Das Cannes-Paradigma

19. Mai 2013, 17:06
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Martin Prinz hat eine Villa an der Côte d'Azur bezogen. Dort schaute er zwischen Himmel und Meer, suchte einen Horizont und fand die perfekte Illusion

In der Größe einer ausgewachsenen Katze lag das riesig weiße Kreuzfahrtsschiff neben der Palme in der Bucht von Cannes. Ich saß im Schlafmantel an einem hellen Marmortisch. Vor mir die morgendlich geschlossene Glasfront der Villa, die Palme, die Katze, ein Gärtner-gepflegter Rasen und das Mittelmeer. Der Morgenhimmel war wolkenlos, und es war Frühling. Zumindest für jemanden, der erst am Vortag aus einer Stadt wie Wien gekommen war, wo es auch Ende März bei klirrender Winterkälte noch einmal schneite.

Hier aber genügten ein wolkenloser Himmel und prognostizierte 16 Grad Lufttemperatur, um nach einem Strandlauf ins kaum wärmere Meer zu steigen. Blicklos für das riesengroße weiße Schiff draußen, blicklos für so ziemlich alles, so eng umklammerte einen die Wasserkälte, dass man augenblicklich und für immer das Wort klamm begriff.

Wunder war das keines, nur eine einzige andere Schwimmerin sah ich in den nächsten Tagen während meiner Strandläufe. Denn ob Vegetation, Luft oder Wasser, für hiesige Verhältnisse waren es bestenfalls wärmere Wintertage. Und während jene innere männliche Stimme, die für Vernunft selbst in leidenden Momenten nur ein verschämt offenes Ohr hat, mich auch an den folgenden Morgen zu derartigen Schwimmaktionen trieb, wurde ich von den Leuten an der Promenade in ihren Mänteln und Daunenjacken bestenfalls mit höflichen Blicken bedacht. Tatsächlich brauchte man den Blick nur ein wenig zu heben, in Richtung des Landesinneren, wo die bis weit herunter schneebedeckten Ausläufer der Alpen selbst das größte weiße Schiff nicht als ernsthaften Widersacher ansehen konnten.

Angemessenes Freizeitverhalten

So verständlich es aber nach fünf Monaten Winter war, blauen Himmel, blaues Meer und ein weißes Schiff für den Frühling zu halten, so wenig hatte die Frage, wo ich hier in Wirklichkeit gelandet war, mit den Jahreszeiten und einem darin angemessenen Freizeitverhalten zu tun. Ebenso wenig wie sie erst in den Augenblicken auftauchte, da mir im Meer für einen viel zu langen Augenblick einfach die Luft weggeblieben war.

Vermutlich war sie einfach mit mir angereist, diese Frage, und auch gleichzeitig mit mir angekommen, als sich das Zufahrtstor zu dem Haus oberhalb von Cannes geräuschlos öffnete. Mit all meinen Erwartungen und meinen Vorstellungen von einem solchen Haus, noch ehe ich seine Marmorböden überhaupt erst betrat.

Nur aus dem Film kannte ich solche Häuser. Und vielleicht nannte ich es vom ersten Augenblick an auch deshalb Haus anstatt Villa, da ich mich angesichts eines solchen Anwesens für die Größenordnungen und die Begriffe meines Aufwachsens schämte, in denen man in der niederösterreichischen Pampa bald einmal zu einem Haus Villa sagte.

Ein wenig Schönbrunnergelb, ein geschmackloser Eckturm, weißgekalkte Terrassenbrüstungen sowie billige Skulpturen im Garten reichten dafür schon aus. Die Bucht, das Schiff, das Meer und der Himmel rührten jedoch an etwas ganz anderem, hier in dieser Villa mit ihrem Blick auf die Welt.

Es war am ersten Morgen, als ich mit bloßen Füßen über den leicht temperierten, naturweißen Steinboden in den Wohn- und Esszimmerbereich mit Glasfront in Richtung Bucht gegangen war, dort im Schlafmantel saß und merkte, wie nah einem womöglich gerade in einer solchen Villa mit einer Palme über der blauen Bucht, einem weißen Schiff daneben als Katze, zwei vorgelagerten Inseln und einem Fußboden aus Marmor, die Horizontlinie zwischen Himmel und Meer vor Augen rückte, dass Ende und Unendlichkeit sich zwangsläufig immer berührten.

Genau hier war ich also gelandet. Ich schaute durch das fleckenlose Glas auf die Welt und dachte an die Geschichte eines kaum 25-jährigen Fußballprofis aus Wien, dessen Eltern als Gastarbeiter nach Österreich gekommen waren und mit ihrer Arbeit für das Auskommen ihrer Familie gesorgt hatten, dabei jedoch sicherlich nicht reich geworden waren - bis ihr bereits im Teenageralter als potenzielles Fußballgenie gehandelter Sohn zur hoch dotierten Aktie am Transfermarkt wurde, Vereine in Holland, Italien und Deutschland ihn kauften und bezahlten, wobei hier Summen ins Spiel kamen, die ihm zumindest in Sachen Geld recht gaben, als er einem Polizisten als Reaktion über eine Geldstrafe wegen Schnellfahrens die denkwürdige Antwort gab: "Pass gut auf, ich kann dein Leben kaufen!"

Daran dachte ich in Cannes nicht nur an diesem Morgen. Der Satz des Fußballers war beim Anblick der häusergroßen Motoryachten am Hafen ebenso schnell da wie angesichts der in zuverlässiger Nachbarschaft zu den Nobeljuwelieren und Prêt-à-Porter-Boutiquen situierten Immobilienmakler, den Real-Luxury-Estate-Agencies.

Natürlich, der junge Fußballspieler konnte sogar mehre Polizistenleben kaufen. Essen, Trinken, Wohnungen und Häuser, sogar die Kinder solcher Polizisten und deren Leben gingen sich bei einem derartigen Einkommen aus. Eigentlich alles im Leben, bis auf den Tod. Damit aber nichts, was einem angesichts des Todes wirklich etwas wert ist.

Und das ist letztlich alles, was einem bei der Frage nach dem Glück bleibt - in Cannes womöglich deutlicher als sonst wo. Egal ob hinter den Glasfronten einer Villa über dem Meer oder entlang der Flaniermeilen mit all ihren chirurgisch veränderten Gesichtern, in denen die Augen zwischen leblos, glatten Hautflächen wie in toten Höhlen liegen.

Kulisse der letzten Jahrzehnte

Tatsächlich, so erfährt man schnell beim Blick hinter die Kulissen der letzten Jahrzehnte, war der Küstenflecken auf dem Gebiet des heutigen Cannes mangels natürlichen Hafens die längste Zeit gar nicht besiedelt gewesen. Deshalb gibt es hier - im Unterschied zu Nizza, das die Griechen im Gefolge eines Sieges über die Ligurer gründeten und dementsprechend nach ihrer Siegesgöttin benannten - auch kaum Historisches zu besichtigen: keine antiken Ausgrabungen, keine romanischen, gotischen oder barocken Kirchen, nicht einmal jene Winterresidenzen des europäischen Hochadels, wie sie in Nizza bis heute von der Belle Époque erzählen, haben in Cannes ihre historischen Spuren hinterlassen.

Zwar wurde nach der Entdeckung des kleinen Fischerdorfes in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl mehr oder weniger prächtiger Ferienhäuser gebaut, ein Hafen sowie mit dem Boulevard de la Croisette auch eine kleinere Imitation der Promenade des Anglais. In Wirklichkeit aber war es nach zwei Weltkriegen und der minimierten Rolle des Hochadels im Nachkriegseuropa erst die Gründung der Filmfestspiele 1946, die Cannes zur Hauptstadt einer Welt der Projektionen werden ließ, in denen Startum, Luxus und Unsterblichkeit umso wirklicher erschienen, je weniger Spuren von Wirklichkeit den Schein störten.

Und so wirkt die einzige historische Sehenswürdigkeit des alten Fischerdorfes, das ehemalige Staatsgefängnis auf Sainte-Marguerite, einer der vorgelagerten Îles de Lérins, auch nur auf den ersten Blick als Gegenpol zum heutigen Cannes. Denkt man jedoch an den bekanntesten Gefangenen der Festung, werden das Staatsgefängnis Fort Royal und sein berühmter Insasse auf umso unheimlichere und hellsichtigere Weise zum Paradigma dieses Ortes.

Eine eiserne Maske als Flaschenpost

Dieser Mann war der Mann mit der eisernen Maske. Seine wirkliche Identität gilt noch immer als ungeklärt. Angeblich war er der Zwillingsbruder von Ludwig XIV. und wurde bei einem Putschversuch an dessen Stelle gesetzt. Die Ähnlichkeit der beiden Brüder sei so täuschend gewesen, dass nicht einmal deren Mutter, Anna von Österreich, dies bemerkte. Doch der Putsch missglückte, und der Doppelgänger wurde mit einer Eisenmaske versehen auf der Insel Sainte-Marguerite ins Fort Royal gesperrt.

Heute wirkt die Maske wie eine Flaschenpost. Sie hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können, so deutlich erzählt sie dem ehemaligen Fischerdorf Cannes vom Tod mitten im Leben. Hier, dort und immer dann, wenn man an Glück nur noch als Projektion denken kann. Ob in einer Villa mit Ausblick auf Himmel und Meer, ob in einem Gefängnis auf der Insel davor, in der Illusion eines Filmes oder mitten in einem perfekt operierten Gesicht. (Martin Prinz, DER STANDARD, Rondo, 17.5.2013)

Martin Prinz, geboren 1973 in Wien, ist Schriftsteller und Autor des Romans "Der Räuber", der auch verfilmt wurde. 2010 erschien "Über die Alpen. Von Triest nach Monaco. Zu Fuß durch eine verschwindende Landschaft" (C. Bertelsmann, München), das auf einer Artikelserie im RONDO basiert.

  • In Cannes logieren wie der "Große Gatsby": Das geht im Carlton an der Croisette, wo diese Plakate für den Eröffnungsfilm der 66. Filmfestspiele hängen, oder in einer der immer öfter privat vermittelten Villen.
    foto: epa / sebastien nogier

    In Cannes logieren wie der "Große Gatsby": Das geht im Carlton an der Croisette, wo diese Plakate für den Eröffnungsfilm der 66. Filmfestspiele hängen, oder in einer der immer öfter privat vermittelten Villen.

  • Anreise & Unterkunft
Flug Wien-Nizza zum Beispiel mit Austrian (zweimal tgl.) oder Niki (ein- bis zweimal tgl.). Weiter mit dem Expressbus 210 nach Cannes; Unterkunft: Über die Buchungsplattform Airbnb findet man mittlerweile weltweit außergewöhnliche private Schlafplätze - darunter auch so manches Zimmer in einer Villa oder einem Luxusappartement in Cannes.
Info: www.airbnb.at
    grafik: der standard

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