Razzia an Standorten von Ölmultis

15. Mai 2013, 18:11
8 Postings

Politiker und Behörden haben immer wieder den Verdacht geäußert, der Ölmarkt werde manipuliert. Es gibt viel Grau

Wien - Die Wettbewerbshüter hatten zuletzt besonders viel zu tun: ein Aufzugkartell da, Preisabsprachen bei Eisenbahnschienen dort. Dazu vermuteten Schwindeleien am Goldmarkt nachgehen, Betrügereien mit dem Libor-Zinssatz, einem der wichtigsten Stellschrauben der Wirtschaft, unterbinden und, und, und. Dass auch der Ölpreis wieder in das Visier der Marktaufseher kommen würde, lag förmlich in der Luft.

Politiker und Behörden in ganz Europa hatten sich in den vergangenen Monaten immer wieder kritisch dazu geäußert, im vergangenen Herbst sogar ein Ölkonzern. Da ist Total bei Wertpapieraufsichtsbehörde IOSCO vorstellig geworden und hat vor marktverzerrten Ölpreisen gewarnt. Den Autofahrerklubs als Interessenvertreter der Tankkunden sind die Spritpreise so und so viel zu hoch.

Intransparente Preisbildung

Warum Big Player wie aktuell Shell und BP im Verdacht stehen, zu manipulieren, hängt mit der Intransparenz zusammen, wie die Ölpreise zustande kommen. Es hat auch damit zu tun, dass aufgrund der riesigen Mengen an Rohöl und -Produkten, die täglich verbraucht werden, kleinste Preisänderungen genügen, Milliarden-Geldflüsse in die eine oder andere Richtung zu lenken.

Das System der Preisfindung habe den Nachteil, dass es im Gegensatz zur Ölbörse nicht öffentlich ist, schreibt etwa Steffen Bukold in seinem Energieblog. Das letzte Wort jedenfalls haben Preisagenturen wie Platts aus den USA oder die britische Argus. Die sind schon seit Jahrzehnten im Markt etabliert. Weil im Handel mit Ölprodukten nur wenige beobachtbare Trades pro Tag oder Woche stattfinden, müssen die Ölpreise häufig geschätzt werden. Das geschieht folgendermaßen:

Mitarbeiter der Agenturen befragen - ähnlich, wie das bei der Libor-Ermittlung im Bankenbereich geschieht - regelmäßig Ölhändler, Vertreter von Ölkonzernen und andere Marktteilnehmer. Aus diesem Datenmix wird dann der Ölpreis destilliert. Die Angaben werden in der Regel auch auf ihre Plausibilität geprüft. Als Orientierungshilfe dienen auch noch vereinzelt öffentliche Auktionen.

Wenige Anbieter, viele Nachfrager

Der Politologe und Ökonom Bukold hält es für unwahrscheinlich, dass die Agenturen bewusst Preise manipulieren. Das macht in der Tat wenig Sinn. Der gute Ruf ist schließlich deren wichtigstes Kapital - einerlei, ob es sich nun um Platts handelt, Tochterunternehmen von McGraw-Hill (u. a. Business Week, Standard & Poor's) oder die britische Argus Media.

Dass es insgesamt ein recht unübersichtliches, komplexes Verfahren der Preisermittlung ist, kann man nicht bestreiten. Während aber beispielsweise nur wenige Akteure den Libor-Zinssatz festlegen, gibt es im Ölmarkt hunderte von Beteiligten und Tausende von Preisen, die miteinander vernetzt sind. Bricht einer aus, erregt das sofort Aufsehen.

Was schwerer wiegt: In Ölmärkten gibt es häufig ein systematisches Ungleichgewicht zwischen wenigen großen Anbietern, etwa Raffinerien, und vielen Nachfragern. Dass das nicht fair für die Ermittlung optimaler Preise ist, bedarf keines Gutachtens. Das sagt der normale Hausverstand. (Günther Strobl, DER STANDARD, 16.5.2013)

Siehe dazu auch Energycomment

  • Eine Schafherde vor der Kulisse des Hafens Rotterdam, des größten Ölumschlagplatzes der Welt. Öl bleibt ein Aufreger.
    foto: epa/jasper juinen

    Eine Schafherde vor der Kulisse des Hafens Rotterdam, des größten Ölumschlagplatzes der Welt. Öl bleibt ein Aufreger.

Share if you care.