Endlich ist das Gesäusel weg

17. Mai 2013, 20:55
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Mit zwei erstmals greifbaren Fragmenten zu Thomas Bernhards "Frost" wird ein geheimnisvoller Bruch im Schreiben des Autors sichtbar

Mitte Juli 1962 versprach Thomas Bernhard seinem Freund Wieland Schmied, der damals Lektor im Insel-Verlag war, in vier Wochen einen Roman zu schreiben. Es dauerte zwar ein paar Wochen länger, aber Anfang September 1962 traf das Typoskript von Frost im Verlag ein. Auch wenn Bernhard später noch einiges änderte, dürfte das eingesandte Manuskript dem Roman entsprochen haben, den wir kennen und den man nicht mehr vergisst, wenn man ihn gelesen hat.

Er ist im Mai 1963, also vor genau 50 Jahren, im Insel-Verlag erschienen. Aus diesem Anlass legen Raimund Fellinger und Martin Huber eine Edition von zwei Nachlasstexten vor, die in der ersten Hälfte des Jahres 1962, also unmittelbar vor dem Frost-Manuskript, entstanden sind und zu dessen umwegiger Vorgeschichte gehören. Trotz der vielen Parallelen zum Roman, sogar trotz der vielen wörtlich identischen Passagen, vor allem des Winterspaziergänger-Textes, liegt eine Welt zwischen dem Frost-Roman und diesen beiden doch nur wenige Monate davor entstandenen letzten Varianten.

Argumente eines Winterspaziergängers umfasst eine wahrscheinlich für den Zeitschriftenherausgeber Gerhard Fritsch getroffene "Auswahl" kürzerer, voneinander getrennter Prosabruchstücke des Monologs eines "Doktor", die zum großen Teil in die Rede des Malers Strauch in Frost eingehen werden; das Leichtlebig-Fragment ist die Erzählung von einem Eisenbahner und organisierten linken Gewerkschafter, einem Lenin-Leser, der sich auf einem kurzen Erholungsurlaub in einem Gasthaus bei Schwarzach, der Gegend des Schauplatzes von Frost, einem alten, kranken und verrückten Mann, dem "Doktor", anschließt oder vielmehr von ihm als Begleiter vereinnahmt wird.

In einem genialen Schreibakt im Sommer 1962 ließ der Autor diese Versuche hinter sich, und man könnte sich fragen, warum jetzt das vorangegangene Unzureichende, Schwächere, das mit dem Erscheinen von Frost doch seine Notwendigkeit verloren hat, zum ersten Mal in einer Edition vorgelegt wird.

Die beiden bekannten Bernhard-Editoren sehen den "Bruch" zwischen den nun zugänglich gemachten Typoskripten und dem in sechs Wochen in Wien-Döbling, Obkirchergasse, niedergeschriebenen Roman als ein Rätsel, das sie uns, den Leserinnen und Lesern, weitergeben wollen. Denn dessen Lösung hat nicht nur für das Verständnis von Bernhards Werk, sondern für die deutschsprachige Literatur, und vielleicht überhaupt für unser Verständnis von Literatur nach 1945 eine fundamentale Bedeutung.

Es liegt nun der Ausgangs- und Umschlagpunkt eines Schreibens vor uns, das in Frost tatsächlich als unerhörter, so nie gehörter sprachlicher Gewaltakt empfunden werden kann. Die hellhörigsten Bernhard-Rezensenten in den Sechzigerjahren, Carl Zuckmayer und Ingeborg Bachmann, haben in der wie zwanghaften, auf den Leser Gewalt ausübenden Sprache eine Erfahrung, ein Eingedenken, ein verborgenes Wissen zu vernehmen geglaubt, dem sie, ohne es noch genauer beschreiben zu können, sich nicht entziehen konnten.

"Es wird da etwas zum Anklang gebracht, was wir nicht kennen und wissen, [...], auch mit literarischen Vorbildern kaum vergleichen können und was dem 'Abgrund' Mensch, von dem Büchner sprach, neue Perspektiven erschließt", heißt es in Carl Zuckmayers "Ein Sinnbild der großen Kälte" (Die Zeit, 21. Juni 1963). Und Ende der Sechzigerjahre schreibt Bachmann in einem Fragment gebliebenen Versuch vom "Müssen", von der " Notwendigkeit", vom "Unausweichlichen" aller Bücher von Bernhard, und dass erst eine spätere Zeit erkennen wird, wie sehr sie "die Zeit zeigen", so "wie eine spätere Zeit Kafka begriffen hat".

Hier glaubt sie in der zeitgenössischen Literatur das lange erwartete " Neue" zu finden, das "noch nicht integrierbar" ist, und sie fragt sich, ob hier "ein Ruhm" der "deutschen Literatur" im Kommen ist, "die wie alles auf ihre Sternstunden warten hat müssen" (Thomas Bernhard: Ein Versuch).

Die unvermutete Sternstunde der "deutsche[n] Literatur" ereignete sich in einer heute tatsächlich besser sichtbar werdenden geschichtlichen Konstellation, auch im sprachlichen Ausdruck findet man bei anderen Autoren Anfang der Sechzigerjahre etwas ähnlich Neues. Man könnte von einer Versprachlichung des Zwangscharakters von Politik und Physis (Ingeborg Bachmann) sprechen. "Hier ist jeder Stein für mich eine Menschengeschichte. [...] Alles, jeder Geruch, ist hier an ein Verbrechen gekettet, an eine Mißhandlung, an den Krieg, an irgendeinen infamen Zugriff ... Wenn das auch alles vom Schnee zugedeckt ist", sagt der Maler Strauch in Bernhards Frost. Eine aggressive, wilde, alle Mäßigungen und Harmonisierungen über den Haufen werfende Archäologie setzt in Frost ein und zerschneidet die Verbindung mit der verdrängerischen Nachkriegsliteratur.

Der Index des Schreibens ist das nicht vergehende Nach-dem-Krieg als ein Nach-der-Vernichtung. Unter Mördern und Irren, der Bachmann-Titel aus einer Erzählung, 1961 erschienen, fiel Marcel Reich-Ranicki bei seiner ersten Bernhard-Lektüre ein. Dieser Titel könnte, genauso wie "Politik und Physis", über Hans Leberts Die Wolfshaut (1960) stehen und genauso über den dann folgenden Werken der "Kinder der Toten" (Elfriede Jelinek), die in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu schreiben beginnen.

1963, im Erscheinungsjahr von Frost, begann Peter Handke mit der Arbeit an seinem ersten Roman, Die Hornissen. Mit Frost, bemerkte er später in einem Interview, "war in Österreich endlich das Gesäusel" weg, auf einmal war "Österreich bestimmbar geworden", auf einmal wurde das "Land so hingeschlammt [...]. Mit den Gerüchen, den Geräuschen, mit dem Todesgrausen. [...] dieser Roman war das Bestimmende und bleibt das Bestimmende."

Denkt man an Gerhard Fritsch, in dessen Nachlass sich der "Auszug" aus Winterspaziergang befindet, an Wieland Schmied, dem Bernhard seinen Roman übergab, oder an Alexander Uexküll, dessen Brüsseler Wohnung Bernhard seit den Sechzigerjahren oft als Schreibort wählte, versteht man auch das Nicht-Zufällige der Mentoren von Bernhards Schaffen, die alle eine resistente Idee von einem geträumten anderen Österreich repräsentierten. Uexkülls Vater gehörte zum österreichisch-patriotischen Widerstand gegen Hitler. Er wurde 1944 wegen seiner Verbindungen zum Stauffenberg-Attentat von den Nazis in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Nicht selten werden es in Bernhards Werk die Hocharistokraten sein, die, wie in der Italiener-Erzählung, unmittelbar nach Frost noch 1963 entstanden, nicht loskommen von dem ungeheuren Schmerz bei der Erinnerung an das Massengrab im Schlosspark von Wolfsegg-Österreich und in ihren Studien auf das Scheitern der Arbeiterbewegung angesichts des Ersten Weltkriegs fixiert sind.

Das Rätsel der Frost-Entstehung ist vielleicht nie ganz zu erklären. Bernhard hat später diesen gewaltigen Augenblick der künstlerischen oder wissenschaftlichen Werkentstehung zum Gegenstand seines Schreibens gemacht. Plötzlich, in einer Anstrengung wie mit letzter Kraft, ist es möglich, all das Gedachte oder verworren in einem Liegende niederzuschreiben, die Studie, mit der man jahrelang im Kopf herumging, aufs Papier zu "kippen". Unglaublich und rätselhaft kurz ist manchmal die Entstehungszeit seiner Werke. Der größte Roman, Auslöschung, dürfte in wenigen Wochen im Frühjahr 1982 geschrieben worden sein.

Was wir nun, nach der Edition der letzten Vorstufen zu Frost, textgenetisch beschreiben können, ist die entscheidende Veränderung, durch die aus den Vorstufen Weltliteratur geworden ist. Stenogrammartig zusammengefasst, ist das nun ein konkreter, dramatischer erzählter Landschaftsraum, in welchem Außenwelt und Innenwelt verschränkt werden und die Landschaft zur Gedächtnislandschaft wird; es ist das Narrativ der Reise als Forschungsreise, das nun eingeführt wird; es ist die Aufmerksamkeit für die Sprache, für das Sprechen, für das Zeichensystem der Krankheit im Roman, das sich noch in den kleinsten Gebärden zeigt; es ist die dramatische szenische Verwandlung der Errungenschaften der Moderne, die in Frost zur Erzählsprache wird - die Wittgenstein'sche Analyse der Sprache als "Lebensform", die Freud'sche Analyse für die verborgenen Ich-Katastrophen: "Etwas Unerforschliches zu erforschen. Es bis zu einem erstaunlichen Grad von Möglichkeiten aufzudecken", lautet der Beobachtungsauftrag an den jungen Famulanten, der im Auftrag seines medizinischen Vorgesetzten den alten, verrückten Maler Strauch zu beschreiben hat.

Und es wäre dieser Roman nicht Weltliteratur nach 1945, wenn er nicht in dieser Beobachtungs- und Vermessungswissenschaft etwas Tödliches - die instrumentelle Vernunft - entdecken würde, die der angehende Arzt als Verrat an der medizinischen Wissenschaft sehen lernt. Und es wäre Frost nicht das ergreifende Werk, das er ist, wenn nicht im Maler Strauch das Inbild des Künstlers als Außenseiter zu erkennen wäre, der Ausgestoßene, der Wahnsinnige, der Verfolgte und Ausgesetzte, der Wanderer, der uns an Hölderlin denken lässt, an Büchners Lenz, an Wilhelm Müllers Wanderer und an Jelineks Wanderer und ihre Robert Walser'schen Spaziergänger nach der Shoah.

Oft noch wird Bernhard in seinem Werk auf den King Lear zurückkommen, der für ihn den Künstler als ausgesetzten weisen Narren verkörpert. "Er hatte heute einen roten Rock an", notiert der Famulant am sechsten Tag seiner Aufzeichnungen, "einen roten Samtrock, seinen 'Künstlerrock'. Zum ersten Mal war er angezogen, wie Maler angezogen sind: verrückt! Er zeigte sich in der Frühe von außen, drückte seinen Kopf an die Fensterscheibe, als ich im Gastzimmer saß. Machte sich durch Klopfen ans Fensterkreuz bemerkbar. Ein großer, immer gelber werdender Fleck. Er sei schon um fünf Uhr aus dem Haus gegangen, in der Absicht, 'die Totengeister noch zu erwischen'."  (Hans Höller, Album, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Thomas Bernhard, "Argumente eines Winterspaziergängers". Herausgegeben von Raimund Fellinger und Martin Huber. € 19,50 / 146 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2013

Hans Höller war bis Herbst des Jahres 2012 Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Salzburg. Von ihm erscheint im August im Suhrkamp-Verlag unter dem Titel "Eine ungewöhnliche Klassik nach 1945" ein Buch über das Werk Peter Handkes. Im September erscheinen im Korrektur-Verlag seine Bernhard-Aufsätze unter dem Titel "Der unbekannte Bernhard".

  • Der Künstler als ausgesetzter weiser Narr: Thomas Bernhard, Obernathal 1966.
    foto: johann barth (copyright sepp dreissinger)

    Der Künstler als ausgesetzter weiser Narr: Thomas Bernhard, Obernathal 1966.

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