Streichenau an der Rax: Finanzdirektor hinterfragt Formel 1 und Orchester

16. Mai 2013, 18:16
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Anfang Juni legt der ORF in einer Klausur fest, wo 2014 75 Millionen gekürzt werden. 30 für Befreiungen von Gebühren verweigert die Republik vorerst. Über eine weitere Resolution für die Refundierung streiten die Stiftungsräte

Die prekär bezahlten freien Mitarbeiter des ORF dürfen künftig wohl für kaum erhöhte Honorarsätze länger arbeiten. Und der ORF will auf Honorare mit Sozialversicherung umsteigen. Schon weil Österreichs größtem Medienunternehmen sonst ernster Ärger mit der Krankenkasse droht.

Kommende Woche berät der Zentralbetriebsrat, was er mit ORF-Chef Alexander Wrabetz nun über die Honorare ausgehandelt hat. Im Haus kursieren um einstellige Prozentsätze mehr. Weit entfernt von Verdoppelung, wie sie die Freien forderten.

Keine zwei Wochen nach dem Zentralbetriebsrat tagt die ORF-Führung über alles andere als Verdoppelung: In Reichenau an der Rax will Wrabetz mit seinen Direktoren am 3. und 4. Juni festlegen, wo er im Budget 2014 75 Millionen Euro kappt. Weil die Republik, bis zur Wahl jedenfalls, verweigert, dem ORF künftig Gebührenbefreiungen abzugelten, bisher 30 Millionen im Jahr. Und weil der ORF 2014 in Olympische Winterspiele und Fußballweltmeisterschaft eine ähnlich ansehnliche Summe investiert.

Lieber Streicher streichen als TV-Produktionen

ORF-Finanzdirektor Richard Grasl weicht nun mit mehreren Interviews vom Kurs seines Chefs Wrabetz ab, der sich oft schon für das Radiosymphonieorchester RSO ausgesprochen hat: Grasl kann sich schwer vorstellen, dass die Streicher weiter streichen, Fernsehproduktionen aber gestrichen würden, sagte er mehreren Bundesländerzeitungen und dem Kurier. Auch die Verlängerung der Formel-1-Fernsehrechte hinterfragt der bürgerliche Finanzdirektor.

Eckpunkte am 20. Juni

Am 20. Juni sollen Wrabetz und Finanzdirektor Grasl den Stiftungsräten die Eckpunkte ihres Sparplans für 2014 vorlegen. Produktionsfirmen protestieren seit Wochen gegen Kürzungen.

Mit breiter Mehrheit appellierten die Stiftungsräte im März, die Gebührenabgeltung zu verlängern. Mit einer zweiten Resolution spaltete nun SP-Fraktionschef Josef Kirchberger den Rat. Nicht akkordiert, ohne Sparappell an den ORF und mit der Aussage, ohne volle Refundierung könne der ORF seinen Auftrag nicht erfüllen. Bürgerliche, die Refundierung bejahen, und Freiheitliche stimmten daher nicht dafür.

Im Juni sollen die Räte die neue ORF-Strategie beschließen, Donnerstag präsentierte Boston Consulting überraschend kurz Eckpunkte. Einer davon: Der ORF soll nicht mehr getrennt auf TV-, Radiomarktanteil und Webzugriffe fokussieren, sondern auf alle Berührungspunkte mit dem ORF. Da kommt mehr zusammen. (fid, DER STANDARD, 17.5.2013)#

Update: Zentralbetriebsrat Moser übt Kritik an Vorgehensweise

Kritik aus dem eigenen Haus erntete ORF-Finanzdirektor Richard Grasl für die Art der Ankündigung möglicher Konsequenzen bei einem Ausbleiben der Gebührenrefundierung. ORF-Zentralbetriebsratsobmann Gerhard Moser bezeichnete das Vorgehen Grasls, Sparmaßnahmen in einem Gespräch mit Bundesländerzeitungen zu skizzieren, "ohne diese zuvor der Belegschaft oder dem Stiftungsrat vorzulegen", als "entbehrlich".

"Verhandlungen über einen neuen Kollektivvertrag mit der Ansage 'Oder wir müssen uns von 250 Mitarbeitern trennen' eröffnen zu wollen, ist alles andere als klug und schon gar nicht zielführend", so Moser gegenüber der APA. "Mit Auslagerungen zu drohen und auch das Orchester aufs Neue infrage zu stellen, führt nicht nur zu heftiger Verunsicherung, sondern auch zu berechtigter Empörung im ORF."

Die Belegschaft sei in den vergangenen Jahren "massiv" von Sparpaketen und Personalabbau betroffen gewesen und habe diesen mitgetragen. "Wir sind aber mit Sicherheit nicht bereit, uns in eine Geiselhaft nehmen zu lassen", unterstrich Moser. "Der kaufmännische Direktor täte besser daran, mit allen Mitteln für die weitere Sicherstellung einer ausreichenden öffentlichen Finanzierung zu kämpfen, als mit Drohparolen herumzuwerfen." (APA, 17.5.2013)

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    ORF-Chef Alexander Wrabetz.

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