Mit Kraft und Kratzbürstigkeit

16. Mai 2013, 18:17
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Zwei Wochen vor dem Sommernachtskonzert in Schönbrunn: Lorin Maazel gastierte mit den Münchner Philharmonikern in Wien

Wien - Die Abonnementkonzerte mit den Wiener Philharmonikern Ende März musste er krankheitsbedingt absagen, am 30. Mai wird er das Orchester aber beim hoffentlich lauschigen Sommernachtskonzert in Schönbrunn dirigieren.

Doch schon zwei Wochen davor schaute Lorin Maazel kurz in Wien vorbei, und zwar mit dem Orchester, dem er seit dieser Saison als Chefdirigent verbunden ist: den Münchner Philharmonikern. Zwei Programme offerierte der Nachfolger des nach Dresden enteilten Christian Thielemann im Wiener Musikverein, am ersten Abend Prokofjew im Doppelpack und eine Zweite Brahms.

Kraft und Wucht prägten die Wiedergabe der dreiteiligen Suite aus Romeo und Julia (Montagues und Capulets, Romeo am Grabe Julias, Tybalts Tod). Prachtvolle, effektvolle Musik. Einnehmend auch das folgende zweite Violinkonzert des Russen, mit Janine Jansen als Solistin.

Die 35-Jährige präsentierte sich in bodenlangem Rot sowie, wie eigentlich immer, als beeindruckende Musikerin: von selbstverständlicher Makellosigkeit die Intonation aller Noten, wie maßgeschneidert deren vielfältige charakterliche Ummantelungen.

Mit kratzbürstiger Energie stürzte sie sich in den Finalsatz, verführte den Mittachtziger Maazel zum Mittänzeln, ein ganz klein wenig jedenfalls. Im Andante assai brachte die Niederländerin Prokofjews Neoromantizismen gewinnend schlicht zum Ausdruck.

Und klingt das Seitenthema des ersten Satzes nicht etwas nach Korngold? Vielleicht, dass ihre Stradivari "Barrere" für dieses Werk mit Orchester, im Großen Musikvereinssaal gespielt, etwas zu wenig Durchsetzungsfähigkeit, etwas zu wenig Strahlkraft im oberen dynamischen Bereich erreichte. Ein schön schlichter Bach (Sarabanda aus der Partita d-Moll) als Zugabe.

Frenetischer Jubel

Bedächtigkeit (im ersten Satz) und Üppigkeit (im Allgemeinen) prägten dann den Brahms. Die Münchner musizierten mit Präzision und Initiativkraft, Lorin Maazel wusste zu erzählen, und zwar gern expressiv und lautstark. Brahms mit Doppelrahmstufe, à la Levine. Old School auch die Zugabe: Michael Glinkas Ouvertüre zu Ruslan und Ludmilla, endlich mal wieder. Eine Bank für frenetischen Publikumsjubel. Ob man das Werk ab 2015 auch mal von Maazels schon ernanntem Nachfolger bei den Münchnern, Valery Gergiev, erleben wird? Wir werden berichten. (Stefan Ender, DER STANDARD, 17.5.2013)

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    Zuweilen zum Mittänzeln verführt: Lorin Maazel.

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