"Wir verlieren zu viele jungen Leute"

16. Mai 2013, 16:51
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Gerhard Blum hat rund um nicht klappernde Küchenkästen einen Milliardenkonzern aufgebaut. Der Vorarlberger Beschlägehersteller sieht in der Bildungspolitik Stillstand und in der Lehre keine Sackgasse.

DER STANDARD: Blum hält 1000 Patente, jedes Jahr kommen 50 dazu. Wissen Sie eigentlich noch, was Ihr Betrieb so alles erfunden hat?

Blum: Wenn ich die Patente durchgehe, sicherlich. Wir erforschen die Bedürfnisse der Konsumenten und leiten daraus technische Entwicklungen ab. Es geht uns darum, das Leben in der Küche komfortabler und ergonomischer zu machen.

DER STANDARD: Zwei Ihrer Mitarbeiter wurden für den europäischen Erfinderpreis nominiert. Was haben die beiden entwickelt?

Blum: Ein Zusatzteil für sanftes und leises Schließen von Türen und Klappen.

DER STANDARD: Scharniere allein sind mit 300 Patenten abgesichert. Steckt hinter nicht klappernden Küchenkastln so viel Know-how?

Blum: Das sind Teile, die auf kleinem Raum untergebracht sind. Und wir integrieren die Dämpfertechnologie ins Scharnier selbst. Außerdem sollen die Beschläge eine Lebensdauer von 20 Jahren haben. Das sind große technische Herausforderungen. Wir investieren jährlich vier Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Und es braucht eine hochrationelle Fertigung.

DER STANDARD: Sie testen in Ihren Labors Bewegungen und Abläufe in der Küche ...

Blum: Wir beobachten auch 200 Küchen in normalen Haushalten aus der näheren Umgebung und messen dort mit Geräten laufend alle Bewegungen und Belastungen.

DER STANDARD: Wie dürfen wir uns denn die Küche der Zukunft vorstellen?

Blum: Sie wird zu einem komfortableren Arbeitsplatz. Klappen und Türen etwa könnten sich durch Berührung elektrisch wie von Geisterhand öffnen und schließen.

DER STANDARD: Viele Küchenbauer stecken in der Krise. Sie bauen Ihre Werke in Vorarlberg seit Jahren stetig aus. Wie passt das zusammen?

Blum: Innovationen sind die beste Versicherung: Wir rüsten den Forschungsbereich finanziell und personell stark aus. Der zweite Treiber ist internationale Präsenz. Wir beliefern mehr als hundert Länder, produzieren neben sieben Vorarlberger Standorten auch in den USA, Polen und Brasilien.

DER STANDARD: Sie beschäftigen in Vorarlberg gut 4400 Mitarbeiter. Fehlen Ihnen Fachkräfte?

Blum: Der Kampf um Junge ist im Gange, die Zahl der 15-Jährigen wird weiter zurückgehen. Vorarlbergs Industrie hat die Wichtigkeit der Lehrlingsausbildung früh erkannt. In Österreich insgesamt hat sie aber keinen entsprechenden Stellenwert. Es gibt zu viele Junge, die nach dem neunten Schuljahr die Voraussetzung für eine Lehre nicht erfüllen. Und denken Sie an die hohe Zahl an Schulabbrechern. Wir verlieren zu viel junge Leute. Das ist eine Katastrophe, für sie wie für die Betriebe. Das Bildungssystem muss ge- gensteuern. Etwa mit Frühförderungen vor dem Kindergarten, auch mit einer Gesamtschule für Sechs- bis 14-Jährige sind bessere Ergebnisse zu erzielen.

DER STANDARD: Reformversuche verlaufen aber seit Jahren im Sand.

Blum: Die Bildungspolitik ist im Stillstand und ein Zankapfel. Man denkt nicht an die Schüler: Wir haben die Verpflichtung, ihnen Wissen zu vermitteln.

DER STANDARD: Gehören nicht auch Betriebe als Ausbildner stärker in die Pflicht genommen?

Blum: Ich will nicht für andere sprechen. Wir haben mehr als 240 Lehrlinge in Ausbildung und stellen jedes Jahr 66 neue ein, die von mehr als 30 hauptamtlichen Ausbildnern betreut werden. Die Lehre ist keine Sackgasse. Bei uns hat jeder nach dem Abschluss eine Jobzusage. Es gibt Möglichkeiten zur Weiterbildung, wir bemühen uns darum, soziale Kompetenzen zu vermitteln. Und wir versuchen stark, Mädchen in technische Berufe zu bringen. Zwölf bis 13 Prozent unserer Lehrlinge sind Mädchen, sie stehen den Burschen um nichts nach. Wir brauchen diese Fachkräfte, ohne sie hätten wir am Standort Österreich keine Chance.

DER STANDARD: Was halten Sie von einer Wiedereinführung des Blum-Bonus?

Blum: Er hat mit unserem Unternehmen nichts zu tun. Er ist nach einem früheren Ausbildungsleiter benannt, der zufällig den gleichen Namen hatte. Der Bonus, mit dem Betriebe ermutigt wurden, mehr Lehrlinge aufzunehmen, wäre eine Einzelmaßnahme. Man muss das Thema gesamthaft angehen.

DER STANDARD: Sie sind der größte Arbeitgeber im Ländle. Welche Risiken sehen Sie?

Blum: Die Rahmenbedingungen sind gut, die Verkehrsinfrastruktur belastet etwas.

DER STANDARD: Die Bahn?

Blum: Sie ist eines der Hauptprobleme. Wir wickeln 30 Prozent der Transporte über sie ab. Wir würden das Volumen gerne auf 50 Prozent ausbauen. Nur der Güterbahnhof in Wolfurt ist zu klein. Will man Verkehr von der Straße auf die Bahn verlagern, braucht es eine entsprechende Infrastruktur im Bereich des Umschlags wie im Streckennetz.

DER STANDARD: Sie haben über Österreichs Wirtschaftspolitik hinaus immer wieder an mehr Solidarität in der Eurozone appelliert ...

Blum: Ein abendfüllendes Thema. Wir müssen uns mit Wirtschaftsräumen wie den USA und Asien messen. Eine Rückkehr zu nationalistischen Politiken und ein Zerfall der Eurozone wären eine Katastrophe. Österreich profitiert wie Deutschland stark vom Euro. Haben andere Länder Schwierigkeiten, ist es notwendig, dass Solidarität geübt wird. Wer profitiert, sollte auch hergeben. Es gibt auch in Deutschland den Finanzausgleich. Ich frage mich, warum das in Europa nicht gehen soll. Ohne EU-Europa würden wir wahrscheinlich am hinteren Ende des Wagens landen.

DER STANDARD: Was wäre Blum ohne den Euro?

Blum: Ich will mir das gar nicht vorstellen. Wenn wir uns in die 90er-Jahre zurückversetzen, mit den Abwertungsorgien, als man über Nacht nicht mehr wettbewerbsfähig war ... Der Euro hat unglaubliche Stabilität gebracht, für Europa wie für die Industrie.

DER STANDARD: In Höchst in Vorarlberg vis-à-vis Ihres Konzerns wurde auch Ihr direkter Konkurrent Grass groß. Wäre Blum ohne dieses Duell je so stark gewachsen?

Blum: Was gewesen wäre, wenn, kann ich nicht beantworten. Wettbewerb gibt es immer, ob in der Nähe oder hunderte Kilometer weiter weg. Er ist nötig, damit man sich seiner Sache nicht zu sicher wird.

DER STANDARD: Grass gehört seit 2004 dem deutschen Würth-Konzern. Blum ist nach wie vor zur Gänze in Familienbesitz. Ist es Ihnen wichtig, dass das so bleibt?

Blum: Ja, solange es als Familienunternehmen gut geführt wird. Wir wollen Blum langfristig erhalten. Familienbetriebe sind aber nicht automatisch gute Betriebe. Es gibt genug, in denen gestritten wird. Wir sind in der zweiten Generation. Die dritte steht in den Startlöchern: ein Kind meines Bruders, ei- nes von mir. Wir hoffen, dass sie den Wechsel mit den Führungskräften gut über die Bühne bringen. Er wird sich wohl in den nächsten fünf bis sieben Jahren vollziehen.

DER STANDARD: Und wenn Ihre Kinder abgesagt hätten?

Blum: Dann hätten wir für die operative Führung andere Lösungen finden müssen. Sie hatten die Freiheit, selbst zu entscheiden. Wir haben nie Zwang ausgeübt. Steigt einer ins Geschäft ein, braucht es aber seine volle Identifikation mit dem Konzern, entsprechende Fähigkeiten und die Unterstützung des gesamten Führungsteams. Wir arbeiten breit aufgestellt. Allein kann man heute gar nichts machen. Das wäre Illusion. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 17.5.2013)


Gerhard Blum (58) führt den gleichnamigen Beschlägehersteller mit seinem Bruder Herbert. Rund 4400 ihrer 5750 Beschäftigten arbeiten in Vorarlberg. 2011/12 bauten sie den Umsatz um acht Prozent auf 1,26 Milliarden Euro aus. 96 Prozent davon werden von 27 Tochtergesellschaften im Ausland erzielt. Ihre Lehrlinge räumen bei Berufsweltmeisterschaften regelmäßig Medaillen ab.

  • Gerhard Blum lässt in Labors und hunderten privaten Küchen die Bewegungsmuster der Köche testen - was in mehr als tausend weltweiten Patenten mündete.
    foto: stiplovsek

    Gerhard Blum lässt in Labors und hunderten privaten Küchen die Bewegungsmuster der Köche testen - was in mehr als tausend weltweiten Patenten mündete.

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