"Der große Gatsby" als abgedrehtes Videospiel

16. Mai 2013, 17:00
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Die Abrechnung mit dem "amerikanischen Traum" ist in 8 Bit noch eine Spur plakativer als auf der Leinwand

Der Roman "Der große Gatsby" beginnt damit, dass Erzähler Nick Carraway sich an einen Rat erinnert, den ihm sein Vater gab. Schon der Beginn des Romans macht die Atmosphäre von F. Scott Fitzgeralds literarischer Abrechnung mit dem "amerikanischen Traum" deutlich.

Das Videospiel "The Great Gatsby" eröffnet mit einer Szene, in der Nick Carraway auf Kellner schießt, die Tabletts mit Martinis tragen, und dabei herunterfallenden Kronleuchtern und herumfliegenden Ventilatoren in Jay Gatsbys Villa auf Long Island ausweichen muss. Von da an wird es noch abgedrehter: Nick muss ein Augenpaar in Grund und Boden starren, schlägt sich durch zwielichtige Kneipen und kämpft gegen Geistersoldaten am Strand.

Diese Adaption von Fitzgeralds Klassiker von 1925 ist deutlich weiter vom Original entfernt als Baz Luhrmanns 3D-Film, der am Donnerstag in den Kinos anläuft. Doch der Film mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle könnte dem Videospiel im nostalgischen Nintendo-Look, der den amerikanischen Roman wie Super Mario Bros. aussehen lässt, zusätzlichen Schub verleihen.

Fankult im Internet

"The Great Gatsby for NES" - NES steht für Nintendo Entertainment System - ist bereits zum Fankult im Internet geworden. Die Website mit dem Onlinespiel wurde laut Serverdaten seit Februar 2011 mehr als 2,5 Millionen Mal aufgerufen.

Das Spiel besteht aus vier Levels, die die Handlung des Romans widerspiegeln. Nach der Hüpfübung durch Gatsbys Villa - darunter ein Stopp in seiner Bibliothek, bei dem er den bebrillten Charakter Owl Eyes kennenlernt - hüpft Nick über Züge zum "Tal der Aschen" und bekämpft dort die Augen von Dr. T. J. Eckleburg, dem Augenarzt, der als Plakat über den Gleisen zwischen dem Norden Long Islands und New York City prangt. Das zweite Level endet damit, dass Gatsbys Geliebte Daisy Buchanan in Tränen ausbricht und in seine Hemden heult.

Dann geht es nach New York. Dort besucht Nick eine Untergrund-Kneipe, die von Meyer Wolfsheim besucht wird, einem Zocker, der laut Gatsby die Baseball-Saison 1919 manipuliert hat. Seine Gegner sind die Black Sox, das Team aus Chicago, das an dieser Verschwörung beteiligt ist. Nick begegnet dort auch Jordan Baker, mit der er eine Affäre hat - doch sie verlässt ihn, um etwas trinken zu gehen. "Gut Nacht, Mr. Carraway", sagt sie. "Bis bald."

Das letzte Level bringt Nick zu seiner Heimat, dem Strand von West Egg. In dieser Phase des Spiels kämpft Nick gegen Geistersoldaten des Ersten Weltkriegs. Hat er die Soldaten besiegt, verabschiedet sich das Spiel mit "Game over, old sport!".

Das Onlinespiel wurde von Charlie Hoey und Peter Malamud Smith kreiert, die beide 30 Jahre alt sind. Hoey schrieb den Programmcode. Er arbeitet als Programmierer bei der Barbarian Group, einer Kreativagentur in New York. Smith, der als Redakteur für die Onlineredaktion des Magazins "Parade" arbeitet, übernahm die Grafik und nutzte sein Wissen über Nintendo-Musik, um einen Soundtrack aus Originalsongs wie "Green Light Rhapsody" und "Green Light Nocturne" zu komponieren.

Die Idee, ein Gatsby-Videospiel zu kreieren, kam Hoey eines Nachts, als er an einer 8-Bit-Version des Buchcovers arbeitete. Es war nicht schwer, seinen Freund Smith, Gatsby- und Nintendo-Fan gleichermaßen, von dem Konzept zu überzeugen.

Die Arbeit an dem Spiel dauerte etwa neun Monate. Die beiden Freunde hatten zuvor noch nie ein derartiges Spiel gemacht. Teile des Codes übernahmen sie von ihrem Freund Dylan Valentine, einem Programmierer, der von dem Projekt begeistert war. "Man macht ein Adventure-Spiel aus der vielleicht am wenigsten für ein Adventure-Spiel geeigneten Geschichte", sagte Valentine. "Das hat mich amüsiert."

Eine Portion Geheimnistuerei durfte nicht fehlen

Hoey und Smith fügten dem einfachen Spiel auch eine Portion Geheimnistuerei hinzu. Auf der Website behaupteten sie, dass es sich bei dem Spiel um eine lange verschollene Nintendo-Kassette aus Japan namens "Doki Doki Toshokan: Gatsby no Monogatari" handelte, die sie für 50 Cent auf dem Flohmarkt erstanden hätten. Um den Scherz authentischer zu machen, baten sie den freiberuflichen Illustrator Michael DiMotta, eine Werbung zu entwerfen, die aussieht, als sei sie 1990 im "Nintendo Power Magazine" erschienen.

Der schwierigste Teil bei der Umsetzung des Buchs von Fitzgerald war herauszufinden, wer die Zielgruppe des Spiels ist. "Wir wollten, dass es sowohl Englischlehrer als auch Hardcore-Nintendo-Fans anspricht", sagt Hoey.

Zufälligerweise ist Smiths Vater David Englischlehrer an der Milton Academy, einer privaten weiterführenden Schule, die "The Great Gatsby" im Unterricht behandelt. Der ältere Smith ist alles andere als ein PC-Spieler. Er brauchte einen Monat, um das Spiel zu schaffen, und nennt es "auf hypnotische Weise faszinierend".

Versteckte Belohnungen im Spiel

Das Spiel richtet sich an Laien. Der Durchschnitts-Nutzer verbringt drei Minuten auf der Website. Dennoch enthält es versteckte Belohnungen, die nur von Experten entdeckt werden können. Jeder, der das Spiel beispielweise meistert, ohne ein Leben zu verlieren, sieht, wie Nick zurück aus New York einen Zug im Mittleren Westen der USA verlässt. Die Programmierer platzierten außerdem zehn Beutel mit Münzen im Spiel. Wer alle aufsammelt, gelangt zu einem geheimen Level, über das die Macher nicht mehr verraten wollen.

Die Veröffentlichung von Luhrmanns Film hat das Interesse an allem, was mit "Gatsby" zu tun hat, angeheizt - inklusive dem inoffiziellen Nintendo-Spiel. Die Beliebtheit des Spiels hat die beiden Macher aber nicht zu Millionären in der Gatsby-Liga gemacht: Hoey sagt, die Website mache im Monat einen Umsatz von etwa 70 Dollar. Den Großteil der Umsätze generieren sie über den Verkauf von T-Shirts, Onlinewerbung und Empfehlungs-Links. Das Geld wird für die laufenden Kosten der Webseite verwendet, sagt Hoey.

Ein Grund, warum aus dem Spiel kein Geschäft wurde: Die US-Rechte an "Der große Gatsby" liegen noch bis 2021 bei der Familie von Fitzgerald. Die Familie wollte sich zu dem Spiel nicht äußern.

Smith sagt, das Spiel sei ohnehin zum Spaß entwickelt worden und nicht, um Geld zu verdienen. Auch erwarten die beiden Freunde nicht, dass ihre Version des großen Gatsby an die Stelle der literarischen Vorlage von Fitzgerald tritt, die diesem während seiner eigenen Lebenszeit nicht viel Geld einbrachte, aber heute auf den Bestsellerlisten zu finden ist. "Ich glaube nicht, dass irgendwer unser Spiel spielt, statt das Buch zu kaufen", sagt Hoey. "Hoffen wir, dass es keiner macht", fügt Smith hinzu. (Ben Cohen, Wsj.de/derStandard.at, 16.5.2013)

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