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Warum Österreich bei Energie anders ist

17. Mai 2013, 12:15
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Eine Analyse von Stefan Schleicher, Professor am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel und am Instiut für Volkswirtschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität in Graz.

Aus vielen Gründen ist die Konzeption der deutschen Energiewende nicht auf Österreich übertragbar. Der offensichtlichste Unterschied liegt bei der fehlenden Notwendigkeit eines Atomausstiegs. Dann ist zu erinnern, dass sich die Situation bei erneuerbarer Energie in Österreich ganz anders darstellt als in Deutschland. Um ein besseres Verständnis für die strukturellen Unterschiede der Energiesysteme von Österreich und Deutschland zu gewinnen, werden nachfolgend einige Schlüsselindikatoren analysiert und mit den aggregierten Werten der gesamten 27 Mitgliedsstaaten der EU verglichen.

Österreichs Vorsprung bei erneuerbarer Energie

Aufgrund der dominierenden Rolle, die der Ausbau von erneuerbarer Energie in der ersten Phase der deutschen Energiewende spielt, ist ein vergleichender Blick über die Situation der Erneuerbaren naheliegend. Die beachtlichen Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich sind in Abbildung 1 ersichtlich:

  • Der Anteil von Erneuerbaren am gesamten Brutto-Endenergieverbrauch ist in Österreich fast doppelt so hoch wie in Deutschland.
  • Bei Elektrizität ist der Anteil von Erneuerbaren in Österreich rund dreimal höher als in Deutschland.

Abbildung 1 legt auch den Schluss nahe, dass sowohl Deutschland als auch Österreich die für 2020 vorgesehenen EU-Ziele erreichen sollten, die bei Anteilen der Erneuerbaren von 18 Prozent bzw. 34 Prozent des Brutto-Endenergieverbrauchs liegen. Deutschland könnte auch noch das ambitioniertere nationale Ziel von 20 Prozent schaffen.

Allein die Definition des Anteil-Ziels für Erneuerbare zeigt, dass damit allein nicht ausreichend der Zustand eines Energiesystems erkennbar ist, denn dieses Ziel kann mit unterschiedlichen Mengen an erneuerbarer Energie erreicht werden, da auch die Höhe des Energieverbrauchs in den Anteilswert eingeht. Der Energieverbrauch reflektiert aber unter anderem auch die Effizienz bei der Verwendung von Energie.

Die strukturellen Unterschiede des deutschen und österreichischen Energiesystems

Um mehr Informationen über die strukturellen Unterschiede der Energiesysteme Deutschlands und Österreichs zu gewinnen, werden deshalb einige Schlüsselindikatoren einer sogenannten Komponentenanalyse unterzogen. Ausgewählt werden vier Indikatoren:

  • BIP Brutto-Inlandsprodukt, real, d.h. preisbereinigt
  • PERS Personen, die die Bevölkerung umfasst
  • ENER Energie für den Endverbrauch bei Haushalten und Unternehmungen
  • THG Treibhausgasemissionen

In Abbildung 2 findet sich der Verlauf von BIP und Bevölkerung. Zur besseren Vergleichbarkeit sind die Ausgangswerte für Deutschland, Österreich und die 27 Mitgliedsstaaten der EU für das Jahr 2005 auf 100 normiert. Bemerkenswert erscheint, dass sowohl beim BIP als auch bei der Bevölkerung die Dynamik von Österreich über und jene von Deutschland unter dem EU-Durchschnitt liegt. Demnach vergrößerte sich zwischen 2000 und 2011 das BIP in Österreich um 20 Prozent, in Deutschland jedoch nur um 14 Prozent. In diesem Zeitraum erhöhte sich Österreichs Bevölkerung um 6 Prozent, jene von Deutschland stagnierte.

Die nächsten Indikatoren betreffen die in Abbildung 3 ausgewiesenen Verläufe von Energetischem Endverbrauch und Treibhausgasemissionen. Die Verläufe zeigen auch bei diesen beiden Indikatoren eine über dem EU-Durchschnitt liegende Dynamik für Österreich und eine darunter liegende Entwicklung für Deutschland. Auffallend ist jedoch, dass sowohl beim Energieverbrauch als auch bei den Emissionen Österreich sich deutlich über der Dynamik der EU bewegt. Der Energieverbrauch stagniert in Österreich tendenziell auf einem vergleichsweise hohen Niveau, während EU und Deutschland deutliche Rückgänge ausweisen, die sich konform bei den Treibhausgasemissionen niederschlagen. Österreichs Emissionen sinken trotz stagnierendem Energieverbrauch wegen des höheren Anteils von Erneuerbaren.

Aus diesen vier Indikatoren werden nun drei Komponenten gebildet, die als aussagefähige Parameter des Energiesystems interpretiert werden können:

  • BIP / PERS Wirtschaftliche Aktivität, dargestellt als BIP pro Person
  • ENER / BIP Energieintensität, dargestellt als Energetischer Endverbrauch pro BIP
  • THG / ENER Treibhausgasintensität, dargestellt als Treibhausgasemissionen pro Energetischem Endverbrauch

Diese drei Komponenten sind über folgende Identität verbunden, die ein relativ einfaches aber aussagefähiges Modell über die bestimmenden Strukturen des Energiesystems ergibt:

THG = (BIP / PERS) ∙ (ENER / BIP) ∙ (THG / ENER) ∙ PERS

Dieses formale Modell zeigt, wie die Höhe der Treibhausgasemissionen durch vier strukturelle Einflussgrößen bestimmt wird, nämlich:

  • Wirtschaftliche Aktivität
  • Energieintensität
  • Treibhausgasintensität sowie
  • Bevölkerungsentwicklung.

Ein Vergleich dieser Komponenten macht wesentliche strukturelle Unterschiede zwischen den drei betrachteten Energiesystemen sichtbar.

In den nachfolgenden Abbildungen werden diese Komponenten so normiert, dass der Wert für die 27 Mitgliedsstaaten der EU im Jahr 2005 auf 100 normiert ist und die Werte für Deutschland und Österreich die gleiche relative Beziehung haben wie die nicht normierten Werte. Damit sind anschauliche Vergleiche über die relativen strukturellen Unterschiede zwischen den Staaten möglich. Diese Vorgangsweise zeigt in Abbildung 4 die Unterschiede in der wirtschaftlichen Aktivität. Demnach ist im Vergleich zum EU-Durchschnitt in Deutschland das BIP pro Person um rund ein Viertel und in Österreich sogar um rund ein Drittel höher. Deutlich ist auch der dämpfende Effekt des wirtschaftlichen Einbruchs von 2009 erkennbar. Grundsätzlich sind trotz der angestrebten Entkoppelung von Energieverbrauch und BIP die wirtschaftliche Aktivität gemeinsam mit den für den Heizbedarf relevanten Temperaturindikatoren die wichtigsten Bestimmungsgrößen für Energieverbrauch und Emissionen.

In Abbildung 5 werden die Verläufe der Energieintensitäten verglichen. Dieser Indikator ist grundsätzlich für die betrachteten drei Energiesysteme fallend, was grundsätzlich auf erhöhte Energieeffizienz schließen lässt. Zu berücksichtigen sind jedoch auch Veränderungen in der Produktstruktur und bei Österreich der Treibstoffexport aufgrund der gegenüber dem Ausland relativ niedrigeren Treibstoffpreise, wovon ein Fünftel der Treibstoffverkäufe betroffen sein könnte.

Deutliche Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich werden bei der in Abbildung 6 dargestellten Treibhausgasintensität sichtbar. Grundsätzlich verringert sich dieser Indikator in allen drei Energiesystemen, Österreich liegt aber aufgrund seines bereits realisierten hohen Anteils an Erneuerbaren deutlich unter den Verläufen der EU-27 und Deutschlands.

Was die verbleibende vierte Komponente, die Bevölkerungsentwicklung, betrifft, so sei auf Abbildung 2 verwiesen. Demnach ist bei Aussagen über den Energieverbrauch für Österreich doch eine leichte Zunahme bei der Bevölkerung relevant, die für Deutschland nicht relevant ist. (Univ.-Prof. Dr. Stefan Schleicher)


Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel und am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Karl-Franzens- Universität in Graz. Am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung ist er wissenschaftlicher Konsulent. Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeit sind ökonomische Modelle und wirtschaftspolitische Konzepte für zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen, vor allem in den Bereichen Energie und Klima.

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