Kein Mathe, keine Brüste

Blog16. Mai 2013, 10:21
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Über die Bildungskarenz neu und was die Wahrscheinlichkeitsrechnung damit zu tun hat

Mathe ist ausgefallen. Egal. Seit sich das öffentliche Interesse von Angelina Jolies Bein aus weiter nach oben verschoben hat, kommt man sowieso mit keinem anderen Thema durch.

Jedenfalls gibt es in Sachen Mathe nichts Neues zu berichten. In Sachen Piraha-Indianer auch nicht. In Sachen ÖH-Wahlen jedoch schon. Die finden nämlich noch gerade heute, Donnerstag, statt. Informationen für all jene, die noch immer unentschlossen sind, finden sich auf oehwahlen2013.at, einem von Studentinnen und Studenten betriebenen überparteilichen Blog. Nach der Wahl gibt's da auch Fotos von den Wahlpartys, den bluffenden Verlierern, den strahlenden Gewinnerinnen.

Apropos Gewinn: So eine Bildungskarenz ist wirklich ein Gewinn. Praktisch wie ein Lotto-Sechser, nur dass man den nicht beantragen kann. Und aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht hat, womit wir wieder bei der Mathematik wären. In Wahrscheinlichkeitsrechnung war ich immer gut. Deswegen war mir klar, dass es wahrscheinlicher ist, eine Bildungskarenz genehmigt zu bekommen, als einen Lotto-Sechser zu machen. Das Schöne daran ist: auch für alle anderen Angestellten ist die Wahrscheinlichkeit größer, eine Bildungskarenz genehmigt zu bekommen, als einen Lotto-Sechser zu machen.

An die 20.000 Personen haben im Vorjahr österreichweit diese Chance zur Weiterbildung genutzt, nur 24 Prozent davon haben bereits ein abgeschlossenes Studium. Mit 44 Prozent sind jene mit mittlerer Schule oder Lehrabschluss die größte Gruppe in Bildungskarenz, sie kommt also entgegen gängiger Vorurteile nicht nur sowieso schon höher Gebildeten zu Gute.

Wegen des großen Erfolgs wird die Bildungskarenz jetzt novelliert, mit 1. Juli tritt die Neuregelung in Kraft. Nach wie vor braucht man die Zustimmung des Arbeitgebers, möglich ist sie nach sechs Monaten durchgehender Beschäftigung in einem Betrieb. Minimal dauert sie zwei, maximal zwölf Monate, das AMS des Hauptwohnsitzes bezahlt in dieser Zeit das sogenannte Weiterbildungsgeld in Höhe des Arbeitslosengeldes.

Nachgewiesen werden muss die Teilnahme an einem Kurs im Ausmaß von 20 Wochenstunden. Bisher reichte im Falle eines Studiums die Inskriptionsbestätigung, das wird sich jetzt ändern. Alle Studierenden müssen vier Wochenstunden oder acht ECTS-Punkte pro Semester vorweisen. ECTS steht für European Credit Transfer System und soll gewährleisten, dass die Leistungen von Studierenden an europäischen Hochschulen vergleichbar und somit auch transferierbar sind.

Die Leistung kontrollieren zu wollen, ist natürlich legitim, gerade in einem Land, wo der Satz "Was war mei Leistung?" schon zu so etwas wie einem geflügelten Wort geworden ist. Wie so oft liegt die Tücke im Detail. Semesterwochenstunden mit ECTS-Punkten zu vergleichen, ist ein bisschen wie Äpfel mit Birnen, weil zwei Stunden eben nicht immer vier ECTS-Punkten entsprechen, ein Seminar  aufwendiger als eine Vorlesung ist usw. Aber man muss die Dinge ja nicht komplizierter machen, als sie ohnehin schon sind. Dass noch einige Fragen offen sind, zeigt zum Beispiel die Beantwortungsdisziplin von Minister Hundstorfer auf meinparlament.at.

Ich jedenfalls bin froh, dass ich meine Semesterwochenstunden auch ohne Kontrolle erbracht habe. Einfach aus Interesse. Machen andere auch. Gibt es öfter, als man gemeinhin denkt. (Tanja Paar, derStandard.at, 16.5.2013)

Tanja Paar, geb. 1970, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Graz, Wien und Lausanne. Nach journalistischen Aufenthalten bei "Falter", "Trend" und "Profil" ist sie seit zehn Jahren Redakteurin des STANDARD. Nun macht sie ein Jahr lang Bildungskarenz und kehrt an die Uni zurück. Sie studiert Informatik an der Universität Wien.

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    Bildungskarenz ist praktisch wie ein Lotto-Sechser.

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