Heftige Kritik an ärztlicher Selbstkontrolle

16. Mai 2013, 17:55
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Die Patientenanwälte erheben schwere Vorwürfe gegen die Ärztekammer: Sie vermuten, deren Qualitätsstelle schütze "Ärzte mit Qualitätsdefiziten"

Wien - Der Brief, den Gerald Bachinger als Sprecher aller österreichischen Patientenanwälte an den Gesundheitsminister geschickt hat, lässt nichts an Deutlichkeit vermissen: Alois Stöger wird in dem Schreiben, das dem Standard vorliegt, ersucht, "das verzögernde und blockierende Taktieren (...) der ÖQMed rasch und vollständig zu unterbinden. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, dass die ÖQMed Ärzte mit Qualitätsdefiziten schützt."

Dass die Ärztekammer über ihre hundertprozentige Tochtergesellschaft ÖQMed die Qualität der niedergelassenen Ärzte kontrolliert, ist den Patientenanwälten schon länger ein Dorn im Auge. Die Gesellschaft, die den gesetzlichen Auftrag zur Selbstkontrolle seit 2004 wahrnimmt, wurde vergangenes Jahr dazu verpflichtet, Kontrollbesuche in Ordinationen auch auf Wunsch der Patientenanwälte vorzunehmen. In mehreren konkreten Fällen in Niederösterreich sei die ÖQMed dem nicht nachgekommen, bemängelt Bachinger, obwohl er schon Anfang des Jahres Beschwerde eingelegt habe. "Jeder Würstelstand wird in Österreich besser kontrolliert als die Arztordinationen." Diesen Verdacht habe er schon länger, im konkreten Fall habe er die ÖQMed aber "in flagranti erwischt" , sagt der Sprecher aller Patientenanwälte. Am Donnerstag forderte er einmal mehr, "die Qualitätskontrolle von der Standespolitik wegzubringen" .

"Freundlich im Ton"

Diese Regelung habe einige Vorteile, ist man sich bei der ÖQMed sicher. Deren Geschäftsführerin Esther Thaler sagte dem Standard, wäre die Gesellschaft nicht Tochter der Ärztekammer, wäre es deutlich schwieriger gewesen, "das Vertrauen der Ärzte zu erwerben". Mit dem Grundsatz "hart in der Sache, freundlich im Ton" habe man gute Erfahrungen gemacht, auch diverse Servicefeatures für die Ärzte könne eine staatliche Qualitätsbehörde nicht anbieten, die ÖQMed hingegen schon. Thaler räumt gleichzeitig ein, dass die Gesellschaft in den Ordinationen zwar die Struktur- und Prozessqualität - also etwa Hygiene und Fortbildung - überprüfen könne, für die Bewertung medizinischer Sachverhalte fehle aber das Know-how.

Im Gesundheitsministerium heißt es, man müsse sich die konkrete Beschwerde der Patientenanwälte erst ansehen; grundsätzlich dränge man die ÖQMed aber schon seit längerem auf Verbesserungen bei Qualität und Transparenz. Die Sicherung der Ergebnisqualität sei außerdem Teil der Gesundheitsreform. Innerhalb von 18 Monaten muss ein Instrument für deren Messung für niedergelassene Ärzte entwickelt werden, für die Spitäler gibt es dieses schon seit längerem. Künftig soll es auch einen Monitoringbericht der Ordinationen geben. (Andrea Heigl, DER STANDARD, 17.5.2013)

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    Qualitätsprobleme in Ordinationen soll eigentlich eine Einrichtung der Ärztekammer kontrollieren. Diese komme ihrer Aufgabe allerdings nur unzureichend nach, kritisieren die Patientenanwälte.

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