Exotisch? Kultur des Miteinander im Lehrplan

17. Mai 2013, 18:58
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Seit 1958 steht in der privaten Berufsschule Spar-Akademie das Fach "Kulturpflege" auf dem Lehrplan

Es geht um Faschingskrapfen und Heringsschmaus, Kriege und Weltreligionen, Herkunft, Geografie und kulturspezifische Feste - eben um Wissen, das man für den Einzelhandel so braucht, so Jörg Schielin, Leiter der Spar-Akademie Wien. In dieser privaten Berufsschule, die der Lebensmittelkonzern im Jahr 2000 von Meinl übernommen hat, steht neben den klassischen betriebswirtschaftlichen Fächern "Kulturpflege" auf dem Lehrplan.

Das Fach soll der Allgemeinbildung und Persönlichkeitsentwicklung der Lehrlinge dienen und ihnen Aufgeschlossenheit vermitteln, zu der es in diesem Beruf schlicht keine Alternative gibt: "Der Handel ist per Definition ein weltoffener Bereich. Daher müssen wir auch offen mit allen Kulturen und Religionen umgehen. Alles andere wäre absurd", sagt Schielin. "Kulturpflege" wird in der staatlich anerkannten Berufsschule seit dem Jahr 1958 gelehrt - wenn auch damals noch mit anderem Hintergrund.

In der "Kulturpflege"-Klasse in Hietzing sitzen zwölf junge Menschen und machen eine "kulturelle Vorstellung": Mihai (20) kommt aus Rumänien, lebt seit zwölf Jahren in Österreich; Patrizia (19) ist römisch-katholisch und in Wien geboren, ihre Mama ist Serbin; Erwin kam im Jahr 2009 von Tschechien nach Österreich; Melanie ist Wienerin und hat keinen anderen kulturellen Hintergrund, wie außer ihr in der Gruppe sonst nur Daniel. Unterrichtssprache ist dennoch die "gemeinsame Sprache Deutsch", damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Auch in den Filialen dürfen die Mitarbeiter "nur im Notfall" mit Kunden in einer anderen Sprache als Deutsch oder Englisch sprechen.

Die Jugendlichen erzählen, was sie in diesem Fach lernen: Warum Muslime kein Schweinefleisch essen und es zu Ostern so viele Eier gibt, woher Halloween kommt und natürlich auch ernste Themen wie den Balkankrieg und kulturelle Konflikte. "Dieses Begegnungslernen ist natürlich auch eine präventive Maßnahme, um Konflikte zu vermeiden", sagt Horst Schachtner, der selbst katholischer Priester ist und den Unterricht seit 1998 leitet - die Lehrenden wurden seit Beginn des Unterrichtsfachs über die Kirche vermittelt. Es würden dennoch alle Religionen gleichermaßen behandelt, ohne Schwerpunkt auf den Katholizismus, sagt Schachtner.

Die rund 320 Schüler der Spar-Akademie kommen aus 27 Nationen, haben 24 verschiedene Muttersprachen und kommen aus 13 unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften - 40 Prozent sind römisch-katholisch, 30 Prozent sind Muslime. Der Unterricht soll einerseits für ein besseres Verständnis und Miteinander unter den zukünftigen Mitarbeitern sorgen, andererseits auch für mehr Feingefühl gegenüber den Kunden - für ihre Bräuche und Feste und daraus resultierend: ihre Einkaufsgewohnheiten.

Als das Fach in den 1950ern eingeführt wurde, ging es noch mehr um Benimmregeln und Volksbrauchtum. "Damals gab es noch keinen einzigen nichtösterreichischen Lehrling, exotisch waren höchstens die zwei evangelischen Schüler - es war also eine pionierhafte Entscheidung, dieses Lehrfach zu etablieren", sagt Schielin. Im Jahr 2010 hat die Spar-Akademie für ihr multikulturelles Lernen den Österreichischen Integrationspreis gewonnen. Trotz des Mehrwerts, den die Schüler aus dem Fach für sich persönlich ziehen können, profitiere aber auch das Unternehmen von der Offenheit für Multikulturalität: "Mit dem Wissen, das im Fach Kulturpflege vermittelt wird, bekommen die jungen Menschen Kompetenz in diesem Bereich, die bei uns unerlässlich ist", sagt Schielin. Die Spar-Akademie gibt es zwar nur in Wien, der Konzern hat aber Vereinbarungen mit den öffentlichen Berufsschulen der anderen Bundesländer getroffen, sodass kulturelle Vielfalt in der Ausbildung aller Lehrlinge ein wesentliches Thema sei. So auch für alle Mitarbeiter, selbst die, die nicht im Unternehmen gelernt haben: "Unsere Lehrlinge sind in fünf Jahren selbst Fachkräfte und Abteilungsleiter und damit Chefs von neuen Leuten - sie leben das System vor. Dadurch schließt sich dann wieder der Kreis." (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 18.5.2013)

  • Für das Unterrichtsfach "Kulturpflege" wurde die Spar-Akademie mit dem Integrationspreis ausgezeichnet.
    foto: standard/hoefinger

    Für das Unterrichtsfach "Kulturpflege" wurde die Spar-Akademie mit dem Integrationspreis ausgezeichnet.

  • STANDARD-Schwerpunktausgabe "Kulturelle Vielfalt".
    foto: standard/hoefinger

    STANDARD-Schwerpunktausgabe "Kulturelle Vielfalt".

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