Bauch, Bein, Po im Reisbrei

Ansichtssache21. Mai 2013, 15:31
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Schwimmblase, Fischlippen, Knofelfrosch und auch sonst fast alles aus dem Wasser: Harald Fidler futtert Hongkongs Fischschuppen leer, Teil 1

Für einen Zugereisten sind Sie ja ganz schön abenteuerlustig. Also sprach der junge Herr Ober, vermutlich der Juniorchefe. Schmecks ist eben keine Kinderjause, aber das hat sich naturgemäß noch nicht bis nach Kowloon durchgesprochen. Und, ja, ich hätte gerne das Signature Dish bei Delicious Congee. Wo ich das, nun, eher einfache Wirtshaus in der Woo Sung Street 75 in Jordan nach zweimal Vorbeigehen doch gefunden habe. 

Bauch, Bein, Po vom Fisch im Reisbrei

Das Signature Dish hier ist Congee, suppiger Reisbrei also, mit Fischbauch, Fischlippen, Rückgrat und Schwimmblase. Also praktisch Bauch, Bein, Po vom Schuppentier. Das wollen Sie also, fragt der junge Mann noch einmal nach. Und hat die Bestellung auch schon in dem kleinen Küchenkabäuschen deponiert.

Au Backe

Einfach macht es einem dieses Congee ja nicht. Zumindest wenn man - Europäer! - doch davor zurückschreckt, an die zehn Zentimeter lange Gräten einfach mit den asiatisch aus dem Fisch gehackten Stücken zu verputzen. Keine Ahnung, wie der Chinese mit Gräten, Rückgrat, Fischkopf verfährt, wenn er das Fleisch davon getrennt hat. Zurück in die Reissuppenschale fallen lassen und beim nächsten Löffeln wieder darauf stoßen? Einfach neben den Tisch spucken? Dagegen spricht der doch ziemlich sauber wirkende Boden. Doch gleich gnadenlos mitschlucken? Ich - Europäer! - ersuchte um ein zweites Schüsserl für die Gebeine.

Schon wieder Fischeraten

Den Fisch hab ich weder identifizieren können und dann auch noch zu fragen vergessen - das wird bei den Bildern vom Fischmarkt in Aberdeen und von den gewaltigen Aquarien der Seafoodlokale in Sai Kung und auch in Sok Kwu Wan auf der Insel Lamma noch häufiger so gehen. Sachdienliche Hinweise - who is who, quasi - immer willkommen! Vielleicht derbarmt sich ja wie einst bei Tsukiji die höchst kundige Silberprinzessin.

Die zart morastige Note der groben Stücke im Delicious Congee erinnerte mich an Wels und Verwandte, aber dafür würde ich meine Hand nicht ins Süßwasser legen. Von diesem Gout und dem doch recht fordernden Handling vielleicht abgesehen: Kann ich empfehlen. Auch wenn ich nur eine Backe fand und vergeblich nach den Lippen fahndete - die bekomme ich bei unserer nächsten Station auf Sai Kung (wenn ich den wenigstens richtig identifiziert habe).

Das erste Trumm auf meinen Stäbchen ist zugleich das spannendste: Weiß, rund in den Dimensionen eines Pingpongballs mit schlitzigem Fortsatz: die Schwimmblase. Wirklich interessante Textur-Kombination aus cremig und crunchy, erinnert jedenfalls mich schwer an Tintenfisch vom Grill, wie ich jedenfalls ihn mag. Wieder was gelernt.

Sterne für Eingeweihde

Recht delicious Congees gibt es hier mit praktisch allem vom alten Ei bis zum den Eingeweiden vom Schwein. Aber die Lippenblasenbauchundbein-Version empfiehlt halt der wunderbar hilfreiche Michelin für Hongkong und Macao. Delicious Congee haben Bibendums Enkel freilich nicht besternt. Da gibt es in Hongkong noch ganz andere, ziemlich tolle Hütten mit dieser Auszeichnung für echt kein Geld. Aber das ist eine andere Geschichte, der wir uns demnächst widmen wollen.

Einen Stern reißen wir aber hier noch an, im ersten Teil Asia-Wochen bei Schmecks über Fischiges in Hong Kong, nicht ganz billig, aber dafür umso besser. Wir meiden die Riesenfischschuppen mit ihren lebenden Speisekarten direkt am Hafen, biegen direkt davor in die Market Street, ignorieren die auf einen Platz wartenden Horden um das Loaf On und bekommen stante pede einen Tisch. Yeah.

Knofelfrosch

Was da alles Schönes auf uns zukam, finden Sie unten in der üppigen Ansichtssache. Wie übrigens auch die Frösche "Refugee-Style" mit atemberaubend üppigem frittiertem Knoblauch. Die empfiehlt der Juniorchef im Delicious Congee dem Westler. Wenn er ein bisschen Abenteuerlust zeigt. (Harald Fidler, derStandard.at, 21.5.2013)

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foto: harald fidler

Beginnen wir doch auf dem Fischmarkt in Aberdeen - und gleich auch unser Meeresquiz: Könnte es sich hier um eine Ornatlanguste handeln? (Danke, Teubner, für das "Große Buch der Meeresfrüchte"!). Ich frage mich aber: Darf man das alles so einfach aus dem Meer holen?

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