"ADHS ist Folge professioneller Vernachlässigung"

Interview |

Die Diagnose ADHS ist bei Kindern rasch zur Hand. Hinter der Krankheit steckt auch ein gesellschaftliches Problem, sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul

Kinder und Jugendliche reagieren schnell mit Symptomen auf krank machenden Druck - bei ihren Eltern dauert das länger. Jesper Juul findet das schade. Der dänische Familientherapeut, Bestsellerautor und derStandard.at-Kolumnist ist überzeugt, dass ein Lebensstil, der Kinder permanent ablenkt und bespaßt, sie letztlich krank macht. Kinder bräuchten nämlich viel unstrukturierte Zeit, um Selbstständigkeit, Kreativität und den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen zu lernen. Das schütze auch vor der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

derStandard.at: ADHS ist heute die am häufigsten diagnostizierte Verhaltensstörung bei Kindern und Jugendlichen. Die Betroffenen sind innerlich und äußerlich unruhig, unaufmerksam und können sich schlecht konzentrieren. Glauben Sie wirklich, dass hier etwas aufgebauscht wird?

Juul: Es gibt die Diagnose zweifellos - und es hat sie vor 100 Jahren gegeben. Heute wird sie aber verwendet, um von einem Konflikt abzulenken: dass nämlich die Eltern oft nicht wissen, wie sie mit ihren Kindern umgehen sollen. ADHS ist in vielen Fällen die Folge professioneller Vernachlässigung. Die Ärzte spielen leider oft mit. Die dänischen Kinderpsychiater haben sogar zugegeben, dass sie 40 bis 45 Prozent der Fälle von kindlichem ADHS falsch diagnostizieren.

derStandard.at: Kann man sagen, dass der zeitliche oder ökonomische Druck, den viele Eltern erleben, ADHS bei ihren Kindern verursacht?

Juul: Dieser Druck spielt eine wichtige Rolle, denn ADHS ist ein Lebensstilsymptom. Kinder werden heute gezwungen, den Lebensstil ihrer Eltern nachzumachen - obwohl die Eltern merken, dass sie selbst unglücklich sind. Vor 30 Jahren hatte unsere Gesellschaft noch mehr Zeit und Raum für Kinder. Wir haben den Kindern in den letzten Jahren dann rund zwölf Stunden Freizeit pro Woche weggenommen. Mit Freizeit meine ich wirklich freie Zeit, die nicht mit Aktivitäten verplant ist.

derStandard.at: Wie schaffen es Eltern, den Druck, dem sie ausgesetzt sind, nicht an ihre Kinder durchzureichen?

Juul: Ich werde sehr oft gebeten, in meinen Vorträgen etwas zur sogenannten Work-Life-Balance zu sagen. Wenn ich das mache, dauert es zwei Minuten, und keiner will es hören: Die Erwachsenen stehen heute vor einer existenziellen Frage, die im Prinzip einfach ist. Sie lautet: Will ich so ein Leben führen? Will ich gestresst sein, keinen Sex mehr haben und dass dieses System nur deshalb funktioniert, weil wir so gut organisiert sind? Das muss sich ein erwachsener Mensch nämlich fragen. Wenn er zum Ergebnis kommt, dass er so leben will, dann hat das eben seinen Preis. Leider auch für die Kinder. Wir sehen heute, dass die Menschen, die so leben, sich nach acht, neun Jahren trennen, weil sie das Tempo nicht aushalten.

derStandard.at: Nehmen wir die Eltern, die mit ihren Smartphones in der Hand am Spielplatz sitzen oder ihre Kinder im Laufschritt durch die Stadt schleifen. Lässt sich das wirklich nur mit der allgemeinen Beschleunigung erklären? Geht es da nicht auch um den Stellenwert, den Kinder in einer Gesellschaft haben?

Juul: Ein wesentlicher Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen ist, dass Erwachsene teilweise in der Zukunft leben können. Sie können sagen: Jetzt arbeite ich zwei Jahre lang wie wahnsinnig, dann können wir uns das Haus, das Auto, was auch immer leisten. Kinder können das nicht sagen, die leben im Hier und Jetzt. Deshalb entwickeln sie sehr schnell Symptome, die zeigen, dass unser Lebensstil nicht passt. Sie fangen an, Nein zu sagen und trotzig zu werden. Kinder machen also genau das, was die Erwachsenen eigentlich tun sollten. Die klassischen Stresssymptome wie Bluthochdruck, Burn-out, Beziehungskrise - das kommt bei Erwachsenen meist zeitverzögert.

derStandard.at: Wenn beide Elternteile Geld verdienen, mehrere Jobs haben müssen und ökonomisch unter Druck sind, ist es für sie schwierig, mit ihren Kindern gelassen unverplante Zeit zu verbringen. Welche Aufgabe hat der Staat, den Druck von den Kindern zu nehmen?

Juul: Eine große. In Dänemark und Schweden gibt es sogenannte Waldkindergärten. Die waren früher eine Notlösung in skandinavischen Großstädten, weil es dort keine Gebäude für Kindergärten gab. Man sagte: Wir holen die Kinder in der Stadt ab und bringen sie in den Kindergarten im Wald. Sie sind dort den ganzen Tag im Freien, ohne Lärm und ohne Staub. Diese Einrichtungen gibt es seit 30 Jahren, und sie sind gut erforscht. Es zeigt sich eindeutig: Den Kindern dort geht es viel besser als anderen Kindern. Sie sind kreativer, weniger krank, weniger gestresst - und sie haben seltener ADHS.

derStandard.at: Warum ist das so?

Juul: Weil sie in der Natur viel Raum haben, den sie selbst strukturieren müssen. Sie haben dort erwachsenenfreie Zonen. Das brauchen Kinder. Es gibt nicht einmal einen Zaun um das Gelände des Kindergartens. Die Kinder wissen aber genau, wie weit sie gehen können und was sie nicht dürfen. Sie werden dort nicht übermäßig befürsorgt, sondern sind sehr selbstständig. Das macht sie stärker.

derStandard.at: In Ihrem Buch "Miteinander" beschreiben Sie Kinder, die permanent "außer sich" sind, weil sie ständig bespielt und in Aktivitäten gezwungen werden. Sie sagen, dass diese Kinder den Weg zu sich selbst nicht mehr finden.

Juul: Für diese Kinder ist es unheimlich schwierig, Empathie zu entwickeln, alleine zu spielen oder sich selbst zu beschäftigen, weil sie es gewohnt sind, dauern abgelenkt zu werden. Sie verlieren den Kontakt zu ihren Wünschen und Bedürfnissen. Deshalb empfehle ich Eltern, ihren Kindern möglichst viel unstrukturierte Zeit zu ermöglichen und sie nicht ständig in durchgeplante Tagesabläufe einzuspannen. Eltern sollten sich Zeit für die Kinder nehmen, ohne diese Zeit ständig mit Aktivitäten zu füllen. Das ist sehr wichtig.

derStandard.at: Warum fällt es vielen Eltern so schwer, sich ohne konkretes Ziel mit ihren Kindern zu beschäftigen? Haben wir das ablenkungsfreie Nichtstun verlernt?

Juul: Weil viele Eltern Erzieher und Pädagoginnen zum Vorbild haben. Sie fühlen sich verpflichtet, die Kinder ständig anzuregen und dauernd etwas zu unternehmen. Das macht die Kinder krank. Es muss einen für das Kind deutlich spürbaren Unterschied geben zwischen Kindergarten oder Schule und der Familie. Erwachsene sollten natürlich so viel wie möglich für die Kinder da sein, aber sie sollten nicht ständig mit den Kindern spielen. Die Eltern sollen ihr Erwachsenenleben leben. Denn die Kinder können ja nur zu Hause lernen, wie man erwachsen ist. Wenn sie ihre Eltern aber immer nur als Spielonkel und Spieltanten erleben, dann lernen sie nichts über das Erwachsensein. (Lisa Mayr, derStandard.at, 19.5.2013)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben.

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    foto: family lab

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