Babylonischer Bergtreff

17. Mai 2013, 17:14
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Bodo Hells Mütze oder die Liebe zur Literatur. Von Julya Rabinowich

Das Solothurner Festival wurde heuer erstmals von Bettina Spoerri ausgerichtet, und obwohl ich keinerlei Vergleichsmöglichkeiten hatte, da dieses mein erster Besuch in Solothurn gewesen ist, bin ich restlos von ihrem Konzept überzeugt. Leise klang eine Erinnerung die Rauriser Literaturtage an, an meine eigenen ersten Schritte auf dem Literaturseil der Öffentlichkeit, auch deshalb, weil Bettina Spoerri damals meine Laudatorin gewesen ist.

Ein relativ kleiner Ort, der von 100 Schriftstellern und noch mehr Zuhörern geflutet wird, hat etwas sehr Zufriedenstellendes. Das ist es anderen Menschen doch wert, denkt man. Die Anreise, die Aufmerksamkeit, die Zeit, die man sich für Literatur nimmt. Die Zeit, die Arbeit, die man investiert hat, erlebt eine Beantwortung, von Kritikern, Lesern, Freunden oder Feinden. Man stellt sich der Reaktion, und ich sehne mich immer nach Reaktion. Ich unterstelle mal frisch von der Leber weg, dass sich im Grunde jeder Kunstschaffende nach einer Antwort sehnt.

Man kann diese verdammen oder schön finden, allemal ist Schweigen die härteste Rückmeldung. Vor- und Nachteil des kleinen Ortes: Man kann sich nicht aus dem Weg gehen. All die unterschiedlichen Positionen: hautnah und unausweichlich. Die zeitgleich ablaufenden Veranstaltungen - theatrale Einlagen, Lesungen, Diskussionen von Ilma Rakusa, Michael Cunningham, Vea Kaiser oder Jenny Erpenbeck -, die man patchworkartig doch zu einem Stimmenteppich verweben kann, wenn man das vorzeitige Gehen bzw. späte Nachkommen wagt.

Einer der Höhepunkte für mich: das Gesprächsduell zwischen Michael Schischkin und Péter Esterházy über "erste Sätze". Das Vielsprachige war ein Schwerpunkt in Solothurn, das zum babylonischen Treff der Literaturübersetzer mutierte. Wo, wenn nicht in der Schweiz, dort, wo das Mehrsprachige auf der Tagesordnung ist ... dieses Gleichwertige im Unterschiedlichen ist möglich und wird gelebt. Dann der Kampf mit eigenen Befindlichkeiten: Eifersucht, Bewunderung, Inspiration durch Kollegen. Manche würde man am liebsten in die Nase beißen, andere ans Herz drücken. Blöd wird's, wenn das Gegenüber einen in die Nase beißen möchte, während man es noch ans Herz drückt. Die Welt soll unberechenbar bleiben.

Bodo Hell ist meine treue und tröstliche Begleitperson auf der Reise durch die Literatur. Von Beginn an, seit Rauris, treffe ich ihn bei jedem buchaffinen Bergaufenthalt. Ich hoffe, das bleibt so. Ich lese, er liest oder musiziert. Danach erzähle ich von meinem Hund, er von seinen Ziegen. Das reicht uns. Seine Käppchenmodelle sind seit Jahren immer von gleicher Schönheit. Die Welt kann manchmal auch ruhig konstant bleiben.  (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 18./19.5.2013)

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