideal von Funktionalität, das es prinzipiell zuerst einmal ermöglicht, dass unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und unterschiedlichen Hierarchieebenen einander gegenübertreten können, ohne sich lange mit Komplimenten für prächtigen Häuptlingsschmuck oder elegante Sarifaltung aufhalten zu müssen. Gleichzeitig lässt auch das Funktionalitätsideal des Anzugs wieder genügend Spielräume, um auf subtile Weise dann doch neue Unterschiede einzuführen: Schnitt und Stoff, und zuletzt natürlich die Haltung des Trägers, machen nur zu deutlich, dass Anzug keineswegs Anzug ist.

Im Gegenteil kann man sich mit einem schlecht sitzenden Anzug heute fast noch unmöglicher machen als mit einem anderen, auffälligeren Stilfehler. Und mit Regeln wie dem "Casual Friday" reagiert die Berufswelt auf die Einsicht, dass mit einer radikal konformen Belegschaft vielleicht nicht das Optimum an Produktivität herausgeholt werden kann, und so wird die Erlaubnis, sich an einem bestimmten Tag in einem Aufzug nach eigenem Gutdünken ins Büro setzen zu dürfen, zu einer Form des "Diversity-Managements", das ja längst alle Firmenkulturen erreicht hat.

Und auch die Vorstellungen einer zukünftigen Arbeitswelt sind davon geprägt, dass das technologische Ideal der einheitlichen Brigade (wie wir es in so mancher Roboterkolonne im Science-Fiction-Kino noch vorgeführt bekamen) durch anthropomorphe Helfermaschinen ersetzt wird. Der Android, der in fünfzig Jahren die Wohnung putzt, wird menschenähnlich sein und auf individuelle Features programmiert werden können. Eines dieser Features wird dann der klassische Roboter sein, also der Apparat, der sich gerade durch seine technische Differenz zum Besitzer auszeichnet. Und so geht auch hier die Dynamik immer neuer Unterscheidungen zwischen gesetzter Norm und gewünschter Abweichung weiter.

Ära der Übergänge

Eine der größten Ironien liegt sicherlich darin, dass die Moderne selbst als Epoche davon betroffen ist. Zu ihren wesentlichen Charakteristiken gehörte ja nicht zuletzt das philosophische Bestreben, alles Geschehen in der Welt auf ein einheitliches Prinzip zurückführen zu können. Das führte zu Systemen, die entweder im strengen Sinne monistisch waren (also alles auf eine einzige Substanz bezogen), oder aber, wirkungsgeschichtlich wesentlich erfolgreicher, idealistisch. Bei dem deutschen Systemdenker Hegel fallen die wesentlichen Komponenten Sein, Vernunft oder Geist so zusammen, dass die Dinge der Welt davon nur Manifestationen oder Entäußerungen sind.

Eine der Konsequenzen dieses Denkens war, dass die Geschichte vorhersehbar werden konnte. Sie fand dann eben in einer bestimmten Erscheinungsform, etwa in der des preußischen Staats, jene Ausprägung, auf die sich alles zubewegen würde. Dass der Marxismus als Linkshegelianismus begann, wurde zu einer der bedeutsamsten welthistorischen Weichenstellungen und führte letztlich zu einer Planwirtschaft, die von sich glaubte, sie wäre objektiv im Recht. Und diese Erfahrungen einer totalitären Gesellschaftssteuerung führten schließlich dazu, dass die Moderne sich selbstkritisch ihre eigene Nachfolge-Epoche verordnete: In der Postmoderne kehrten alle die vielfältigen Teilphänomene, Heterogenitäten, Spurenelemente zurück, die davor auf dem Altar der einen Großvernunft geopfert worden waren.

Heute befinden wir uns in einer Ära der großen Übergänge, die alles andere als klar erkennen lassen, welche Tendenzen die kommenden Jahrzehnte bestimmen werden. Doch hat das alles zusammenfassende Faktum der Globalisierung zumindest zu einer Vereinheitlichung geführt, die historisch relativ jung ist: Die Bezugsgröße für viele wesentliche Prozesse ist nun der eine Planet Erde, der als fragiles Ökosystem längst erkannt worden ist. Wissenschafter, aber auch Konsumenten, beginnen nun, die vielen Verbindungslinien, die wir mit unserem Verhalten über diesen Globus ziehen, zueinander in Beziehung zu setzen und neue Muster herauszuarbeiten.

Das Reisen ist dabei die Erfahrungsform, bei der viele der Sachverhalte zueinander in Verbindung treten, auf die es ankommt. Auch beim Reisen gab es ja eine Phase der Hochmoderne, die zugleich diejenige des boomenden Massentourismus war. Dabei ging es im Grunde hauptsächlich darum, billige Regionalressourcen (Sonne, Strand, dienstbare Geister) mit den Wohlstandszentren in eine möglichst effiziente Verbindung zu setzen. Die Jesolo-Erfahrung wurde standardisiert - und vom konkreten Ort auch irgendwann unabhängig. Damit wuchs aber folgerichtig das Bedürfnis, dem Wegfahren wieder eine besondere Note geben zu können. Und so differenzierte sich auch dieses Feld so aus, dass es heute nahezu alle Formen gibt: von den Mountainbikern, die hoffen, auf den einsamen Pisten von Aksai Chin nicht von der chinesischen Polizei aufgehalten zu werden, bis zu den jungen Leuten, die halb ironisch wieder in die All-inclusive-Resorts fahren, reicht die Bandbreite der Formen.

Das Reisen zeigt aber auch, dass es zu der Massenabfertigung, die ja auch eine Demokratisierung der einstmals noblen Form des Reisens war, nur in einem begrenzten Maß Alternativen gibt. Denn es stößt, wie im Grunde alle anderen Dynamiken auch, an die Grenze der Ressourcen. Landschaft, zumal außergewöhnliche, ist eines der Naturgüter auf der Erde, von denen eine Menge vorhanden ist. Aber zumeist sind diese besonderen Orte schwer zu erreichen. So kommen Faktoren wie Zeit oder Energie ins Spiel, und jede Erfahrung prononcierter Individualität produziert ihre eigene, kleine Ökobilanz, die das eigene Verhalten wiederum in die allgemeinen Prozesse einspeist.

Ungleichzeitigkeiten

Daraus ergibt sich die politische Frage, deren Dringlichkeit schon einmal deutlicher wahrgenommen wurde als in der Gegenwart: Wie lässt sich das bunte Sammelsurium der Nationalstaaten mit ihrem Systempluralismus, ihren Reichtümern und Kulturen, mit ihren weit auseinanderklaffenden Lebensstandards so auf einen einheitlichen Nenner bringen, dass ein vernünftiges und positives Handeln entsteht? Auch hierauf hat die Moderne eine recht einfache Antwort entwickelt: Sie setzte voraus, dass alle Gesellschaften modern werden müssten, also die "primitiven" Stadien hinter sich lassen müssten.

Nur so könnten die Ungleichzeitigkeiten beseitigt werden, die heute noch zwischen Bauern im chinesischen Hinterland, muslimischen Servicekräften auf den Malediven, usbekischen Rohstoffmagnaten und amerikanischen Tech-Nerds bestehen. Die Moderne wollte für alle diese Ausgangspositionen einen einheitlichen, vernünftigen Rahmen schaffen, ein Gesellschaftssystem, in dem sich die Interessen "wie von selbst" ausgleichen würden und in dem der Gegensatz zwischen Individuum und Masse, zwischen Vielfalt und Vereinheitlichung produktiv aufgehoben wäre. Auf eine gewisse Weise ist das sogar eingetreten, aber ohne dass die Ergebnisse sich als allzu vernünftig erwiesen hätten.

Und so klafft gegenwärtig in unseren Erfahrungswelten etwas radikal auseinander, was für frühere Generationen mit ihren kleineren Lebenswelten kein Problem war. Wir stehen von einer unübersehbaren Vielfalt von Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, aber wir haben als Bezugsgröße nicht mehr nur das eigene Glück und das der nächsten Liebsten, sondern eine einheitliche Weltgesellschaft, die wie ein großes Durcheinander erscheint, und in der doch alles zusammenwirkt. Was das für den kategorischen Imperativ bedeutet, für das allgemeinste formale Handlungsprinzip der Moderne, darüber denken nicht nur die Philosophen heute nach.

Von Marko Arnautovic gibt es übrigens ein Zitat, das darauf hindeutet, dass er in diesen Angelegenheiten noch nicht auf dem neuesten Stand ist. "Ich bin etwas Höheres als du", soll er zu einem Polizisten gesagt haben. Damit reklamiert er eine Ausnahmestellung für sich, die nicht haltbar ist. Vielleicht wollte er diese mit seinem "Irokesen" ja nur unterstreichen. Aber auch das ging nach hinten los. Wie so vieles in der Geschichte.    (Bert Rebhandl, Album, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)


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    Hauptsache monochrom: Militärs der chinesischen Volksarmee stellen sich (2007) dem Fotografen.

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    Die Herren Arnautovic, ...

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    ... El Shaarawy, ...

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    ... Vidal ...

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    ... und Neymar demonstrieren, wie Vielfalt in Monotonie umschlagen kann.

  • Über den Autor: Bert Rebhandl, freier Mitarbeiter des Standard seit 1993, lebt als Kulturpublizist, Filmjournalist und Herausgeber der Zeitschrift "Cargo" in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch über die TV-Serie "Seinfeld" (Diaphanes-Verlag).
    foto: rüdiger schestag

    Über den Autor: Bert Rebhandl, freier Mitarbeiter des Standard seit 1993, lebt als Kulturpublizist, Filmjournalist und Herausgeber der Zeitschrift "Cargo" in Berlin. Zuletzt erschien sein Buch über die TV-Serie "Seinfeld" (Diaphanes-Verlag).

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