Genial gescheitert beim Song Contest

17. Mai 2013, 09:49
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Außergewöhnliche Beiträge, die chancenlos waren aber für immer in Erinnerung blieben. Ein Streifzug durch die Song Contest-Geschichte

In der 57-jährigen Geschichte des Eurovision Song Contests gab es immer wieder Beiträge, die ihrer Zeit voraus waren. Oder sie waren so jenseits des Mainstreams, dass sie für einen Spitzenplatz nie in Frage kamen. Bereits beim allerersten Song Contest 1956 in Lugano, als noch der Chanson die kommenden Jahre dominieren sollte, überraschte Deutschland mit einer Rock-'n'-Roll-Nummer von Freddy Quinn. Leider gibt es davon kein Videomaterial mehr. Aber gerade solche Beiträge bleiben für immer in Erinnerung. Ein kleiner Streifzug.

Nowegen 1965: Åse Kleveland - "Intet er nytt under solen" (Platz 3) 

Nur etwas mehr als zwei Minuten dauerte der Beitrag Norwegens im dem Jahr 1965. Völlig ungewöhnlich für die Zeit stand Åse Kleveland mit Gitarre auf der Bühne und bot ein äußerst verdichtetes Stück Musik, komponiert von Arne Bendiksen. Die Juristin (Schwerpunkt Urheberrecht) wurde später Präsidentin der Vereinigung norwegischer Künstler und Künstlerinnen, moderierte 1986 den Song Contest aus Bergen, war von 1986 bis 1990 Gleichberechtigungsbeauftragte der norwegischen Regierung, von 1990 bis 1996 Kulturministerin und für die Austragung der Olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer mitverantwortlich. Heute setzt sie sich für einen säkularen Humanismus ein.

Monaco 1967: Minouche Barelli - "Boum badaboum" (Platz 5)

Serge Gainsbourg komponierte bereits das Siegerlied von 1965 ("Poupée de cire, poupée de son" von France Gall). Er wollte beim Eurovision Song Contest 1967 in der Wiener Hofburg offenbar irritieren. Oder, wie der ORF-Kommentator es damals ausdrückte: "Beim ersten Anhören ist die Melodie ein wenig verwirrend, überhaupt das ganze Chanson. Ein Hauch von Weltraum liegt darüber. Es gibt auch ein echtes Countdown." Aber hört selbst:

Österreich 1971: Marianne Mendt - "Musik" (Platz 16)

Österreich stellte 1971 die Musikindustrie in Frage und übte im Grunde auch Kritik an dem Musikwettbewerb selbst - das Ganze auch noch im Wiener Dialekt. Ostbahn Kurti und seine Schmetterlinge werden das 1977 erneut tun. Vielleicht ist hier der Grundstein dafür gelegt worden, dass Österreichs Musikszene diesem Bewerb - im Gegensatz zu ihren Kollegen in Europa - so distanziert, ja teilweise sogar überheblich gegenübersteht. Bis heute.  

Jugoslawien 1974: Korni Grupa - "Generacija '42 (Moja generacija)" (Platz 12)

Prog-Rock beim Song Contest? Ja, das geschah 1974, als Abba gewannen. Die Korni Grupa war eine äußerst erfolgreiche Rockband in Jugoslawien. Gegründet wurde die Gruppe 1968, es folgten viele erfolgreiche Schallplatten. Das Abschneiden beim Song Contest führte schlussendlich auch zur Auflösung der Band (einmalige Reunion 1987). Das Lied ist der Generation 1942 gewidmet und äußerst politisch.

Belgien 1980: Télex - "Euro-Vision" (Platz 17)

Belgien 1983: Pas de deux - "Rendez-vous" (Platz 18)

Jetzt zu den vermutlich avantgardistischsten Beiträgen in der Song-Contest-Geschichte. Belgien verwöhnte uns Anfang der 80er Jahre mit Elektropop-New-Wave und setzte neue Maßstäbe. In ihrer Heimat gelten diese beiden Songs als Meisterwerke und Evergreens. Beim Eurovision Song Contest hatten sie allerdings keine Chance. Télex mischten Punk, Dance und Vocoder. So etwas war sogar 2013 den österreichischen Zuschauern noch zu schräg (The Bandaloop). Télex-Songs fand man übrigens sogar in den US-Charts. Ihr letztes Album erschien 2006, bis heute sind sie gefragte Remixer. Pas de deux wiederum war ein experimentelles Kunstprojekt von Walter Verdin, der mittlerweile ein recht bekannter Videokünstler ist. 

Türkei 1980: Ajda Pekkan - "Pet'r oil" (Platz 15)

Orientalisch-türkische Rhythmen sind wir mittlerweile gewöhnt. 1980 war das aber noch ganz etwas anderes. Europa liebte Johnny Logan und konnte mit solcher Musik nur wenig anfangen. Ajda Pekkan ist in der Türkei heute noch ein Superstar, und dieser Beitrag wurde von ihr immer wieder in neueren Versionen aufgenommen. 

Polen 1995: Justyna - "Sama" (Platz 18)

Anfang der 90er Jahre entstand in Bristol rund um Tricky, Massive Attack und Portishead ein neuer Musikstil, den man Trip-Hop nannte. Polen ließ sich davon wohl 1995 inspirieren, kombinierte den Downbeat mit etwas Folklore und schickte Justyna mit einem ziemlich merkwürdig gesungenen Song ins Rennen.  

Island 1997: Paul Oscar - "Minn hinsti dans" (Platz 20)

Dass der Eurovision Song Contest in der schwul-lesbischen Szene besonders populär war, wurde bis in die 90er Jahre eher hinter vorgehaltener Hand geflüstert, obwohl bereits das Siegerlied von 1961 ("Nous les amoureux") als erstes Lied gilt, das verschlüsselt über die gleichgeschlechtliche Liebe erzählt. Paul Oscar inszenierte 1997 erstmals eine ziemlich queere Performance mit House-Beats, die an seiner sexuellen Orientierung keinen Zweifel ließ. Vorab gab er in Dublin eine Travestie-Party. Gegen Katrina & the Waves und Co hatte er aber keine Chance.

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Frankreich 2008: Sébastien Tellier - "Divine" (Platz 18)

In Frankreich war es schon ein Skandal, dass der Elektro-Musiker Tellier - aus der Pariser Schule rund um Daft Punk und Air kommend - nur Englisch singen wollte. Also wurde im letzten Moment eine Zeile Französisch hinzugefügt. Seine Performance mit Frauen samt Bärten - Jahre, bevor Conchita Wurst erfunden wurde - bleibt unvergesslich. In der Indie-Szene war der Song weltweit ein Riesenhit, beim Song Contest wurde er aber durchgereicht. 

Und was sind eure Lieblingsbeiträge aus der Kategorie "genial gescheitert"? Bin auf die Kommentare schon sehr gespannt! (Marco Schreuder, derStandard.at, 17.5.2013)

  • Single der belgischen Gruppe Télex, die beim Song Contest weniger erfolgreich war, aber dafür in die Charts kam.
    foto: aus der plattensammlung von marco schreuder

    Single der belgischen Gruppe Télex, die beim Song Contest weniger erfolgreich war, aber dafür in die Charts kam.

  • Sébastien Tellier 2008.
    foto: indrek galetin (ebu)

    Sébastien Tellier 2008.

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