"Unternehmer spielen auf dem Rücken der Gläubiger"

16. Mai 2013, 16:51
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Traditionelle Geldquellen für junge Gründer versiegen. Elisabeth Zehetner, Geschäftsführerin der Jungen Wirtschaft, und Creditreform-Chef Gerhard Weinhofer über fehlendes Finanzwissen, dubiose Renditen und redliches Scheitern. Verena Kainrath fragte nach.

DER STANDARD: Herr Weinhofer, Sie sind täglich mit Pleiten konfrontiert. Bekommt man da nicht mitunter Lust, es selber besser zu machen und ein Unternehmen zu gründen?

Weinhofer: Selbstständigkeit und Gründen ist zu fördern. Vor allem über Kostensenkungen. Ich warne aber vor Quantität statt Qualität. Nicht jeder ist zum Unternehmer geboren. Man braucht einen Businessplan, kreative Ideen, Risikomanagement und vor allem die Finanzierung. Die Bedingungen dafür werden immer schwieriger.

DER STANDARD: Frau Zehetner, Sie unterstützen junge Gründer auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Verstehen Sie, dass derzeit viele der Mut verlässt, wenn sie selbst prominente Konzerne wanken sehen?

Zehetner: Wer sich in seinem aktuellen Job wohlfühlt, wartet derzeit sicher ab, bis sich die Konjunktur erholt. Mit der passenden Idee im innovativen oder Hightech-Bereich kann ich aber nicht ein halbes Jahr warten. Die Lebensdauer junger Betriebe ist nicht schlecht. Nach einem Jahr sind in Österreich noch 95 Prozent am Markt, nach drei Jahren acht von zehn.

DER STANDARD: Es gab zuletzt etliche Insolvenzen, etwa rund um Biomasse, denen hohe Subventionen und Bankenkredite vorausgingen - abgeholt von durchaus potenten Eigentümern. Haben sich diese nicht zu leicht bei Gläubigern abgeputzt?

Weinhofer: Ganz sicher. Wir machen die Erfahrung, dass Betriebe, die in Schieflage geraten, viel zu spät reagieren und dann die Reißleine ziehen. Man darf nicht auf dem Rücken der Gläubiger und der Allgemeinheit Unternehmer spielen. Bei den letzten Großinsolvenzen versagten die Eigentümerfamilien, die kein neues Kapital zuschießen wollten oder konnten.

Zehetner: Wir neigen oft zu vorschnellen Verurteilungen. Es gibt redliches Scheitern und jenes auf dem Rücken anderer. Kleinbetriebe werden oft durch Größere mitgerissen. Förderungen, Haftungen greifen dort ein, wo Risiken bestehen. Und kein Gründer bekommt einen Kredit, ohne sein Hab und Gut in die Waagschale zu werfen. Im Eifer des Gefechts machen manche aber die Businesspläne zu wenig sorgfältig. Es sind erste Kunden da, man vergisst auf Buchhaltung und Planung. Es ist legitim, nach eineinhalb Jahren draufzukommen, dass es keine Gewinne und Lebensqualität bringt. Dann lieber ein geordneter Rückzug.

DER STANDARD: Fehlt Finanzwissen?

Weinhofer: Österreich fehlt Entrepreneurship-Qualität. Sehen Sie sich unseren Geografie- und Wirtschaftskundeunterricht an: Da werden Urlaubsfotos des Geografielehrers angeschaut. Mein Vater ist Geografieprofessor, ich darf das sagen. Bei mir in der siebten Klasse Gymnasium hat der Lehrer zum Thema Börse gesagt: "Das lests euch daheim durch." Man sollte sich der Lehrpläne annehmen.

Zehetner: Dass viele Prozentrechnungen nicht beherrschen oder auf dubiose Anlagearten hineinfallen, weil sie glauben, es ist realistisch, sofort 40-prozentige Renditen zu erzielen - das liegt daran, dass es zu wenig Finanzerziehung gibt. Ich werde damit kein besserer Unternehmer, aber ich bekomme von Kind auf mit, dass Geld nicht nur aus dem Bankomaten kommt.

Weinhofer: Gut 70 Prozent der Privatinsolvenzen sind auf mangelndes Wissen, was den Umgang mit Geld betrifft, zurückzuführen. Ein Drittel der Fälle geht auf gescheiterte Selbstständige zurück.

DER STANDARD: Wobei die Zahl an Insolvenzen heuer insgesamt sank.

Weinhofer: Das ist überraschend. Aber das resultiert auch aus der geringeren Zahl an Gründungen.

Zehetner: Die Unternehmenspopulation insgesamt aber wächst weiter. Der Saldo ist positiv.

Weinhofer: Die Unternehmer haben seit der Lehman-Pleite sicher dazugelernt. Der Anteil an besser mit Eigenkapital ausgestatteten Betrieben ist gestiegen.

DER STANDARD: Eine GmbH zu gründen wird bald günstiger, viele bürokratische Hürden bleiben. Was bringt die Reform wirklich?

Zehetner: Es wird deswegen keinen Gründerboom geben. Es ist aber ein längst notwendiger Schritt, da wir in Österreich ei- nes der höchsten Stammkapitale in Europa haben. Man wird weder mit 35.000 noch mit 100.000 Euro Betrüger davon abhalten, zu betrügen. Aber wer hat als junger Gründer 17.500 Euro verdient, die er oder sie einzahlen kann? Nur für den Namen, ohne noch Büros oder Laptops zu haben. Die Haftung des Geschäftsführers ist ohnehin voll aufrecht. Und die Banken sichern sich doppelt und dreifach ab. Da mach ich mir keine Sorgen, eher darum, dass die Leute keine Finanzierung bekommen.

DER STANDARD: Kritiker malen das Bild von Glücksrittern und blutenden Lieferanten an die Wand. Zu Recht?

Weinhofer: Es ist bemerkenswert, dass man seit zehn Jahren über Basel II, III und Eigenkapital als Krisenreserve spricht. Auf der anderen Seite wird das Mindeststammkapital nun auf 10.000 Euro reduziert - und damit das im Unternehmen verbleibende Eigenkapital. Wir nivellieren uns hier in Österreich nach unten. Das wird zur Erhöhung der persönlichen Haftung der Geschäftsführer und Gesellschafter führen. Es wird der Eindruck erweckt, man kann GmbHs gründen und ist außer Obligo gestellt. Der Gründer vergisst: Hoppala, es gibt persönliche Haftung.

DER STANDARD: Was wäre klüger?

Weinhofer: Gläubigerschutz und Gründerschutz - das sind zwei paar Schuhe, die man unter einen Hut bringen kann - etwa indem man nicht 50 Prozent des Mindestkapitals von 35.000 Euro einzahlen muss, sondern nur 20, 25 Prozent. Sonst besteht die Gefahr, dass die Seriosität der bisherigen GmbH in Mitleidenschaft gezogen wird.

Zehetner: Es haben sich die Branchen verändert. Es gab früher etwa keinen Grafiker, der sich mit dem Laptop selbstständig machte. Es gibt andere Notwendigkeiten, darauf nimmt die Reform Rücksicht. Vergebe ich einen großen Auftrag, sichere ich mich ab, ob mein Lieferant kreditwürdig ist, und bezahlen kann. Diese Auskünfte kann ich einholen. Ich muss über Geschäftspartner Bescheid wissen. Ich informiere mich ja auch beim Hauskauf über die Bausubstanz.

Weinhofer: Da sind wir bei der Frage der Transparenz. Und es geht um Hinterlegungsmoral bei Bilanzen. Diese ist, wie wir wissen, keine hohe. Wie soll ich mich ohne sie informieren? Und unter rund 300.000 Betrieben setzen sich nur 25.000 professionell mit Risikomanagement auseinander. Das ist unternehmerischer Blindflug.

Zehetner: Das ist kein Blindflug. Es ist wie bei Versicherungen, auf die manche verzichten oder dabei auch am falschen Platz sparen.

DER STANDARD: Ist die miese Hinterlegungsmoral auf Dauer tolerierbar?

Zehetner: Wir fordern seit Jahren die Abschaffung der Veröffentlichung des Bilanzstichtages in der Wiener Zeitung. Es könnte positive Anreize geben: Man erspart sich das, wenn man im Firmenbuch Zusatzzahlen hinterlegt.

DER STANDARD: Zurück zur Finanzierung: Banken stützen derzeit viele kriselnde Konzerne. Jungunternehmer werden immer kürzer gehalten. Täuscht der Eindruck?

Weinhofer: 50 Prozent sprechen von Kreditklemmen, jeder zehnte Kredit wurde abgelehnt. 60 Prozent rechnen mit weiter verschärften Finanzierungsbedingungen. Das geht aus unserer jüngsten Umfrage unter 1700 KMUs hervor.

Zehetner: Jungunternehmer gehen davon aus, dass sie weniger von den Banken bekommen werden. Daher wird der Ruf nach alternativen Finanzierungen lauter: Private Equity, Venture Capital, Crowd-Funding. Es gibt viel privates Kapital, genug Leute, die Projekte aus der Region unterstützen wollen oder bereit sind, bei Kleinstbeträgen Risiko einzugehen. Hürde ist die Prospektpflicht.

Weinhofer: In Zeiten superniedriger Sparbuchzinsen ist das die zukünftige Investitionsform, solange es Transparenz gibt, klare Regeln über Ein- und Ausstieg, Rückzahlungen, Gewinnbeteiligungen. Es gehört gefördert, dass ich Unternehmen finanzieren kann, die vor Ort sind, bei denen ich die Eigentümer kenne, den Unternehmensgegenstand verstehe - statt in irgendwelche Investmentfonds mit elendslangen Kürzeln in fernen Steuerparadiesen zu investieren, in Hinz und Kunz, wo ich nie nachverfolgen kann, an welchen Firmen ich tatsächlich beteiligt bin. Privatinvestoren sind gefragter denn je. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 17.5.2013)


Elisabeth Zehetner (33) studierte Französisch und machte sich als Trainerin und Beraterin selbstständig. Seit 2009 ist die Oberösterreicherin Bundesgeschäftsführerin der Jungen Wirtschaft und von Frau in der Wirtschaft in der WKÖ.

Gerhard Weinhofer (35) übernahm 2011 die Geschäftsführung des Gläubigerschutzverbands Creditreform. Der Jurist und gebürtige Burgenländer ist seit acht Jahren für den Verband tätig.

  • Die GmbH wird günstiger: für Elisabeth Zehetner (Junge Wirtschaft) eine notwendige Reform, für Gläubigerschützer Gerhard Weinhofer eine Nivellierung nach unten.
    foto: fischer

    Die GmbH wird günstiger: für Elisabeth Zehetner (Junge Wirtschaft) eine notwendige Reform, für Gläubigerschützer Gerhard Weinhofer eine Nivellierung nach unten.

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